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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 369 - 370

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Die Legende von König Salomo und den drei Schachspielern
Date
1910-06-01
Page
Seite 369 - 370 (sequence 1)
Language
German
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3Ö9 3?0 DIE LEOENDE VON KOENIG SALOMO UND DEN DREI SCHACHSPIELERN. Von S. G. Frug. Nachdruck verboieö. I. Der König hat Langeweile. Er langweilt sich in dem prächtigen Palaste aus Zedern, Gold und Elfenbein. Er langweilt sich in den stillen Gängen des duftenden Gartens. Eine unendliche Langeweile quält ihn —- die Langeweile derer, denen alles offensteht, die Langeweile derer, die nichts mehr zu wünschen haben. Eines nur vermag ihn zu zerstreuen — das Schachspiel. Schon in seinen Jünglingsjahren hatte er dieses Spiel liebgewonnen. Aus nahen und fernen Landen hatte er Rajahs und Chans zum Turniere aufgefordert. Herden arabischer Pferde, Karawanen, beladen mit den feinsten Geweben, mit Elfenbein, herrlich schillernden Edelsteinen und den Wohlgerüchen des Orients, ganze Städte waren dem Sieger als Lohn verheissen worden. Und e r hatte immer gesiegt. Er hatte es versucht, seine Partner aus der Schar der Höflinge zu wählen. Unter ihnen waren Männer von grosser Klugheit und scharfem Verstand und, wie man allgemein behauptete, auch vorzügliche Spieler, aber ... sie alle hatten gegen den König natürlich verspielt. Der König war zu klug, um an ihre Aufrichtigkeit zu glauben. — „Nein," sagte er sich, „mein Partner darf nicht wissen, mit wem er spielt; nur dann wird mein Sieg ein wirklicher Sieg sein." Und so begann der König bald als Kaufmann, bald als Wanderer verkleidet, in den entlegensten Stadtteilen seiner Hauptstadt die Karawansereien und die Weinschenken zu besuchen und sich dort nach Partnern umzusehen. IL Zur Zeit des Frühlingsregens, als die wunderbare Hauptstadt Kanaans in ein Meer von zartem, jungem Grün getaucht war, die Feigenbäume ihre Knospen erschlossen und der aufblühende Weinstock Wohlgerüche ausströmte, begegnete der König in einer der Säulenhallen des Tempels einem Greis von ehrwürdigem Aussehen im Gewände eines Scheichs der Wüste. Unter diesen Scheichs, das wusste Salomo, waren nicht nur vorzügliche Reiter, tapfere Krieger, grosse Gelehrte und begeisterte Dichter anzutreffen, sondern auch hervorragende Schachspieler. Nach der üblichen Begrüssung begann der König vom Schachspiel zu reden. Um die dünnen Lippen des Greises spielte ein kaum wahrnehmbares Lächeln, dessen Widerschein auch in seinen tief eingefallenen Augen aufblitzte, die von buschigen Brauen beschattet waren, so weiss wie der Schnee auf den Gipfeln des Libanon. — „Das Schachspiel ... das Schachspiel" — murmelte er, „ja, das ist ein treffliches Spiel, ein tiefes, sinnreiches Spiel, bei dem — wie auch im Leben — oft alles von einem einzigen Zuge abhängt . . . von einem Zuge. . . ." — „Mein Herr!" — sagte~der König — „erweise mir die Ehre, eine Partie mit mir zu spielen. . . < . Dort in jener Strasse, die nach dem , Wassertor' führt, befindet sich eine Karawanserei, wo wir einen Krug vorzüglichen Weines und einen bequemen Platz für das Schachbrett finden werden." — „Gehen wir," — sagte der Greis, und bald sassen die Spieler am Schachbrett; Eine unbestimmte, ihm unverständliche, seltsame Aengstlichkeit bemächtigte sich des Königs in Gegenwart des Greises, und das war um so befremdender, als schon nach den wenigen ersten Zügen offenbar wurde, dass der Alte durchaus nicht zu den besten Spielern gehörte. Nach fünfzehn Minuten konnte kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass er die Partie verloren habe. Das schöne Gesicht des damals noch jungen Salomo nahm den gewohnten Ausdruck verdriesslicher Geringschätzung an. — „Du hast verspielt, alter Mann," — sagte er — „und gestehe es, zu schnell verspielt." Auf den Lippen des Greises zeigte sich das frühere rätselhafte Lächeln und, seinem Partner mit einem tiefen, durchbohrenden Blicke gerade in die Augen schauend, sprach er: — „Ich habe verspielt — sagst du, — leicht und schnell verspielt. Aber noch leichter und schneller kannst du verspielen. . . . Ich brauche nur einen Zug zu tun . . . nur einen Zug — und du wirst verspielen. ..." Heiss wallte das Blut des jungen Königs auf. — „So tue ihn doch, diesen Zug!" — rief er aus. Den flammenden Blick bohrte er in die blasse knochige Hand des Greises. . . . Aber da geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares: Diese Hand fing an zu zerfHessen, zu schwinden. ... Der König, erhob die Augen und erstarrte in unwillkürlicher Furcht, — die Gestalt des Greises war entschwunden, und nur auf dem weissen Leinendache bewegte sich ein dunkles Wölkchen hin und her, das allmählich auseinanderstob. . . . Der herbeigerufene Diener erklärte auf des Königs Befragen, der gnädige Herr beabsichtige wohl einen Scherz mit seiner Frage nach einem Greise, der ebensowenig hier gewesen sei, wie es auf dem Libanon eine Zeder gebe, auf der Weintrauben oder Feigen wüchsen. III. Lange konnte der König diesen rätselhaften Vorfall nicht vergessen. Aber sein Geist, der die ganze Natur umfasste und in alle ihre verborgensten Tiefen drang, arbeitete unausgesetzt fort, und so begann das Bild des geheimnisvollen Greises schon in seiDer Erinnerung zu verblassen, als ein zweiter fast gleichartiger Vorfall den König in erneutes Staunen versetzte.

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