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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 335 - 336

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Rabbiner Dr. Adolf Lewin
Date
1910-05-01
Page
Seite 335 - 336 (sequence 1)
Language
German
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335 336 RABBINER DR. ADOLF LEWIN. Von Dr. M. Koebner. Am 24. Februar d J., im 25. Jahre seiner segensreichen Tätigkeit in Freiburg i. B., ist Eabbiner Dr. Adolf Lewin gestorben. Am 23. September 1843 in Pinne geboren, besuchte er zuerst das Gymnasium im nahen Posen, dann das Katholische Gymnasium in Breslau, wo er nach bestandenem Abiturienten-Examen die Universität bezog. Im jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, das er schon als Primaner besucht hatte, sass er zu Füssen Franld's, nach dem er aus Dankbarkeit seinen ersten Sohn „Gottfried'1 nannte. Durch Erteilung von Unterricht verdiente er sich während seines Studiums nicht nur seinen Lebensunterhalt, sondern machte noch Ersparnisse, die er als Beitrag zur Erziehung der jüngeren Geschwister verwendete. Nach bestandenem Rabbinatsexamen gehörte seine erste Tätigkeit dem Vaterland. Als Feldseelsorger bewährte er sich auf den Schlachtfeldern im Krieg 1870/71. Nach dem Friedensschluss war er kurze Zeit Adjunkt des Landrabbiners von Emden, dann von 1872 bis 1878 Rabbiner in Koschmin, bis 1885 in Coblenz und von da an bis zu seinem Tode Bezirksrabbiner von Freiburg und Sulzburg. Seit dem Jahr 1899 gehörte er als Konferenzrabbiner dem Grossherzoglischen Oberrat der Israeliten an. Von allen Worten der Anerkennung und Liebe, die ihm an seiner Bahre nachgerufen wurden, war eines besonders treffend. „Als Knecht Gottes habe er von ihm eine Mission erhalten, und da er sich ihrer Erfüllung hätte erfreuen können, habe Gott ihn wieder zu sich gerufen.1,1 Als ein treuer Knecht Gottes hat er gewissenhaft und unter Aufopferung sein Amt verwaltet. Er liess den Dingen nicht ihren Lauf, wartete nicht, dass Menschen und Umstände erst an ihn herankamen, sondern suchte sie auf, formte sie nach seiner reichen Erkenntnis. Begeistert sind die Briefe ehemaliger Schüler an seine Hinterbliebenen; sie erzählen, dass sie seinem Unterricht eine bewährte Lebensanschauung verdanken, dass sein Beispiel treuer Pflichterfüllung sie zur Nacheiferung angespornt und nachhaltig gewirkt habe. Auf der Kanzel wusste er seine Zuhörer durch feurige Redeweise in Bann zu halten, in kleinerem Kreise trat beim ..Lernen1' seine tiefe Talmudkenntnis zutage. Wo es Not zu lindern galt, war er zur Stelle. Seiner Auffassung von den Pflichten eines Seelsorgers genügte das noch nicht; auch den Armen im Geist widmete er seine Zeit, und den Armen in Sitte und Moral galt sein letzter Gang. Auf dem Weg zur Ausübung der regelmässigen Seelsorge im Gefängnis brach sein treues Herz. Er gehörte dem Vorstand des Bezirksvereins für Jugendschutz und Gefangenenpflege an. Stets war er den Gefallenen eine Stütze, den Reuigen wies er den Weg der Rückkehr zu sittlichem Wandel. Der Handwerker-Verein in Freiburg verdankt seiner Initiative sein Entstehen, ebenso der Verein zur Unterstützung ortsfremder israelitischer Armer, wie überhaupt die meisten Gemeindeinstitutionen den Stempel seines Geistes tragen. Dass Dr. Lewin den Bestrebungen der Alliance Israelite Universelle das grösste Interesse entgegengebracht hat, ist allgemein bekannt. Ueber zwei Jahrzehnte stand er an der Spitze des Local-Comites in Freiburg. In seinem Rabbinatsbezirk liess er keine Gelegenheit vorübergehen, auf die weltumfassende, segensreiche Tätigkeit der Alliance hinzuweisen, von der er nur mit grösster Hochschätzung Rabb. Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, und Bewunderung sprach. Nach den Pogromen in Russland bewirkte er, dass Freiburg vier Waisenknaben aufnahm und mit schönstem Erfolg grosszog. Vorbildliches schuf er als Gründer des Friedrichsheims in Gailingen, eines Asyls für israelitische Sieche und Greise. Durch unermüdliches Werben um die notwendigen Mittel suchte er es ständig zu vergrössern. Er hatte zuletzt die Freude, 45 Personen eine gesicherte Heimstätte bieten zu können. Trotz der Grösse seines Wirkungskreises, denn aussei- Freiburg gehörten noch neun andere jüdische Gemeinden der Umgegend zu seinem Bezirk, hat er auch in kranken Tagen es nicht unterlassen, an jedem Ort zu predigen und die Schüler zu prüfen. Sein rastloser Tätigkeitsdrang war durch diese vielen Pflichten,' die ein Menschenleben reichlich auszufüllen imstande gewesen wären, noch nicht befriedigt. Zahlreiche kleinere Schriften religionsgeschichtlichen Inhalts, sowie mehrere Predigtsammlungen, deren Würdigung in dem Rahmen dieses kurzen Lebensbildes nicht gut möglich ist, hat er verfasst, unter anderen: ..Das Judentum und die Nichtjuden", „Der ewige Jude", „Naturwissenschaft oder Judenhass?" „Der Werdegang unsrer Gebete". Seine Hauptwerke hat er als Historiker dem Gebiet der Geschichte entnommen: In Heidelberg promovierte er 1867 mit einer Doktorarbeit „Ueber den Aufstand der Makkabäer. bis zum Tode Juda Makkabis." Im Jahr 1890 erschienen „Juden in Freiburg" anlässlich des 25 jährigen Jubiläums der Gemeinde in Freiburg, ein vorzüglicher Beitrag zur Kulturgeschichte des Mittelalters. Sein Lewin. letztes und grösstes Werk, das er im Auftrag des Grossherzoglich badischen Oberrats der Israeliten ausarbeitete, war die im vorigen Jahr erschienene .,Geschichte der badischen Juden seit der Regierung Karl Friedrichs". Was der Seelsorger, der Schriftsteller, der Philantrop geleistet hat, ist hier, lückenhaft genug, ausgeführt worden. Wie Adolf Lewin in religiöser Richtung, als Familienvater, als Staatsbürger war, kann nicht besser illustriert werden, als durch Wiedergabe des diesbezüglichen Teils seines Testaments, dessen Scbluss folgendermaßen lautet: „Gott hat mir gegeben Ehren, Achtung, viel Freude im Wirken, viel Liebe und Treue! Daran bin ich reich und gehe mit diesen Schätzen beladen ein zu Gott, meinem Erlöser. Dieses Erbe vermache ich einem jeden meiner Nachkommen ganz......Macht Euch dieses Erbes des guten Namens wert. — Der Weg dazu ist genau bezeichnet durch die Lehren und das Gesetz des Judentums ..... So bleibt Juden — nicht unfromme, nicht überfromme, keine Mückenseier und keine Selbstlinge, unterwerfet Euren Willen dem Willen Gottes. Das gibt Halt im Leben. Wie mir, soll Euch Euer Judentum und Euer Deutschtum nie in Gegensatz treten. Jüdische Deutsche seid, Deutsche, die Herz und Hirn, Liebe und Treue dem Vaterland widmen in gleicher Weise, wie ihrem Glauben. Beides, Vaterland und Religion, sind die höchsten Güter, mit denen Gott, der Weltenschöpfer, uns begnadet hat. So küsse ich Euch, all meine Lieben. Mein Leben war, soweit es nicht meinem Amte gewidmet war, Euch zugewendet, von der Liebe zu Euch, von der Sorge um

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