Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Die jüdischen Höhlenbewohner der nordafrikanischen Sahara
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 2)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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227 Ernst von Hesse-Wartegg: Die jüdischen Höhlenbewohner der nordafrikanischen- Sahara. 228 bar in ihrem Bereich einzelne Mauern und Hausdächer, aus demselben grauroten, verwitterten Stein, aus dem die Felsen selbst aufgebaut sind. Wie Adlerhorste auf einzelnen Vorsprüngen thronend, wie Schwalbennester an die steilen Abstürze angeklebt, treten sie aus der gleichfarbigen, verstaubten Umgebung kaum hervor, aber sie sind doch zum wenigsten über dem Erdboden erhaben, in freier Luft, zugänglich der Sonne. Die Mehrzahl der Ansiedlungen sind jedoch dem Wanderer durch diese Wüsten, über die sich die Einsamkeit des Todes breitet, überhaupt nicht sichtbar, denn die Menschen, die sie bewohnen, haben sich in die Erde vergraben, wie Maulwürfe. Manche wohnen in Höhlen, die rings um die Steilgipfel der Berge angeordnet sind, und die sie, weil von der Natur geschaffen, bereits vorgefunden haben; andere aber, und noch dazu die grosse Mehrzahl, haben sich auf dem ebenen Erdboden, besonders in den breiten Sätteln zwischen zwei Höhen, eigene Löcher gegraben, in die sie durch unterirdische Zickzackgänge hinabsteigen. Diese Wohnungen gehören zu den absonderlichsten, eigenartigsten des Erdballs. Ich habe auf manchen Tnseln in der fernen Südsee wohl Menschen gefunden, die sich ihre Hütten hoch oben in dem Geäst von Riesenbäumen bauen, und von ihrer Geburt bis zum Tode keine andere Wohnung kennen lernen, aber sie erschienen mir begreiflicher, als die Wohnungshöhlen unter dem Wüstensand der Sahara. Würden sie noch weiter nördlich in den fruchtbaren Ebenen von Tunis liegen, wo Erwerb und Nahrung so leicht zu finden sind, es wäre einigermassen erklärlich; aber hier in dem unwirtlichen Steinlabyrinth der traurigsten Gegenden des Erdballs sich zu vergraben, erscheint nicht verständlich. Am meisten bewohnt ist der Höhenzug des Dschebel Charian (oder Gharian), direkt südlich der Stadt Tripolis; daran schliessen sich, weniger bewohnt, die Berge des Dschebel Iffren, noch weiter westlich des Dschebel Nefussa, und bereits jenseits der tripolitanischen Grenze, in der tunisischen Sahara, der Dschebel Matmata. Die Menschen, die hier seit undenklichen Zeiten ihre Wohnsitze haben, sind vornehmlich Berber, die Ureinwohner des Landes, aber neben und zwischen ihnen auch Tausende von Juden. Gleich das erste unterirdische Dorf, unmittelbar an der Karawanenroute von Tripolis nach dem Sudan, auf der Passhöhe des Dschebel Gharian gelegen, ist ein solches jüdisches Troglodytendorf, Beni Abbas, und nahebei liegt ein zweites, Yehud Abbas, beide mit mehreren hundert jüdischen Einwohnern und unterirdischen Synagogen. Dreieinhalb Wegstunden davon liegt unter dem Erdboden das Judendorf Tigrena mit nahezu 700 Einwohnern — eine Tagereise weiter westlich wohnen im Dschebel Iffren an zweitausend Juden in drei Dörfern, die zum grösseren Teil oberirdisch gebaut sind, dann im Dschebel Nefussa wieder mehrere Hundert mit sehr alten Synagogen und Friedhöfen, die schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung vorhanden waren. Das beweisen die Jahreszahlen der Grabsteine. Auf tunisischem Boden aber liegen die Troglodytendörfer von Fum Tatahuina, Hadesch und Matmata, alle mit einer Anzahl von Judenfamilien, zwischen Berbern wohnend. Diese Ansiedlungen setzen sich, durch die Salzsümpfe der Schotts stellenweise unterbrochen, auch auf algerischem Boden fort. Ich habe davon südlich des Dschebel Aures, und noch weiter, südlich der Oase Laghouat, im Gebiet der Beni M'zab, gefunden. Nichts kann merkwürdiger sein, als die Anordnung dieser künstlich aus dem Mergel gegrabenen Troglodytenhöhlen. Nichts lässt auch in den mit spärlichen Oliven- und Feigenbäumen, vielleicht vereinzelt auch mit Palmen bestandenen breiten Tälern, umschlossen von kahlen, himmelragenden Bergen, das Vorhandensein menschlicher Wohnungen ahnen. Erst wenn man aufmerksam gemacht wird, sieht man im Erdboden die runden oder viereckigen Oeffnungen tiefer Löcher vor sich, deren Rand über das umliegende Land unbedeutend erhöht ist. Zum ersten Mal sah ich diese Behausungen menschlicher Maulwürfe am Fuss des höchsten Felsens des Matmatagebirges in der tunisischen Wüste, des Kalaa Matmata. Auf einer Anhöhe, dieser verwitterten Felspyramide gegenüber, liegt das Bordschi (Fort) des französischen Militärverwalters des ganzen Distrikts, und dort musste ich, in Ermangelung jeder anderen oberirdischen W7ohnung auf hundert Kilometer in der Runde, notgedrungen Unterkunft nehmen. Die Aussicht von hier oben, fünfhundert -Meter über dem Meer, ist von unbeschreiblich wilder Grossartigkeit. Nach allen Seiten ein Labyrinth von vollständig vegetationslosen Bergen in den kühnsten Formen zerklüftet, und in dem Sattel unterhalb des Bordschi eine Menge von tiefen Kratern, ähnlich so wie sie die Mondlandschaft durch das Fernrohr zeigt. Es mochten an die Hundert sein, die meisten ausgebrannt, erloschen, aus anderen ringelte noch schwarzer Rauch empor. Die W7ände all dieser Krater fielen senkrecht ab, so tief, dass ich selbst von meinem hohen Standpunkt aus den Grund nicht wahrnehmen konnte. Kapitän Miquel, der französische Gouverneur dieses Distrikts, erklärte mir, die vermeintlichen Krater seien die WTohnungen seiner Distriktshauptstadt, namens Matmala. Eine zweite unterirdische Ortschaft zeigte sich ungefähr acht Kilometer weiter entfernt, namens Hadesch, und im ganzen Distrikt gibt es noch eine Menge anderer, Douirat, Tschenini, Ghermessa, Choumrassin usw. Hastig nahm ich das mir gastlich angebotene . Mittagbrot ein, und eilte, geführt von den französischen Offizieren, hinab in diese merkwürdige Stadt, statt vom Erdboden nach aufwärts, nach abwärts gebaut, drei bis vier Stockwerke tief, mit Rathaus, Schulen, Kaufläden, Synagogen, Versammlungshallen, alles unter der Erde! Die vermeintlichen Krater sind durchwegs von Menschenhand gegraben, durchschnittlich zehn Meter im Durchmesser, zehn Meter tief, und das mit biblischen Werkzeugen ausgehobene Material liegt rings um das Loch verteilt. Auf dem Grund ihres Kraterloches graben sie in die senkrecht abstürzenden Mergelwände seitliche Höhlen, fünf bis