Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Article
- Aus der Sturm- und Drangzeit
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 213 - 214 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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213. Dr. Simon Bernfeld: Aus der Sturm- und Drangzeit. 214 Jugend, die nach innerer Befreiung rang, las dies Buch mit heissen Tränen. Jeder erblickte in dieser Schilderung sein eigenes Schicksal, sein eigenes verpfuschtes Lehen. Ich kenne kein Buch in der hebräischen Literatur, das eine solche Wirkung hervorgerufen hat, wie Lilienblums „Jugendsünden". Und diese Schrift, die ein junger Schriftsteller unter drückender Armut und in heller Verzweiflung in die Welt geschickt hat, dieser Notschrei eines unglücklichen Mannes, ist keineswegs, wie man etwa vermuten könnte, verbittert und gehässig, sondern im Gegenteil voller Liebe zum1 jüdischen Volk und zum Judentum. Lilienblum fordert nur Luft und Licht, Leben und Freiheit für die Kinder des Ghetto. ❖ s«: * Die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bedeuten den Höhepunkt in den Reformbestrebungen der russischen Judenheit, die von den liberalen Tendenzen der Eegierung Alexanders II. gefördert wurden. Da kam die neue Zeit unter der Regierung Alexanders III. mit ihrem judenfeindlichen Geist. Schon um das Jahr 1880 herrschte sichtlich eine schwüle Atmosphäre in Russland; man empfand ein gewisses Bangen vor einer unheilvollen Zukunft und weitgehende Unsicherheit. Es war klar, dass die liberalen Bestrebungen der russischen Regierung in der Behandlung der Judenfrage andern minder judenfreundlichen Platz machen werden. Wenn man] aber auch Unfreundlichkeiten erwartet hatte, so kamen doch die Pogrome in den Jahren 1881 und 1882 ganz unerwartet. Dass sich die mittelalterlichen Schreckensszenen noch in unseren Tagen erneuern könnten, hatte man nicht für möglich gehalten. Die Nachricht von jenen Ereignissen wirkte geradezu betäubend. Die jüdische Intelligenz in Russland, die immer zu einer Verständigung mit der Regierung riet und in gewissem Sinne auch die Assimilation predigte, stand fassungslos da; mit einem Schlag hatte sie den Boden unter den Füssen verloren. In dieser Ratlosigkeit der russischen Judenheit vollzog sich in Lilienblum eine merkwürdige Wandlung, und dann begann die zweite Epoche in seinem Leben und in seiner öffentlichen Wirksamkeit. Die logische Schlussfolgerung in seinem Denken war: Nicht das rabbinische Judentum hat die kulturelle Rückständigkeit der osteuropäischen Juden und damit ihre wirtschaftliche Notlage hervorgerufen, sondern alles Uebel stammt aus einer Quelle, aus der politischen Unterdrückung und der gesellschaftlichen Aechtung des jüdischen Volkes. Man hat die Juden vom Leben abgeschnitten und dadurch ihre geistige Entwicklung gehemmt. Nur eine nationale Befreiung, die sich Lilienblum einzig in Palästina als möglich dachte, kann das jüdische Volk von seiner wirtschaftlichen und geistigen Not befreien. Damit gab Lilienblum den Kampf gegen das rabbinische Judentum auf; er wollte sich überhaupt nicht mehr mit religiösen Fragen beschäftigen. Für das jüdische Volk gab es nach seiner Anschauung nur noch eine Frage, die seiner nationalen Erlösung. In der Freiheit wird sich auch das Judentum frei entwickeln und seinen segensreichen Einfluss auf das Volk ausüben. Lilienblum kannte nur noch einen inneren Feind: die feige Fahnenflucht, den Abfall, den Verrat an dem jüdischen Volk durch die Taufe oder die Assimilation, die schrittweise Taufe. Es ist unmöglich, diese Episode des jüdischen Volkslebens und der hebräischen Literatur in einigen Spalten einer Zeitschrift auch nur in allgemeinen Umrissen zu skizzieren. Ausser den technischen Schwierigkeiten liegt für mich auch die innere vor, dass ich mein eigenes Leben in den letzten dreissig Jahren, meine Mitarbeit an der hebräischen Literatur schildern müsste, was mir widerstrebt. Ich stand damals Lilienblum nahe, weil die erste Anregung, zur Selbsthilfe und zur Organisation unserer nationalen Kräfte von mir ausgegangen war. Manche, die sich später im Nationalismus nicht genug tun konnten, hatten vor dreissig Jahren dafür nur Hohn und Spott. Ich will aber ehrlich zugeben, dass Lilienblum allein als der Träger dieser Epoche .bezeichnet werden kann. Er hatte gegen uns alle seine Ausdauer voraus, sein unermüdliches Festhalten an dem neuen Ideal, das er nunmehr unaufhörlich predigte. Da zeigte sich wiederum der grosse Vorteil seiner ausschliesslich jüdischen Erziehung. Er hat niemals den Misstand empfunden, dass unser Können so wenig unsrem Wollen entspricht, dass selbst der kleinste Erfolg nur nach grosser Mühe zu erreichen ist. Was sich auch in den dreissig Jahren in der Judenheit ereignete, er Hess sich sein Ziel nicht entrücken: eine starke Ansiedlung von Juden in Palästina und eine nationale Erziehung des jüdischen Volkes. Dem modernen politischen Zionismus stand er fremd, wenn auch nicht feindlich gegenüber. Achad-Haams Kulturzionismus lehnte er entschieden ab, da er ihm unfruchtbar erschien. Die kleinste Tat, die das jüdische Volk in der Erreichung des erwünschten Ziels auch nur einen Schritt weiter bringt, galt ihm mehr als alle Theorien.