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Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 351 - 352

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Lesser Ury
Date
1910-06-01
Page
Seite 351 - 352 (sequence 3)
Language
German
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351 M. Rapsilber: Lesser Ury. 352 ment des von ihm selber überwundenen Naturalismus. Das Wendejahr war 1894, und von nun an wuchs er plötzlich in das Prophetentum hinein, indem er das Land der Väter mit der Seele suchte. Das Land der Väter! Als ich 1898, während das Ury-Panier schon hoch im Wind flatterte, im gelobten Lande und in Jerusalem herumstreifte, drängte sich mir auf Schritt und Tritt immer derselbe Gedanke auf: Warum ist Ury nicht hier, diese Wunderwelt zu malen, zu entdecken? Den Sonnenbrand am Toten Meer, die Feierlichkeit des Oelberges, die Felsendome der Königs- und Prophetengräber, die Burg Zion, die Terebinthen des Hain Mamre, die Abendgluten zwischen den Bergen der Ammoniter und Makkabäer, das Grab Raheis, die Majestät des Sinai. Von Cypern bis zum Sinai weben lauter echte Ury- Stimmungen zwischen Himmel und Erde, Stimmungen, die nur er allein zu meistern versteht, der echteste Sohn aus dem Stamme Juda. Es scheint mir, als ob die Welt darauf warte, und dass ein Grosses der Welt verloren gehe, wenn der Auserwählte das Land der Verheissung nicht mit Augen schaut. Das aber würde der grosse Inhalt von Urys dritter Epoche sein. Maecenas, atavis edite regibus, dir bleibt noch viel zu tun! Der' Ury-Saal in der Berliner Ausstellung bringt uns leider nur Stückwerk, nicht den ganzen Ury. Es fehlen die Bildnisse, es fehlen die Mosesbilder, der Jeremias unter dem Sternengewölbe, die Sintflut, Jerusalem, der David. Es scheint so, als ob man dem grossen Publikum nicht zu viel auf einmal zumuten wollte, und vielleicht hat Prof. Kallmorgen, der verdienstvolle Förderer der Ury-Ausstellung im Glaspalast, für den Augenblick die rechte Auswahl getroffen. Sehr reichhaltig ist des Künstlers naturalistische Frühzeit vertreten, und das aus dem gewichtigen Grunde, der Welt zu zeigen, was für ein Frühaufsteher dieser Ury gewesen ist. Wozu also das Geschrei um den Manet? Wir täten wahrlich gut, erst die deutschen Meister zu entdecken! Aus Urys Kulmination bringt die Ausstellung nur Landschaften, und zwar aus dem Grunewald, aus Oberitalien, aus Thüringen, Holstein, Seen und Wälder, Berge und sonnenbeglänzte Fluren, Abendgluten und Morgenstimmungen, Sonnenglorie und geheimnisvoll feierliches Dunkel, und das alles geboren aus einem schöpferisch grossen Geist, aus Titanenwucht, aus ätherischer Zartheit und wundersam webender Traumstimmung, und überall eine göttliche Herrlichkeit, die zur Anbetung zwingt, die unsere Seele aus den Fesseln des Alltags löst und sie weithin durch lichte Fernen entführt in das gelobte Land des Ideals. Merkwürdig, wie diese Bilder in sich leben und mit uns leben! Sie mögen jahrelang auf demselben Fleck in einem Zimmer hängen, sie bleiben jung und frisch, wie die Natur selber. Sie lachen und weinen mit uns, sie mahnen an des Menschen höhere Bestimmung, sie trösten uns in schweren Stunden vermöge der Kraft und Herrlichkeit göttlicher Schönheit. DIE SPANIOLISCHEN JUDEN. Von A. Heb raus. Nachdruck verboten. Die politischen Vorgänge in der Türkei haben unsere Aufmerksamkeit auch auf die Juden dieses Reichs gelenkt. Ihre Zahl wird schätzungsweise auf eine halbe Million angegeben. Wir besitzen allerdings keine genauen statistischen Angaben über die Gesamtzahl der Juden im Osmanischen Reich und auch nicht über die Stärke der einzelnen jüdischen Gemeinden, von denen manche von grosser Bedeutung sind. Die Juden in der Türkei sind zumeist „Sephardim", d. i. nach Sprache und Abstammung Nachkommen der spanisch-portugiesischen Einwanderer, die in grosser Zahl gegen Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. Jahrhundert nach dem europäischen Osten und den übrigen Provinzen der Türkei gewandert sind. Sie haben nicht nur ihre Muttersprache die Jahrhunderte hindurch in der Familie, in der Schule und in der Synagoge bewahrt, sondern auch die vielen religiösen Gebräuche, durch die sie sich von der anderen Judenheit unterscheiden, insbesondere den Ritus des Gottesdienstes und die klassische Aussprache des Hebräischen. Ebenso zeigen sie in Leben und Sitte noch manches, was ihre Vorfahren zweifellos aus der spanischen oder portugiesischen Heimat mitgebracht haben. Das hervorragendste Merkmal ist der westeuropäische Zug in ihrem Wesen; sie selbst bezeichnen sich für gewöhnlich als „Francos", d. h. als Westeuropäer im Gegensatz zu ihrer orientalischen Umgebung. Ueber die sephardischen Juden und ihre Geschichte ist schon viel geschrieben worden. Dieses Kapitel unserer Geschichte ist aber bei weitem noch nicht erschöpft. Am wenigsten kennt man den Ursprung der sephardischen Gemeinden im südöstlichen Europa, d. h. in der jetzigen europäischen . Türkei, in den Balkanländern und einem Teil von Südungarn. Es ist bekannt, dass die spanischen und portugiesischen Juden in dem damals mächtigen Osmanischen Reich gastfreundliche Aufnahme fanden, als sie ihre Heimat verlassen mussten. Sie siedelten sich dort scharenweise an und erhielten noch während des 16. und 17. Jahrhunderts zahlreichen Zuzug aus dem Land der Inquisition. Man schätzt die Zahl der Juden, die in den Jahren 1492 und 1496 die Länder der iberischen Halbinsel verliessen, auf etwa 300 000. Viele blieben zurück und nahmen äusserlich das Christentum an. Sic beharrten aber nicht alle in der neuen Religion, sondern ein grosser Teil von ihnen wanderte später nach der Türkei aus oder nach Südfrankreich und Holland. Am wohlsten fühlten sie sich unter dem Schutz des Halbmonds, wo sie sich ungestört zum Judentum bekennen durften und keine besondere Plackerei zu erdulden hatten. In den türkischen Provinzen fanden die Ein-

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