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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 377 - 378

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Dr. Alexander Stein, Ehren-Rabbiner von Worms
Date
1910-06-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 3)
Language
German
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377 Dr. Alexander Stein, Ehren-Räbbiner von Worms. Was Dr. Stein aber auf dem Gebiet der Caritas geleistet, ist geradezu bewundernswert. Sein gutes, mildes Herz war in den Wohltätigkeitsveremen die vielfach von ihm selbst gegründet und geleitet wurden, bei seinen Kollegen im Vorstand geradezu „berüohtigt". Da gab es kein Gesuch, das Dr. Stein nicht befürwortete und bewilligte, und er wusste es •auch immer durchzusetzen, dass den Armen wurde, was sie erbaten. Er stand den Armen, die im Sommer scharenweise heranzukommen pflegen, den ganzen Tag zur Verfügung, und die grosse Kolonie armer eingeborner wie eingewanderter Glaubensgenossen stellte an seine Zeit und an seine Geduld unendliche Zumutungen. Unermüdlich wirkte er im Wohltun, immer galt es, zu helfen und zu stützen. Im Jahr 1896 veranlasste er die Gründung eines Zweigvereins der Alliance Israelite Universelle. Eine lebhafte Propaganda, die er unterstützt von Gesinnungsgenossen in Nachbarorten betrieben, führte zur Gründung anderer Zweigvereine. Auch verschiedene Stiftungen verdankt die Alliance dieser Tätigkeit Dr. Steins. Es würde zu weit führen, wollten wir all die Wohltätigkeitsvereine aufzählen, in denen Dr. Stein an leitender Stelle tätig war, nur eins sei noch bemerkt, dass Dr. Steins humanitäres Wirken sich nicht blos auf den Kreis seiner Gemeinde beschränkte, sondern auch auf die gauze Stadt ausdehnte. Dr. Stein war eine starke und doch milde Persönlichkeit, ein zuverlässiger Charakter, der getragen von Pflichtgefühl und voll Treue im Beruf, als wahrer Priester der Liebe und Duldsamkeit in Worms gewirkt hat. Er war der ganzen Gemeinde der bewährte Leiter und Führer, jedem einzelnen Gemeindeangehörigen ein wohlmeinender, väterlicher Freund, voll Teilnahme an seinem Geschick, seinen zahlreichen Verehrern, deren er in allen Kreisen der Stadt gar viele hat, das Musterbild eines ganzen Mannes. Wie sein frommes, ehrliches, friedliches und kluges Wirken der Gemeinde die Einigkeit und Einheit bewahrt, wie sein mildes, versöhnliches Wort die Gegner des Gemeindefriedens entwaffnet hat, so hat er durch sein humanitäres Wirken, durch seine Friedensliebe und Duldsamkeit das gute Einvernehmen mit den andern Konfessionen gefördert und gestärkt. Mustergültig wie das Wirken des Mannes nach aussen war auch sein Familienleben. Und er war in seinem Hause kein anderer, wie draussen im Leben, immer liebevoll und gütig, . immer einfach und bescheiden, immer wahrhaftig und immer fromm. Nur schweren Herzens trennte sich Dr. Stein von dem ihm liebgewordenen Amt, in dem er so Hervorragendes geleistet, und mit herzlichem Bedauern sah die Gemeinde ihren geliebten und hochgeschätzten Seelsorger von dannen ziehen. Wie herzlich er zum Abschied gefeiert wurde, das lässt sich kaum beschreiben, das muss man miterlebt haben. Es war rührend zu sehen, wie die Gemeindearmen, denen der Scheidende ein treusorgender Vater war, sich noch in letzter Stunde an den Scheidenden herandrängten, um unter Tränen ihm Zeichen des Dankes, der Liebe und Verehrung für das zu geben, was er ihnen gewesen und was er ihnen geleistet. Alle Ehrungen aber, die ihm bei seinem Scheiden geworden, der Wetteifer, den alle Gemeindemitglieder ohne Unterschied an den Tag gelegt, ihrem Seelsorger Beweise ihrer unauslöschlichen Dankbarkeit zu geben, sie mögen dem wackeren Mann die beglückende Gewissheit verschaffen, dass er nicht vergeblich gewirkt, dass die Saat der Liebe, die er ausgestreut, herrlich aufgegangen ist und die Frucht der Dankbarkeit gezeitigt hat. Möge er das beglückende Bewusstsein hinübernehmen in die neue, alte Heimat, dass das Gute und Edle, das er geleistet, als reicher Segen fortwirken wird, in der altehrwürdigen Gemeinde Worms. Möge dem treuen verdienten Mitarbeiter, der für unsere heilige Sache so unendlich viel geleistet hat und den wir als Zeichen unserer Dankbarkeit zum Ehrenvorsitzenden des Zweigvereins der Alliance in Worms ernannt haben, ein otium cum dignitate beschieden sein — das ist unser Wunsch. VOR 70 (Vorbemerkung.) Dr. Max Lilienthal (geb. am 6. November 1815 zu München, gest. am 5. April 1882 in Cincinnati), wurde aus seiner deutschen Heimat als Hauptlehrer für die neue jüdische Gemeindeschule in Riga berufen und im Januar 1840 in sein Amt, zugleich als Gemeindeprediger, eingeführt. Dieser ausgezeichnete deutsche Jude war ausersehen, die erste führende Rolle in der Kulturbewegung' für die russischen Juden zu übernehmen. ,,Ein Jüngling wie ein Mann!" Seine jugendliche, lichtvolle Erscheinung wirkte imposant, als begeisterter Anwalt des Fortschritts gewann er überzeugte Anhänger. Seine grosse Reise in Russland war ein Siegeszug der Aufklärung. Sein Wirken war von meteorisch kurzer Dauer. Er verschwand schnell, doch sein Schimmer leuchtet immer noch zurück. Durch manche Enttäuschung entmutigt, Wanderte er Ende 1845 nach dem freien Amerika, wo er ein Rabbinat annahm und als hervorragender Kanzelredner in New-York und später in Cincinnati, auch als Professor an dem „Hebrew Union /\ni\I_.rN. Nachdruck verboten. College" und im Direktorium der Universität fungierte. M. A. Günzburg (geb. 21. Kislew 5556—1795 zu Salanten, gest. am 16. Cheschwon 5607—1846 in Wilna) war einer der ersten hervorragenden hebräischen Schriftsteller, die vorbildlich und erfolgreich an der Renaissance der neuhebräischen Sprache und der Kultur arbeiteten. Mit Lilienthal — dem Heros der jüdischen Aufklärung in Russiand — standen vorzugsweise die hebräischen Schriftsteller in gegenseitig fördernder Beziehung. Ihre Tätigkeit war zielbewusst und erspriessüch, die anderen Kulturfaktoren überdauernd. Sie gingen mit Begeisterung an die ideale Arbeit, moderne Erkenntnis und neue Geistestätigkeit unter den Juden zu mehren, und alles menschliche Wissen mit Hilfe der hebräischen Sprache zu fördern. Es gereicht ihnen zur höchsten Ehre, dass sie bei der Aneignung der weltlichen Kultur ihre eigene, die altjüdische, nicht unterschätzten. Wie hätten sie das Altjüdische verleugnen können, da

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