Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Israeliten in Rumänien
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 399 - 400 (sequence 4)
- Language
- German
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399 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Eumänien. 400 bewusstsein der Völker. Es ist Zeit, dass ähnliche Gesetze nicht mehr angewendet werden. Es ist Zeit, dass man in den Grenzen Rumäniens nicht mehr eine besondere Kategorie von Personen sieht, die die öffentliche Sprache als „schutzlose Fremde" oder als „Einwohner, die keinen fremden Schutz gemessen", zu bezeichnen sich nicht gescheut hat. Im Namen der Gerechtigkeit und um der Grösse Rumäniens willen beschwören wir Sie, diese schmerzliche Anomalie aufhören zu machen. Wir sind nicht schutzlose Fremde, wir sind legitime Kinder dieses Landes und haben ein Anrecht auf dessen Schutz. Leugnen Sie nicht ferner unsere Eigenschaft als Eingeborene. Unterscheiden Sie uns von den Fremden. Erfüllen Sie sich mit den Gedanken der grossen Patrioten, die das freie Rumänien geschaffen haben. Lassen Sie sich von den Gefühlen unseres ruhmreichen Herrschers durchdringen, der im Jahr 1868 in bezug auf die Judenfrage vor dem Parlament die unvergesslichen Worte gesprochen hat: „Wenn die rumänische Nation zu anderen Zeiten von den Grundsätzen der Menschlichkeit und der religiösen Duldung nicht abgewichen ist, so wird sie nicht heute im 19. Jahrhundert unter meiner Regierung anfangen, diese heiligen Grundsätze zu verletzen." Was Manolake Costake Jepureanu unseren Vätern gesagt hat: „Kommt, seid Bürger mit uns", sagt es uns, den Nachfahren! Lassen Sie endlich den Tag der Brüderlichkeit anbrechen, an dem „die Söhne Rumäniens alle die gleichen Rechte haben werden" und der— um mit dem unvergesslichen Cogalniceanu zu reden— „der Tag der Befestigung Rumäniens sein wird." In der Erwartung dieses glücklichen Tages rufen wir aus der Tiefe unseres Herzens: Es lebe Rumänien! Es leben Ihre Majestäten der König und die Königin! Es lebe das erlauchte Herrscherhaus! Februar 1910." Der Petition ist eine Uebersicht über die gegen die rumänischen Israeliten erlassenen Gesetze beigefügt, die sich auf das soziale und wirtschaftliche Leben beziehen und ein Expos6 der Beschuldigungen, die man gegen sie erhoben hat, und deren mangelnde Begründung nachgewiesen wird. DIE ISRAELITEN IN PERSIEN. Der französische Resident in Teheran, Herr Raymond Lacomte, hat dem Central-Comite den Bericht mitgeteilt, den er von dem französischen Konsularagenten in Schiras über die Alliance-Schulen in der Provinz Fars erhalten hat: Schiras, den 10. Februar 1910. Vor einigen Tagen hat in der hiesigen Alliance- Schule die Verteilung von Hilfsgeldern an die israelitischen Opfer der jüngsten Wirren unserer Provinz stattgefunden. Die Unglücklichen waren, wie immer, die ersten gewesen, die die Wirkung der Unordnung, der Anarchie zu spüren hatten, die seit fast zwei Jahren im Innern der Provinz herrscht. Infolge der Belästigungen und unbarmherzigen Verfolgungen, nacbdem sie ihre "Wohnungen verwüstet, ihre Häuser verbrannt oder zerstört, ihren ärmlichen Erwerb zerrüttet gesehen hatten, verliessen sie ihre Wohnorte Lar, Darab, Dscharum, Nobendegun, und entflohen, etwa 60 Familien stark, nach Schiras. Hier lebten sie von der öflentlichen Mildtätigkeit. Das ist eine recht unsichere Existenz-Unterlage. Sie befanden sich auch bald im Zustand völliger Entblössung; ibr Elend war mitleiderregend. Angesichts dieses Unglücks schickte der Direktor der Allianceschulen, Herr Mataf, an das Central-Comite einen genauen Bericht über die traurige Lage jener Unglücklichen Er erhielt eine Beihilfe von 1000 Francs. Herr Mataf verteilte unter die Armen, die unter der Kälte ebenso wie unter dem Hunger litten, Decken und gab jedem arbeitsfähigen Familienvater ein kleines Kapital an Kram- und Weisswaren, mit dem das frühere Hausiergewerbe wieder betrieben werden konnte. Am 28. Januar wurde die Verteilung vorgenommen, der ich auf Herrn Matafs Wunsch mit dem englischen Konsul, Herrn Bill, und dem russischen Konsulatssekretär Herrn Karlubowsky beiwohnte. Die Gesichter der Aermsten strahlten vor Freude und Dankbarkeit bei der Vorstellung, dass sie nun wieder die Mittel zu einer geordneten Existenz hatten. Sie erwachten buchstäblich zu neuem Leben, denn ohne diese Hilfe, die ihnen die Vorsehung geschickt, wären sie vor Entbehrung umgekommen. — Später führte uns Frau Mataf, die Leiterin der Mädchenschule, in eine neu eingerichtete Werkstatt, wo etwa zehn junge Mädchen die Teppichweberei erlernen. Das ist eine sehr glückliche und dankenswerte Neuerung. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Das Werk der Alliance erweist sich von Tag zu Tag nützlicher und rühmenswerter. Diese wohltätige Gesellschaft legt sich unendliche Opfer auf, um die jüdischen Gemeinden Persiens zu heben; die Dienste, die sie den Israeliten dieses Landes leistet, sind unschätzbar. Die Schulen von Schiras entwickeln sich stetig und werden gegenwärtig von einer grossen Zahl junger Moslim besucht, die endlich angefangen haben, den Nutzen der Bildung einzusehen. Der Direktor der Schule in Kirmanschah berichtet über einen neuerlichen Zwischenfall wie folgt: Ein jüdischer und ein moslemitiscber Krämer geraten wegen eines Kunden in Streit, der Petroleum kaufen wollte. Der Jude, von dem Moslem misshandelt, klagte beim Friedensrichter, und der muselmanische Krämer wurde verhaftet. Die Moslim Hessen hierauf durch die Mollahs verkünden, dass der Muselman, der irgend eine Flüssigkeit bei einem Juden kaufen würde, den Koran verletze. Der Friedensrichter Hess darauf den moslemitischen Krämer frei und untersagte dem jüdischen Krämer den Verkauf von Petroleum. Der Kargusar, der Vertreter des Ministers des Auswärtigen, drm der Schutz der Israeliten gegen den- Fanatismus der Bevölkerung und gegen die Ueberforderungen der Behörden obliegt, der aber seine Klienten mehr ausbeutet als beschützt, witterte in dem Zwischenfall einen guten Fund und schickte in das Jndenviertel einen Agenten mit dem Auftrag, die iraelitischen Händler die Verpflichtung unterschreiben zu lassen, sie würden den Moslim in Zukunft weder Oel noch Pe'roleum verkaufen. Aus Angst vor Quälereien unterschrieben die Juden der Verpflichtung. Sobald ich hiervon erfahren hatte, Hess ich die geschädigten Israeliten einen Protest an das Ohergericht unterzeichnen, in dem es heisst: „Wir glauben nicht, dass ein Befehl aus Teheran uns den Verkauf von Flüssigkeiten verbietet. Wir glauben ebensowenig, dass der Kargusar Sie befragt hat. um die Bestimmung zu treffen, die dem Geist der Verfassung widerstreitet. Da das Gesetz uns den Verkauf von Flüssigkeiten nicht verbietet, so werden wir fortfahren uns diesem Handel zu widmen." Nach drei Tagen hob das Obergericht das vom Kargusar den Israeliten auferlegte Verbot auf. Wir erlangten überdies, dass das Obergericht durch Anschlag das Publikum unterrichtete, die Verfassung verbiete den Moslim nicht, Flüssigkeiten bei den Israeliten zu kaufen.