Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1910)
- Article
- Die spaniolischen Juden
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 5)
- Language
- German
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Ai Hebr^us^Die^spaiiiplisphe» Jiicten. 300 Seiten. Sehr schlimm war es, dass die spanischen Gemeinden nach der neuen Heimat ihr altes Laster, die Streitsucht, verpflanzten. Nachdem sie bereits unter sich waren und die alten Gemeinden unterjocht hatten, begannen die Kämpfe unter ihnen selbst. Es war dies das alte Uebel, wie wir es aus der Geschichte der spanischen Juden zur Genüge kennen. Unter ihnen herrschte seit jeher die Sucht, in den Gemeinden ein strenges Regiment zu führen und jede Opposition mit der grössten Rücksichtslosigkeit niederzuwerfen. Aber gerade diese Strenge, die oft in Grausamkeit ausartete, reizte viele Gemeindemitglieder zum Kampf gegen wirkliche oder vermeintliche Willkürherrschaft. Und da man wusste, dass in diesem Kampf auf Milde und Schonung seitens der harten und stolzen „Parnassini" nicht zu rechnen sei, so war auch die Gegenpartei in der Wahl ihrer Mittel nicht sehr heikel. Jedes Mittel war recht, wenn man den Gegner niederwerfen konnte. In den meisten Fällen griff man zu Denunziationen; das tat die herrschende Partei nicht minder als die oppositionelle. Es ist bezeichnend, dass in die spanische Sprache, auf die, im Gegensatz zu der deutschen, das Hebräische gar nicht abgefärbt hat, das hebräische Wort „maisin" (Denunziant) übergegangen ist, von dem das Verbum „malsinar" (denunzieren) gebildet wurde. Dieses schreckliche Treiben hatte schon in der alten Heimat das grösste Unheil über die sephardischen Juden gebracht. Nach der entsetzlichen Katastrophe im Jahr 1391, wo es offenbar war, dass die Juden sich auf einem Vulkan befanden, der jeden Augenblick auszubrechen drohte, — auch in dieser Zeit vor der "Vertreibung Hessen die Juden von ihrer unglückseligen Gewohnheit des Hadems nicht ab. Der berühmte Rabbiner Simon Duran erhob dagegen seine warnende Stimme, er beschwor seine Glaubensbrüder in Mallorka, diese selbstzerfleischenden Zwistigkeiten endlich einmal aufzugeben. Dem später in seiner Responsensammlung veröffentlichten Schreiben fügte er die traurigen Worte hinzu: „Kurze Zeit darauf, nachdem meine Mahnung nicht gefruchtet hatte, sind die Leute von ihrem Schicksal ereilt worden; gerechte Strafe ist über sie gekommen." Auch in der Türkei fingen die Gemeindestreitigkeiten mit alter Heftigkeit an. Kaum war in einer Stadt eine Gemeinde gegründet, als sich einerseits die Gemeindevorsteher Härte und Willkür erlaubten, andererseits nichtgefügige Elemente der Gemeinde den Gehorsam verweigerten. Einige separierten sich und bildeten neue Gemeinden. Allerdings spielten dabei noch andere Motive mit. Aehnlich wie jetzt in Amerika pflegten sich Juden aus einer Stadt oder aus einer Provinz Spaniens oder Portugals zu vereinigen, um in der neuen Heimat eine Art Landsmannschaft zu bilden. Es gab daher in den grossen Sttädten wie in Konstantinopel, Saloniki, Valona usw. spanische und portugiesische Gemeinden, ferner katatonische, kastilische, aragonische Gemeinden, die sich gegeneinander abschlössen. Um sich gegen renitente Mitglieder zu schützen, die in Streitsucht ihre Gemeinde verlassen wollten, um zu einer andern überzutreten, wurde einmal allgemein unter Androhung des Bannes beschlossen, dass solche Uebertritte unzulässig, seien; andererseits schlössen die Gemeinden unter sich eine Art von Kartell ab, dass keine Gemeinde die desertierenden Mitglieder einer andern aufnehmen dürfe. Damit hörten aber die Kämpfe nicht auf. Denn erstens übertraten viele diese Forderung und beantworteten den über sie verhängten Bann mit einem Gegenbann (ebenfalls eine alte Unsitte aus der früheren spanischen Zeit) oder unter den Gemeinden selbst entstanden Reibungen. Das Spielen mit dem Bann, von dem der unglückliche Uriel Acosta und später der grosse Spinoza ein Lied zu singen wussten, war ein Unfug, der nicht wenig Unheil gestiftet hat. In der Regel war der Bann, so lange die Gemeinde fest geschlossen war, eine scharfe Waffe, mit der man den einzelnen niederstrecken konnte. Gewiss war mitunter die Härte angebracht, zumal ja der Gemeinde kein anderes Mittel zu Gebote stand, ihre Autorität aufrecht zu erhalten. Und sie musste ihre Autorität unter allen Umständen wahren, da sie ihr Dasein unter recht ungünstigen Bedingungen zu behaupten hatte. Aber gerade unter den spanischen Gemeinden waren es oft Stolz und Herrschsucht einzelner Männer, die dazu führten, jeden Widerspruch mit der grausamen Waffe des Bannes zum Schweigen zu bringen. Nach aussen hin waren die Herren immer auf die Wahrung ihrer Autorität bedacht. Davon ein kleines ergötzliches Pröbchen: Man weiss aus der Geschichte, das der 30jährige Krieg sich noch einige Monate hinschleppen musste, weil die Vertreter der deutschen Fürsten, die zum Friedensschluss versammelt waren, über die Rangordnung stritten. Ein ähnlicher Fall spielte sich auch in Amsterdam ab, als -dort im Jahr 1639 die drei spanisch-portugiesischen Gemeinden endlich ihre Wiedervereinigung beschlossen hatten. Alsder Vertrag unterzeichnet werden sollte, entstand die hochwichtige Frage der Etikette, wer von den Vorstehern der vertragschliessenden Gemeinden zuerst das Schriftstück mit seinem Namenszug zieren sollte- Ueber diese Streitfrage wäre beinahe der Friedensschluss in die Brüche gegangen. Da hatte ein Gemeindebeamter einen geradezu genialen Einfall. Der Vertrag musste in drei Abschriften ausgefertigt werden; auf jede nun sollte jener Vorsteher zuerst zeichnen, dem dieses Exemplar eingehändigt wird. Damit war der Friede gerettet. Diese Form bezüglich der Namensfertigung ist übrigens in diplomatischen Akten, Verträge von Staat zu Staat betreffend,, heutzutage allgemein üblich. II. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts finden wiralso grosse jüdische Gemeinden mit vorwiegend sephardischem Charakter in der jetzigen europäischen Türkei und den damals türkischen Provinzen auf dem Balkan, ausserdem auch jenseits der Save, in Südungarn bis- Budapest, mit dem Ausläufer in Wien. Bei der Erwähnung der jüdisch-sephardischen Gemeinde in derösterreichischen Hauptstadt möchte ich noch die Tatsache in Erinnerung bringen, dass der fromme- Sprössling des Hauses Habsburg, Leopold I.*