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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Dr. Alexander Stein, Ehren-Rabbiner von Worms
Date
1910-06-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 2)
Language
German
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375 Dr. Alexander Steinj:.Ehr6ri-Ra,bl)ipertvoii Worms. ,376 arbeit aufgeht und den eine angeborne Scheu vor geräuschvollem Wirken in die Grenzen seines Berufskreises bannt, vom Standpunkt des Ganzen aus betrachtet, geringer einzuschätzen sei. Ist doch das Ganze am besten besorgt, wenn in allen seinen Teilen der rechte Geist waltet, und wenn da alles, was zu leisten ist, von tüchtigen Kräften mit voller, ungeteilter Hingebung als selbstverständliche Herzenspflicht geleistet wird. Zu diesen, durch unermüdliche, geräuschlose rabbinische Wirksamkeit um das Judentum wohlverdienten Männern gehört auch der Mann, dem diese Zeilen gewidmet sind: Rabbiner Dr. Alexander S t e i n in W o r m s. Er ist am 1. April d. J. nach fast 43jähriger, ununterbrochener Amtstätigkeit in einer und derselben Gemeinde in den Ruhestand getreten und wurde aus diesem Anlass nicht bloss aufs neue vom hessischen Landesfürsten mit einem hohen Orden bedacht, sondern auch von seiner Gemeinde, die ihn mit Zustimmung des Grossherzoglichen Ministeriums zu ihrem Ehrenrabbiner ernannte, in herzlichster Weise geehrt und gefeiert. Auch wir können es uns bei dieser Gelegenheit nicht versagen, weiten Kreisen ein Bild von der segensreichen Tätigkeit unseres allzeit hilfsbereiten Freundes und geschätzten, langjährigen Mitarbeiters zu geben. Dr. Stein stammt aus dem badischen „Musterländle", und wie er noch heute an seinem Heimatlande mit ganzem Herzen hängt, in dessen Hauptstadt er nunmehr sein otium verbringen will, so prägt sich in seinem ganzen Wesen und Wirken die süddeutsche Eigenart deutlich aus. Vor allem prävaliert in ihm das Herz, und ein reiches Gemütsleben ist ihm zu eigen. Nicht etwa auf Kosten klaren, logischen Denkens! Aber es ist für jeden, der ihn kennen zu lernen Gelegenheit hat, fesselnd, zu beobachten, wie oft bei ihm, schon im oberflächlichen Gespräch, das Herzjüber seinen scharfen Intellekt den Sieg davonträgt. 'Daher eine seltene Milde über sein Wesen ausgegossen ist, eine Sanftmut, Gelassenheit und abgeklärte Ruhe, die ihn zum Diener der Religion in hohem Grade geeignet macht und bei einem Mann, dem im Beruf, Mühen, Sorgen und Kämpfe und auch Enttäuschungen nicht erspart geblieben, doppelt angenehm auffällt. Gern bereit, jeden Menschen nach seiner besten Seite, also mild und wohlwollend zu beurteilen, versteht er die schwere Kunst, jeden, auch den Aermsten, ruhig, ohne Zeichen der Ungeduld anzuhören und sich in dessen Lage und Stimmung teilnahmsvoll zu versetzen. »«Süddeutsch ist ferner seine Biederkeit, süddeutsch seine Einfachheit und Schlichtheit, nicht blos in der Lebensauffassung, sondern auch in der Lebensführung, süddeutsch seine Aj*t sich natürlich zu geben, und bei aller Hoheit und Würde, die von ihm ausströmt, der zugänglichste Mensch zu sein, der jeden mit freundlichem Gesicht empfängt. Auch die Religiosität Dr. Steins ist im guten Sinne süddeutsch. Hiess es schon im Mittelalter „Wormser Juden, fromme Juden", so gab der Wormser Rabbiner Dr. Stein, der sich seinen durchFrömmigkeit und Dr. Stein, Worms. Gelehrsamkeit ausgezeichneten^Yorgängern ebenbürtig anreiht, seiner Gemeinde allzeit das Vorbild echter, ungeheuchelter Frömmigkeit. Trotz seines tiefen Verständnisses für die Forderungen der' Zeit und für die Aufgaben des Rabbiners in der Gegenwart, zählt er zu dem alten Schlage jener konservativen jüdischen Seelsorger, die, für Judentum und seihe Heilswahrheiten in Liebe erglüht, ihre Hauptaufgabe in der pietätvollen Erhaltung des von den Vätern überkommenönErbguts erblicken und bei aller Toleranz gegen jede andere ehrliche Ueberzeugung für sich den Weg der guten alten Frömmigkeit wandeln. Das ist keine Frömmigkeit, die andern in die Augen sticht und ihnen zuzurufen scheint: „Warum bewundert Ihr mich nicht?", das ist vielmehr eine Frömmigkeit, die als unmittelbares Bedürfnis aus dem Herzen hervorgegangen, durch reiches Wissen vertieft und veredelt und zut frommen Gesinnung gereift, jede Pose haSst und jedes unwahre Gebahren. WTer so durch und durch wahrhaftig ist, wie Dr. Stein, dem hat auch nichts mehr fern gelegen, als durch falschen Schein zu blenden. Ein Mann aber, der mit so reichen Anlagen und Tugenden begnadet ist,musste als Seelsorgerinder Gemeinde eine segensreiche Tätigkeit entfalten. Sein eifrigstes Bestreben ging dahin, den guten, alten, jüdischen Geist in der Gemeinde zu erhalten. Darum hat er dem Gottesdienst, seiner Veredlung und Ausgestaltung seine ganze Kraft gewidmet und zeitgemässe Anordnungen getroffen, die unter Wahrung des Ueberkommenen auch das Neue berücksichtigten. Bald nach seinem Amtsantritt rief er einen Chorverein ins Leben, der noch heute an Sabbaten und Festtagen den Gottesdienst durch Gesang verherrlicht. Schlicht und einfach und wahrhaftig wie der ganze Mann war auch seine Predigt, ohne Phrasen, ohne leeres Wortgepränge, aber wohldurchdacht, streng logisch gegliedert, gedankenreich und getragen von inniger Liebe zum Judentum. Dr. Stein hat wohl als einer der ersten Rabbiner in Süddeutschland einen regelmässigen Jugendgottesdienst eingerichtet und der Jugend Liebe und Begeisterung für den Glauben der Väter und edles Selbstbewusstsein einzupflanzen gesucht. Mit besonderer Liebe und Treue gab er sich dem Jugendunterricht hin, der bei seinem Amtsantritt noch nicht organisiert war und den er bei dem Widerstreben der damaligen Verwaltung gegen jede mit Unkosten verbundene Neueinrichtung, anfänglich ganz allein — 36 Wochenstunden — erteilte. Als Lehrer war er ein Muster der Gewissenhaftigkeit und Berufstreue, ernst, eindringlich und anregend war sein Wort. Ein Schüler Dr. Steins, ein durch sein mutiges Eintreten für die Ehre des Judentums und durch seine eminente Beredsamkeit in weiten Kreisen bekannter Mainzer Rechtsanwalt, hat bei der Abschiedsfeier für seinen ehemaligen Lehrer öffentlich bekannt, dass er seine Liebe zum Judentum auf den nachhaltigen Religionsunterricht zurückführe, den er bei Dr. Stein genossen. Die Begeisterung und Wahrhaftigkeit des Lehrers, bei dem Lehren und Leben nur eine Harmonie gewesen, hätte in den Herzen der Schüler Begeisterung für den Glauben der Väter auslösen müssen.

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