Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die Legende von König Salomo und den drei Schachspielern
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 371 - 372 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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371 S. G. Frag: Die Legende von König Salomo und den drei Schachspielern. 372 Wieder ist er am Schachbrett. Nur dass sich ihm gegenüber an Stelle des Greises die männliche Gestalt eines syrischen Kaufmanns und Plantagenbesitzers befindet, dessen sonnverbanntes, von pechschwarzem Bart umrahmtes und von einem gelben Turban beschattetes Gesicht den Ausdruck stiller, ruhiger Nachdenklichkeit trägt. Aber in seinen hellbraunen Augen flimmert etwas Seltsames, etwas, das in die Seele dringt und ein Gefühl der Beunruhigung hervorruft! . . . Der König nimmt sich zusammen, um diese Aengstlichkeit, diese für ihn, den Mächtigsten und Klügsten beschämende, kindische Aengstlichkeit zu unterdrücken. Eine scharfsinnige Kombination gelingt, wie es nicht besser sein kann; er tut einen Zug . . . der Gegner •ist verloren. . . . -7- „Du hast verspielt!" — spricht der König. — „Noch nicht/' antwortet ruhig der Mann mit dem schwarzen Bart und den rätselhaften Augen: —- „ich brauche nur einen Zug zu tun . . . nur einen Zug, und . . ." — „Bleibe hier!" — schreit der König, indem er seine Hand ergreift und sie mit Kraft zusammenpresst. . . . Aber in den krampfhaft zusammengepressten Fingern fühlt er nichts als durchdringende Kälte. . . . Vor ihm ist niemand, und die Figuren auf dem Schachbrett stehen unberührt. . . . IV. Viele, viele Jahre waren seit jener Zeit vergangen. Mit schneeweissen Haaren, schwach an Körper, ruhte König Salomo auf seinem Purpurlager im Schatten Jahrhunderte alter Tamarinden. Auf seinen Knien lag eine Rolle, die die letzten Zeilen des „Predigers" enthielt, und auf einem Tischchen von reinstem Opfergolde stand ein Brett mit Schachfiguren. Der König war in seine Erinnerungen versunken und Hess die Ereignisse seines langen, glücklichen Lebens, seiner glanzreichen vierzigjährigen Regierung an sich vorübergehen. Wie viele grosse Siege auf dem Schlachtfeld, wie viele unsterbliche Denkmäler, wie viele Irrtümer, — und welche verhängnisvollen Irrtümer! Ach, vor ihm steht jetzt alles so deutlich, so klar. Ein unüberlegter Schritt — und die Folge ist hundertfältiges, tausendfältiges Bedauern. Ein Schritt im Leben — ein Zug auf dem Schachbrette. . . . Bei diesen Gedanken überläuft ein Zittern den Körper des Königs. Wie lebendig steht plötzlich vor ihm die majestätische Gestalt des Greises in der Karawanserei mit seinem seltsamen Lächeln auf den dünnen, blutlosen Lippen; .. Dann -rdas Bild des andern mit seinem durchdringenden Blick. . . . — „Einen Zug," — flüstert der König, indem er auf die auf dem Schachbrett gereihten Figuren schaut. —- „Einen Zug ... einen Zug. . . . Aber wer sind sie denn, meine geheimnisvollen Partner, meine unergründlichen Ueberwinder? Meine Ueberwinder! Ich kannte keine solchen während der ganzen Dauer meines Lebens, weder auf dem Felde, noch im Rat, weder in den Freuden der Liebe, noch auf dem üppigen Thron, noch auf den Saiten der Leier, weder im Wachen, noch in den blassen Traumgesichten der nächtlichen Ruhe. ..." So hing der alte König seinen Gedanken nach. Da drangen plötzlich an sein Ohr leise, ganz leise Laute; ihm ist, als ob eine unsichtbare ■ Hand die Saiten berühre und in weiter Ferne eine leise, wehmütige, zarte Stimme singe: — „Nah ist der weiten Wandrung Ziel . . . Schlaf ein, mein Kind, schlaf ein! Bereitet steht dir schon ein Pfühl, In kühlem Schattenhain. Des Lebens Lärm, des Lebens Schwärm Dringt nie hinan bis dort, Von aller Freude, von allem Harm Ruhst du am sichern Ort. . . . Zweimal schon ward ich dir gesandt, Ich habe dich gewarnt, Jedoch du hast mich nicht erkannt, Von Lebenslust umgarnt. Zum dritten und zum letzten Mal Besuche ich nun dich . . . Des Auges Nebel teilt ein Strahl . . . Nun sprich: erkennst du mich? . . . V. In tiefer, wortloser Trauer standen die Aeltesten und Würdenträger der Stadt um den sterbenden Gebieter. Bleich lag er auf sein prächtiges Lager hingestreckt. Sein erlöschendes Auge war auf das Schachbrett geheftet, auf dem man deutlich erkennen konnte, dass die auf des Königs Seite stehenden Figuren verspielt hatten, verspielt durch die erstaunliche, überraschende Kombination seines Partners. Aber wo war dieser Partner? — „Einen Zug ... ja, e i n e n Zug" — flüstern die Lippen des sterbenden Königs — „und verspielt ist die Partie . . . selbst die Partie eines solchen Lebens wie das des Königs Salomo, des Mächtigsten unter den Königen und des Weisesten unter den Sterblichen" . . . Aus dem Russischen übersetzt von E. S. SCHACH. Redigiert von Dr. Emanuel Lasker. Es ist etwas schönes um Gedanken, die Zeit zur völligen Reife gehabt haben. Sie sind das Erzeugnis einer langen Entwicklung, in deren Verlaufe jede ihrer verborgenen Schwächen entdeckt und beseitigt worden ist. Kostet es auch Mühe, sie zu begreifen, und fehlt ihnen daher auch der bestechende Glanz des schnell bereiten Witzes, so lohnen sie die Arbeit, Nachdruck verboten. den sie zu verstehen, mit dem dauernden Gewinn, ein fehlerfreies Vorbild gewährt. Der gedankliche Inhalt einer Schachpartie wird Kombination genannt, vermutlich, weil er durch eine Verknüpfung, fremdwörtlich Combination, einer Reihe von Zügen ausgedrückt wird. Die Kombinationen der langsam gespielten „Korrespondenzpartien" sind,