Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-06-01 · Heft 6 (Juni 1910) · p. Seite 347 - 348

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 6 (Juni 1910)
Article
Lesser Ury
Date
1910-06-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2584000-2594909--10428-2594986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

347 348 Von M. I Warum in die Feme schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Dieses schönste aller Dichterworte könnte man getrost als goldprangende Inschrift auf der grossen Berliner Kunstausstellung in jenem Ehrensaal anbringen, welcher dem Lehenswerk Lesser Urys gewidmet ist. Wäre dieser Lesser Ury ein französischer, belgischer, schwedischer oder sonstwie ein exotischer Meister, die Berliner Mäcene hätten sich schon längst um seine Werke gerissen. Nun hat er aber den Vorzug, ein Deutscher zu sein, und den weiteren Vorzug, so hübsch bequem am Nollendorfplatz zu wohnen. Ja, das ändert die Sache mit einem Schlage. Einem Propheten, der an der Hochbahn wohnt, der wie jeder andere Sterbliche auf der Potsdamer Strasse spazieren geht, fehlt eben der Nimbus des Fremdartigen, ein so weltentrückter Träumer er sonst auch sein möge. Ach, wo ist die tiefste und bitterste aller Einsamkeiten gründlicher auszukosten als in Berlin W? Aber wir wollen heute keinen Klagegesang anstimmen auf verkannte Genies. Wer eben, wie Ury, seiner Zeit soweit vor auf arbeitet, muss sich in Geduld fassen und der Stunde harren, in der auch ihn endlich die grosse Flut emporhebt und seine Werke zum Allgemeingut der Menschheit werden. Rembrandt hat an die dreihundert Jahre darauf warten müssen. Noch Lessing und Winkelmann, Moses Mendelssohn und die beiden folgenden Generationen sahen durch Rembrandt keine hohe und edle Kunst gezeitigt und hielten seine Art nur für „niedrige, possierliche und ekle Gegenstände" geeignet. Nun marschiert Ury erst dreissig Jahre an der T§te der modernen Kunst, und schon wird er durch einen Ehrensaal auf der Grossen Berliner Kunstausstellung offiziell anerkannt. Ich vermute, dass Ury selber durch diese plötzliche Wendung in seinem einsamen Schaffen nicht wenig überrascht ist. Ein Genie, das nicht gerade auf Staatsaufträge angewiesen ist, schafft sich zu persönlichem Wohlgefallen eine eigene Welt, in der er als Schöpfer, als König und Hoherpriester gebietet. Die Anerkennung der Besten hat Ury nie gefehlt, mit feurigen Zungen haben die Apostel seiner Kunst gepredigt, haben sich die vornehmsten Kritiker immer zu ihm bekannt. Wer jemals in den Bann dieses leidenschaftlich gigantischen, dieses prophetisch begeisterten Künstlers geraten ist, der fühlte sich gleichfalls von der wabernden Lohe der Begeisterung umfangen, mit fortgerissen auf der Hochflut eines welterobernden Ideals und der messianischen Erfüllung göttlich feierlicher Kunst. Was Moses einst im feurigen Dornbusch geahnt, geschaut oder angebetet, das suchte und fand auch Lesser Ury (der seinen alttestamentischen u Namen oder!"IJ"Y)K mit demselben Recht trägt, wie ein König seine Krone; das schaute er in den Abendgluten, die hocheilig über deutschen Wäldern und Seen weben. Wie anders erscheint uns der profane Schlachtensee auf den trefflichen Bildern von Leistikow, und wie anders wieder auf den stimmungsgewaltigen Pastellen von Ury! Der gottbegnadete Künstler vergöttlicht uns den Schau- R URY. .apsilber. Nachdruck verboten. platz unsrer Alltäglichkeiten, er findet hier, vom Geist erleuchtet und vom inneren Schauen gottselig durchleuchtet, den heiligen Fleck Erde, der uns gebietet: Ziehe deine Schuhe aus, denn hier trittst du vor Gottes Angesicht! So kommt es, dass die Kunst Urys den ganzen Menschen fordert, die Seele im Sturm mit fortreisst und aller kühlschnäuzigen Bilderbegutachtung, aller lauen und kleinlich mäkelnden Kritik spottet. So ist es gekommen, dass Ury alle seine Freunde und die um ihn versammelte Gemeinde fasziniert. Keiner, der sich jemals zu ihm bekannt, ist im Lauf der Jahre von ihm abgefallen. Diese Gemeinde der Kritiker, Mäcene und Kunstfreunde steht um ihn wie eine Eidgenossenschaft, eine in heutigen Zeitläuften beispiellose Erscheinung. Wie sich zu ihm aber die grosse Masse stellt, das wird sich in diesem Sommer auf der Berliner Ausstellung zeigen. Man denke an Corot und Böcklin! Der Meister des silbern webenden Feenlichtes stand auch einmal fremd und missachtet in der grossen Welt, nur von einem kleinen Freundeskreis gehegt. Als dem guten Corot ein Mäcen einmal eine seiner gloriosen Landschaften für 300 Franks abkaufte, da schrieb ihm der Meister einen glühenden Dankes - brief und schenkte ihm eine feine Studie dazu in der Freude seines Herzens. Und heute werden diese Bilder auf Hunderttausende bewertet. Nicht anders ist es auch Böcklin ergangen, für den der Münchner Kreis ins Feuer ging, und der trotz des Grafen Schack nicht festen Fuss fassen konnte. Nur der Bravour eines Kunsthändlers verdankte Böcklin 5000 Mark für seinen heute unschätzbaren Prometheus, der Mäcen wollte sich eigentlich auf die Hälfte verstehen. Auf genau demselben Wege ist heute auch Ury begriffen. Noch ist sein Werk nicht abgeschlossen, noch weiten sich von Jahr zu Jahr die Horizonte seines Schaffens, aber schon ist er aus dem Kampf um die Anerkennung, der keinem grossen Künstler erspart bleibt, als Sieger hervorgegangen, und plötzlich eines Tages wird der zündende Funke in die Massen einschlagen. Ist es dieses Jahr nicht, so kann es nächstes Jahr sein, jedenfalls wird in absehbarer Zeit die Jakobsleiter hinauf in den Ruhmeshimmel für ihn errichtet sein. Sein fünfzigstes Lebensjahr steht ihm, wie ich fühle, zugleich als alles entscheidenner Wendepunkt bevor. Dann aber wird er die dritte Epoche seines Schaffens inaugurieren. Lesser Urys Entwicklung gliederb sich bislang in zwei scharf skandierte Abschnitte. Im Jahr 1881 brach der Neunzehnjährige von Düsseldorf auf und stürmte hinaus ins Frührot der neuen Kunst, die sich eben am Horizont zeigte. Hätte ihm damals von Haus ein grosser Wechsel zur Verfügung gestanden, so wäre er vielleicht in Paris mit beiden Füssen mitten hineingesprungen in den Manet-Kreis. Zum Glück aber, für ihn und die deutsche Kunst, musste er sich bescheiden, und so vergrub er sich in die Stille des belgischen Dorfes Volluvet, weitab von dem Geschrei der literarischen und malerischen Cafes, von den Boulevards und der akademischen Doktrin. Was ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.