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Ost und West · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 275 - 276

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Article
Der Zweck der Alliance-Schulen
Date
1910-05-01
Page
Seite 275 - 276 (sequence 2)
Language
German
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275 Der Zweck der Alliance-Schulen. 276 französierenden Absicht der in Paris befindlichen Centralleitung herleitete. In Wirklichkeit hat solche Absicht weder zu Anbeginn bestanden noch später sich bemerkbar gemacht. Die Alliance Israelite Universelle hat nie eine andere Politik gekannt als die des Wohltuns, hat nie andere Ziele sich gesteckt als die, den Glaubensgenossen, namentlich da, wo sie um ihres Glaubens willen bedrückt, zurückgesetzt, verfolgt sind, materielle und moralische Förderung, vorzugsweise durch Zuführung von Bildungsmitteln, zu gewähren, den Glaubensgenossen zum Heil, zum Heil nicht minder für ihre Wohnländer, denen durch die Bemühungen der Alliance das Licht der Kultur und der Gerechtigkeit gebracht wurde. Für die Einrichtungen der Allianeeschulen war nichts Destimmend als der Gedanke, wie den Zöglingen der Allianeeschulen das wirtschaftliche Fortkommen am besten erleichtert, die Hebung des sittlichen Standard am besten gesichert werden könne. Nicht ein einziges Mitglied der Alliance hat je den Gedanken gefasst, das Werk der Alliance, ein Werk der reinsten Menschenliebe, zum politischen Instrument herabzuwürdigen. Gleichwohl hat es an übler Nachrede nicht gefehlt, als ob der nichtfranzösische Jude, der an dem Werk der Alliance teilhabe, in irgend einer Weise indirekt den eigenen vaterländischen Interessen entgegenhandle. Die französische Unterrichtssprache in der Mehrzahl der Allianeeschulen ist es vor allem, die den Stein des Anstosses bildet. Als ob es möglich gewesen wäre, vor fünfzig oder vor vierzig Jahren an eine deutsche Unterrichtssprache in Asien oder Afrika auch nur zu denken! Und selbst heute kann nur ausnahmsweise daran gedacht werden! In der ganzen Türkei ist die französische Sprache die zweite Staatssprache, im ganzen nahen und fernen Orient ist die Kenntnis der französischen Sprache die unerlässliche Vorbedingung für die Erlangung irgend einer gehobenen Lebensstellung. Es ist ein Vorurteil, dass der Handel der Sprache folgt. Das Umgekehrte ist der Fall: die Sprache folgt dem Handel. Die englischen Juden sind ganz gewiss gute Patrioten. Es wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre. Gleichwohl hat die Anglo-Jewish- Association „in connection with the Alliance Israelite Universelle" den grössten Teil ihres Erziehungsbudgets den Allianeeschulen zu widmen nicht aufgehört. Die Anglo-Jewish-Association unterhält nur zwei Schulen, die Evelina von Kothschild-Schule in Jerusalem und eine Schule in Bombay auf eigene Eechnung. In der Knaben - und Mädchenschule in Aidin, in der Knaben- und Mädchenschule in Kaifa, in der Mädchenschule in Constantinopel-Hasköi, in der Knaben- und Mädchenschule in Damaskus, in den Knabenschulen in Magnes und Monastir und in den Mädchenschulen in Smyrna und Tetnan gibt es keinen englischen Unterricht — und für " alle diese Schulen hat die Anglo-Jewish-Association seit dem Jahr 1906 Subventionen übernommen. Will jemand behaupten, dass die englischen Judendas aus Franzosentümelei getan haben, oder weil sie nicht wissen, was mit ihrem Gelde geschieht? Nein, sie tun es in der Einsicht, dass die genannten Schulen französische Unterrichtssprache haben lediglich zur wirtschaftlichen Förderung der Zöglinge. Sprachenpolitik zu treiben,., ist nicht Sache der Alliance, weder nach der einen noch nach der anderen Richtung. Man spricht immer und immer wieder von den Franzosen, die die Lehrer der Allianeeschulen seien. In Wahrheit ist nicht ein einziger Franzose als Lehrer in den Allianeeschulen angestellt, wohl aber sind es Engländer und namentlich Deutsche. Will man allen diesen nachsagen, dass es ihnen an der natürlichen Tugend des Patriotismus fehlt? Egypten steht seit 25 Jahren unter englischer Herrschaft. Trotzdem ist bis auf den heutigen Tag in Egypten die Kenntnis der französischen Sprache für den, der sein Fortkommen dort suchen will, dringender erforderlich, als die Kenntnis der englischen Sprache. Man sieht an diesem Beispiel, wie masslos der politische Einfluss und die politische Einwirkung der Sprache überschätzt wird. Die Verbreitung der französischen Sprache in Egypten hat die französische Herrschaft in Egypten nicht erhalten, hat die Etablierung der englischen Herrschaft nicht aufhalten können. Wo ist denn der französische Einfluss in Persien und in der asiatischen Türkei geblieben? Wo zeigt er sich heute? Nur in ganz bestimmten Bezirken von Nordafrika ist der politische Einfluss Frankreichs zu spüren. Nicht wegen der französischen Unterrichtssprache in den Allianeeschulen von Marokko, sondern weil die politischen Verhältnisse es mit sich gehracht haben, dass Marokko gewissermassen in die Einflusssphäre von Frankreich fiel. Bei dieser Gelegenheit soll noch ganz besonders darauf hingewiesen werden, dass in den marokkanischen Allianeeschulen auf den spanischen Sprachunterricht sehr grosser Wert gelegt wird. Es ist möglich, dass diese Verhältnisse mit der Zeit eine Verschiebung erfahren. Der Sprachunterricht in irgendwelchen Schulen wird diese Verschiebung weder aufhalten noch fördern. Ist vielleicht der deutsche Einfluss im Orient sehr gross gewesen, als Baron Hirsch die türkischen Bahnen gebaut, lauter deutsche Schaffner angestellt und deutsches Kommando auf den türkischen Bahnen eingeführt hatte? Glaubt man vielleicht, dass die Bagdadbahn ein Instrument der Germanisierung sein wird, weil die Deutsche Bank sie gebaut hat? Wenn die Deutsche Bank irgendwelche politischen oder auch nur sprachpolitischen Absichten hat, so weiss sie sie jedenfalls ausgezeichnet zu verbergen. In allerjüngster Zeit ist ein Buch erschienen „Wanderungen in Persien" von Hugo Grothe (Berliner allgemeiner Verein für deutsche Literatur 1910). Der Verfasser ist ein subjektiv durchaus gerechter Mann, der kein Wort schreibt, das er nicht für wahr hält. Er sagt in seinem Buch Seite 199/200: „Wie die Amerikaner zur Verbreitung der englichen Sprache beitragen, lässt sich die „Alliance Israelite" die Propaganda des

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