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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 381 - 382

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Vor 70 Jahren
Date
1910-06-01
Page
Seite 381 - 382 (sequence 3)
Language
German
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381 Vor 70 Jahren. 382 Freunden, an Lewinsohn begrüssen. Wie darf ich es wagen, darüber schon ein Urtheil zu fällen; da fehlen mir noch die Worte, da sind mir die Gedanken noch viel zu unklar, da ist das Chaos noch viel zu verworren, als dass der schöpferische Ruf: „es werde Licht", schon in Erfüllung gehen könnte. Noch ist es Nacht; und wir, die wir uns hiermit herzlich und freundlich begrüssen, können uns nur mit Jesaiah zurufen: jrtrh DJi yo xhn law ick no now ,nb%hü no usw („Wächter, wie viel von der Nacht vergangen? Wächter, wie viel von der Nacht noch übrig? Der Wächter spricht: Der Morgen kommt und auch die Nacht.") Ja, der Morgen kommt, so Gott in seiner Gnade ihn uns nur senden will; der Tag -wird anbrechen, wenn der Mensch nur erst aus vollem Herzen sprechen wird: rwtP Tayün w« -jvu („Gelobt seist du, Ewiger, der den Schlaf schwinden lässt"); bis dahin lassen Sie uns auf feste Mittel sinnen, wie wir die heissersehnte Stunde beschleunigen. Ich halte dafür, dass die jungen Leute, die in ihrer Liebe zum Bessern bei ihren Privatstudien alles Erdenkliche, was ihnen nur vorkömmt, zur Hand nehmen, wie diejenigen, die mit der Organisation und Einrichtung der Schulen beauftragt sein werden, sich mehr an ein systematisches, wohlgeordnetes zusammenhängendes Arbeiten gewöhnen, als dass sie Alles, was sie nur erhaschen können, untereinander werfen, und dabei gar keines gründlich verdauen. Es ist dies auch wieder ein gar charakterisierendes Merkmal zwischen den polnischen und deutschen Juden, dass der polnische blos nött6 („des Wissens wegen") lernt, sich über Vieles, das er nicht begreift, hinwegsetzt und mit dem nvms ep*x sich schon selig und glücklich preist; während der deutsche Jude des Wissens halber lernt, keines hinweglegt, das er nicht begriffen und erfassen hat, und dadurch sich eine Summe gründlicher Kenntnisse erwirbt. Dasselbe bringt man aus dem Talmudstudium dann auch zum Studium anderer Wissenschaften, und das Produkt ist dasselbe da wie dort, und dieses traurige Verhältniss bringt uns um eine Masse gründlicher Köpfe unter den polnischen Juden, die ganz Vorzügliches sonst leisten würden. Sehen Sie, ich studierte jetzt den höchst interessanten „Beth-Jehudah" unseres tiefgelehrten Lewinsohn; glauben Sie, es taut mir nicht wehe tief in der Seele, dass mein, wenn zwar auch unbedeutendes Urtheil dahin ausfallen muss, dass die Noten interessanter, als der Text sind? So geistreich, so frappant, so überraschend die Erstem sind, so kann ich dem Letztern doch nur ein Gerippe, eine Skizze, die ersten Züge zu einem interessanten Historiengemälde nennen. Wie unverhältnissmässig (unleserlich) in seiner „Vorhalle" schon, wo er uns einen kurzen Umriss der jüdischen Geschichte verspricht, das lange Aufhalten bei der Bibel, mit der magern Notiz dann, dass Juden schon im 17. Jahrhundert in Amerika waren. Wie wenig ausgeführt sind jene historischen Momente, wo man mit vollem Rechte Belehrung und Aufklärung von seiner bewundernswerten Gelehrsamkeit erwartet! Bei uns nennt man dies unsystematisch gearbeitet, und dem möchte ich zum Heile unseres Volkes vorgebeugt wissen; darum ersuche ich Sie innig, sich mit Ihren Freunden über das Princip der Zeitschrift, die Sie zu ediren gedenken, genauer zu besprechen und mir das Resultat davon mitzutheilen; ich werde in den Pesachferien die Manuscripte, die mir zugekommen sind, lesen und dann mit Ihrer gütigen Einwilligung Ihnen auch meine Ansicht darüber schreiben. Ein Princip müssen wir Einfür Allemal aufstellen, festhalten, in alle seine Richtungen verfolgen; dann haben wir auf dem Schlachtfelde gegen den extravaganten Chasidäismus jene Stellung eingenommen, die uns den Sieg sichern wird; denn dort wird jene Unkunde in Sohar und Kabbala, die doch 7/8 der Chasidim umfasst, das Ganze immermehr verflachen, und wenn dann der menschliche Geist, dem ihm eingebornen Gesetze gemäss, zur productiven Selbsttätigkeit aus diesem stagnierenden Schlummer erwachen wird, haben wir schon die Gabe ihm zu bieten, die er sehnsüchtig sucht. Was Ihre Schule in Wilna anlangt, so hat es damit, zum grossen Aergerniss des Ministers, wie er mir sagte, noch Zeit, und ich verschiebe daher mein Urtheil darüber bis zu meinem nächsten Brief; werde Ihnen aber ein Religionsbuch, sobald die verschriebenen nur ankommen, höflichst übermachen. Bittend, mich mit Ihrer werthen Zuschrift jabaldigst zu erfreuen und mir ja die schriftliche Bekanntschaft unserer anderen Commilitonen zu verschaffen, freue ich mich, diesen Briefwechsel mit Ihnen eröffnet zu wissen, und zeichne hochachtungsvoll Ihr Dr. M. Lilienthal. GUSTAV JOSEPHTHAL Die komplizierte Zeit, in der wir leben und die auf allen Gebieten der Kunst, in fast allen Zweigen des Geisteslebens die Ufer des historisch Ueberlieferten überflutet, hat auch innerhalb der religiösen Bekenntnisgemeinschaften schlummernde Zweifel geweckt und heisse Kämpfe heraufbeschworen. Schärfe und Bitterkeit traten dabei als natürliche Begleiterinnen hervor. Innerhalb der christlichen Kirche wurde dadurch der numerische Bestand der Zugehörigkeit kaum berührt, selbst das wiederholte Proldama einer politischen Partei, die Landeskirche zu verlassen, ist nur schwachem Widerhall begegnet. Anders bei der Judenheit. Hier sind es doch recht beträchtliche Kreise, die statt mit freudiger Ueberzeugung an den Tages- Nachdruck verboten. kämpfen teilzunehmen und zur Erreichung der erhabenen Ziele beizutragen, die von so Vielen ersehnt werden, den Religionszwang als lästig empfinden und Neigung zu förmlicher Glaubensflucht verraten. Ein betrübendes Schauspiel der Entfremdung, der Abkehr! In solchen ernsten Tagen bedarf das Judentum noch dringender als sonst weithin leuchtender, die Irrenden von falschen Pfaden ablenkender Führer, leitender Männer, die in ihrem hohen Persönlichkeitswert Vorbilder darstellen, zu denen die an des Zweifels Pforte Harrenden aufblicken, an denen sie sich aufrichten können. Ein solcher Mann ist in der Ueberschfift dieser Zeilen genannt.

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