Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Article
- Der Zweck der Alliance-Schulen
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Zweck der Alliance-Sclmlen. 278 Französischen angelegen sein, die in einer -von vier französischen Juden geleiteten Schule die Grundelemente europäischer Gesittung und Bildung den Kindern der hier numerich stark vertretenen, aber zur Mehrzahl dürftig dahin lehenden Judenschaft vermittelt. Viele Juden verdienen als Hausierer europäischer Galanterie- und Posamentierwaren, die sie durch ihre Glaubensangehörigen aus Bagdad beziehen, in den Dörfern des südwestlichen Persiens kümmerlich ihr Brot. Von Hamadän aus, das ihnen bei der steigenden Vermehrung im letzten Jahrhundert nicht genügend Erwerbsquellen hot, sind sie in manchen Flecken des zentralen Kurdistan (Ssenneh und Bidjar). wie in den Landschaften am Südfluss des Aelwänd, vor allem nach Tussitqäu und Nähawänd eingewandert. Auch, hier versucht die „Alliance Israelit e" infolge des energischen Eingreifens des Leiters der Hamadäuer Schule, eines Elsässers namens Höchberg, durch Errichtung von Dortschulen, denen frühere Zöglinge des Hamadäuer Instituts vorstehen, die geistig und wirtschaftlich drückende. Lage einigermassen zu mildern. Die Lehrer dieser Schulen sind geradezu Beschützer der israelitischen Kolonien geworden. Bei allen Bedrückungen, die sich gegen die Juden ihres Bezirks von Seiten persischer Beamter und persischer Kaufleute ereignen, wird ihre Hilfe angerufen. Und ihre Intelligenz und ihr Eiufluss wird von den Persern nicht gering geachtet. Denn diese wissen, dass den Lehrern der Alliance als französischen Staatsangehörigen stets Klage und Beschwerde hei der französischen Gesandtschaft in Teheran offen steht. So trägt die verdienstliche kulturelle Arbeit der „Alliance Israölite" nicht uubedeutend zur Hebung des französischen Ansehens bei, und dies nicht nur in Persien, sondern auch in Bagdad, wo eiue ausgezeichnete Schule gleichfalls durch diese Vereinigung reichliche Unterstützung erfährt. Dieses Wirken im französischen Sinne ist von der „Alliance Israelite", die ihre Leitung ja in Paris hat, stets bestritten worden. Mein Augenschein hat mich belehrt, dass die in diesen Schulen gepflogene Unterrichtssprache wie die Staatsangehörigkeit der Lehrer, nicht minder das rege Eintreten der französischen Konsulate für diese Schöpfungen der „Alliance Israelite", wenn sie von letzterer auch nicht zur Stärkung der Machtmittel Frankreichs geplant sind, doch in der Tat einen derartigen Erfolg haben. Da das Geld für solche humanitäre Bestrebungen nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus allen übrigen Ländern, besonders auch aus Deutschland fliesst, so ist mit Recht von verschiedenen Seiten die Forderung erhoben worden, dass die deutsche Sprache in denjenigen Gegenden in diesen Schulen gepflegt werden müsse, in denen der deutsche Handel einer Zukunft entgegengeht." In demselben Buch erzählt der Verfasser, dass er auf seiner Reise durch Persien in Kirmanschah freudigst überrascht wurde, als er deutsch sprechen hörte. Es war im Haus eines Irländers, der eine Schweizerin geheiratet hat. Später ist er in Hamadüu einem deutschen Apotheker begegnet, der dorthin verschlagen war. Hätten etwa die Allianceschulen in Persien um der vortrefflichen Dame aus der Schweiz in Kirmanschah oder um des deutschen Apothekers in Hamadän willen die deutsche Unterrichtssprache einführen sollen? Das ging wirklich nicht an. Es wäre sträflich und lächerlich zugleich gewesen. Herr Dr. Grothe, der, wie gesagt, ein gerechter Mann ist, muss das auch selbst fühlen, obgleich er im Anschlug an die eben zitierte Stelle bemerkt, dass Mesopotamien und Persien den Gebieten zuzuteilen seien, in denen die Kenntnis der deutschen Sprache den eingeborenen Juden nur zum Vorteil gereichen kann. Er wird uns gestatten, vorläufig anderer Meinung zu sein. Dass Herr Dr. Grothe die Lehrer der Allianceschulen zu Franzosen macht, ist ein verzeihlicher Irrtum. Aber ein Irrtum ist es. Dagegen trifft er den Nagel auf den Kopf wenn er die Lehrer der Allianceschulen als Beschützer der israelitischen Kolonien bezeichnet und das Eintreten der französischen Konsulate für die Schulschöptung der Alliance Israelite Universelle betont. Aus welchen Gründen die französischen Konsulate das tun, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir haben keinen Anlass, der Vermutung Ausdruck zu geben, dass die französischen Konsulate blos politische Geschälte machen wollen, wenn sie ihren Eiufluss für ein grosses Kulturwerk einsetzen. Wir würden aber von ganzem Herzen dankbar sein, wenn die deutschen Konsulate genau dasselbe täten, sie mösen dabei in ihrem Herzen mehr an das politische Geschäft als an das Kulturwerk denken. Im Lauf eines halben Jahrhunderts haben die diplomatischen und konsularischen Vertreter Euglands, und namentlich Frankreichs, stets Hilfsbereitschaft den jüdischen Kolonien gezeigt und den Werken der Alliance. Dass von deutscher Seite jemals ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in einem halben Jahrhundert — wir sagen das, mit tiefem Bedauern — nichts verlautet. Gewiss haben wir den Wunsch und würde es uns eine grosse Freude sein, das Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache ausdehnen zu helfen. Wo sich dazu die Möglichkeit bietet, da soll und wird es gern geschehen. Was aber würlen wir jetzt erreichen, wenn wir durch eine voreilige Sprachenpolitik deutschen Forschungsreisend'-n das Vergnügen bereiten wollten, in Persien und anderen Ländern die deutsche Sprache von Eingeborenen zu hören? Die Alliancezöplinge würden in Jahren kaum einmal Gelegenheit haben, sich dieser deutschen Sprachkenntnisse praktisch zu bedienen. Und wenn sie sieb etwa versucht fühlen sollten, um der deutschen Sprachkenntnis willen eiumai nach Deutschland zu kommen, so würden sie — ausgewiesen werden!