Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Vor 70 Jahren
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 2)
- Language
- German
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.'379 Vor 70 Jahren. 380 es die alte Sprache war, die ihnen, hauptsächlich als heiliges Mittel für den Zweck diente, jegliches menschliche Wissen zu fördern! * * * In dem neuerdings (1910) in St. Petersburg erschienenen II. Bd. des vortrefflich redigierten russischen Sammelwerkes „P e r e s h i t o e" (Erlebtes), das der Geschichte und der Kulturgeschichte der Juden in tlussland geweiht ist, wird von dessen kundigem Redakteur, Rechtsanwalt S. M. Ginsburg in Petersburg, die russische Uebersetzung des nachfolgenden bisher ungedruckten Briefes veröffentlicht. Eine Abschrift des deutschen Originalbriefes verdanke ich ebenfalls Herrn Rechtsanwalt Ginsburg. Als ein Kulturdokument, dem nach 70 Jahren noch hohes Interesse bewahrt ist, bringe ich den alten Brief hiermit zum ersten Abdruck. Ueber die damalige Kulturepoche in Russland überhaupt, sei mir gestattet, eine besondere Abhandlung demnächst folgen zu lassen. M e m e 1, den 2. Mai 1910. Leo Scheinhaus. Dr. Max-Lilienthal (1840) an den hebräischen Schriftsteller M. A. G ü n z b u r g - Wilna. Riga, den 21. März 1840. Geehrtester Herr Günzburg! Sie sind recht böse und aufgebracht auf mich, und haben wahrlich allen Grund dazu. Sie sind mir auf eine so freundliche und verbindliche Weise entgegengekommen; Sie haben meinen Rath in einer mir, wie Ihnen, höchst interessanten Sache angesprochen; und ich habe Ihren geehrten Brief bis zur Stunde ohne alle Antwort, ohne alle Erwiderung gelassen. Indessen, meine Zeit ist so mannigfach in Anspruch genommen, meine geringen Kräfte auf so verschiedene Gegenstände zertheilt, und der Gegenstand und die Welt, über welche Sie meine Ansicht zu hören wünschen, mir so noch neu und unbekannt, dass ich mich Ihrer gütigen Nachsicht gewiss versichert halten und hoffen darf, dass Sie mir diesen sehr verzeihlichen Fehler nicht entgelten lassen und mich mit einer recht lebhaften Correspondenz erfreuen werden. Doch zur Sache. Sie haben mir in Ihrem Werthen die traurige geistige Verwilderung der russischen Juden mit so lebhaften Farben geschildert; Sie haben mir ein so schwarzes Bild von dieser geistreichen und geistlosen Masse entworfen, dass ich damals, als ich Ihre Zeilen zu Gesichte bekam, sie nicht noch einmal zu lesen wagte. Der Schmerz um die verlassene Heimath tobte so gewaltig in meiner Seele, die Trauer um meine unglücklichen Glaubensbrüder erschütterte mich so heftig, dass ich nicht wusste, woran ich mich halten, worauf ich mich stützen sollte. In unserem Deutschland da setzt sich die Jugend an einem späten Winterabende um einen Greis, dessen kahlen Scheitel die spärliche Silberlocke umspielt, und lässt sich erzählen von den alten Zeiten, in denen der Jude Unwissenheit mit Urtheilsanmassung, oberflächliches Aburtheilen mit gründlicher Unkenntniss einer jeden Sache paarte; und ihr grauet vor dem schrecklichen Bilde, das er entwirft; und ihr wird bange vor den Erscheinungen, die er ihr vor die Seele führt; und während sie sich dann freut, dass eine schönere Sonne aufgegangen ist über Israel, und eine freundlichere Zeit für dieses Leidensvolk angebrochen ist, schlägt der fallende Schnee an das Fenster, als wären es die längst verschiedenen Gestalten und Gespenster, die da um Eintritt und Zulassung in die Versammlung bitten. Wem aber möchte es bei uns zu Hause wohl träumen, diese Welt voll von Extremen noch einmal sehen, ja sie noch einmal mitleben zu müssen? Ist es mir ja, als wäre ich ein Januskopf; mit dem einen Theile meines Gesichtes sehe ich vorwärts in die heitern, nahen Gefilde einer schönen Zukunft; mit dem andern Theile schaue ich zurück in vergangne Jahrhunderte; und wie das Haupt der Meduse alle diejenigen versteinernd fesselte, die es anblickten, so hält mich dieser widrige Anblick leider gefesselt; und schon jetzt trifft mich die Strafe der Verdammniss des ewigen Lebens, die Wonnen der Seligkeit schauen, aber nicht gemessen zu dürfen. O, mein Freund, wie das mir die Seele zerfrisst, wie das mir das Herz zernagt! Ich habe den Juden kämpfen und ringen gesehen um Alles, was dem Menschen heilig und erhaben ist; ich habe ihn zwar getheilt in Richtungen gesehen, von denen wir die eine die orthodoxe, die andere die neologische nennen können; aber in Einem, da war die Seele eins, das ist die treue Anhänglichkeit an den Glauben der Väter, das starre Festhalten an einer kernigen Moral. Kommen da auch zwar Erscheinungen von Unmoralität vor, so hat sie doch wenigstens nicht den Mantel des chassidäischen Heuchlers um, und giebt sich für das, was sie ist; oder es ist ein menschlicher Fehler, der .Anderen vergibt und Andere entschuldigt, wie er selbst der Entschuldigung bedarf, nicht aber den Splitter in eines Andern Auge, nur nicht den Balken in dem eigenen entdeckt, oder es ist ein Fehler, wie ihn leider die Gultur immer mit sich bringt, der aber durch vieles, vieles Gute wieder ersetzt wird. Wo aber hören Sie bei uns, dass man die zerbrechliche Waffe einer seichten, oberflächlichen Aufklärung blos dazu benützt, um die Bande zu zerhauen, die uns an den alten Glauben binden? Wo aber hören Sie bei uns, dass Jeder die Wissenschaft, die er erlernt hat, blos dazu verwendet, um sophistisch-ironische Fragen über die Dogmen seines Glaubens zu ersinnen? Nein, bei uns lernt man, um seinen Glauben zu verherrlichen; bei uns studiert man, um die Wahrheiten seiner Religion von allen Schlacken der Zeit zu reinigen; bei uns kämpft man, um den Dogmen Achtung und Anerkennung in den Augen aller Welt zu erringen; und sei man Arzt, Theologe oder Laie, Dr. Steinheim, Dr. Philippson oder Salvador, ein Streben beseelt nur Alle: die Brüder durch klare Erkenntniss der Religionswahrheiten inniger zu verbinden, durch eine freie, offene Polemik, wie sie freilich nicht überall gestattet ist, vor jeder Verlockung und Verführung zu bewahren. Was soll ich nun zu der Welt von Extremen sagen, die sich nun meinem Blicke darbietet? Auf der einen Seite ein leichtfertiges, leichtsinniges, selbstgefälliges Abwerfen des ererbten, angestammten Glaubens; auf der andern Seite ein starrer Chasidäismus, bei dessen Betrachtung ich immer zweifle, ob ich oder er Jude sei; auf der einen Seite ein feindseliges, misstrauisches Schauen auf Jeden, der nicht tanzt wie das allgemeine Lied geht, und der wohlklingende Fluch ^2) rDO TP« („Verflucht, wer die Grenze verrückt"); auf der andern Seite die Blüthen einer besseren Zeit, wie wir sie an Ihren