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Ost und West · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Article
Aus der Sturm- und Drangzeit
Date
1910-04-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 2)
Language
German
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211 Dr. Simon Bernfeld: Aus der Sturm- und Drangzei^ 212 litauischen Städtchen Wilkomir, wo er sich frühzeitig verheiratet hatte, oder richtiger verheiratet worden war. Wegen seines grossen talmudischen Wissens bekleidete er, obwohl verhältnismässig noch sehr jung, das Amt eines Lektors in der dortigen iJeschiba, die sich unter den russischen Juden eines guten Rufes erfreute. Es schien somit, dass sich sein Leben in der vorgezeichneten Bahn bewegen sollte. In wunderbarer Weise aber, ohne jede Anregung und ohne Einfluss von Aussen, regte sich in dem jungen Talmudgelehrten der Geist des Zweifels und der Kritik. Man stelle sich einen jungen Mann vor, dessen ganze Umgebung mit dem talmudischen Judentum nicht im mindesten Widerspruch stand, für die andere religiöse Vorstellungen, als die des Rabbinismus, einfach nicht vorhanden waren. Schriften, die zur Kritik des rabbinischen Judentums anregen, kannte damals Lilienblum nicht. Aus sich selbst, aus dem Talmudstudium gewann er den kritischen Geist. Was ihn jedoch von allen anderen Vorkämpfern einer zeitgemässen Reform des Judentums im wesentlichen unterscheidet, das ist sein durchaus originelles Streben. Zunz hat einst, als er sich von den Reformbestrebungen abgewandt hatte, den Ausspruch getan: Nicht das Judentum bedarf der Reform, sondern die Juden bedürfen ihrer. Lilienblums Gedanke war, dass nicht das talmudische Judentum als religiöse Erscheinung einer Reform unterzogen werden müsse, sondern der Rabbinismus, soweit er das Leben beherrscht, die geistige und wirtschaftliche Entwicklung der osteuropäischen Juden hemmt. Lilienblum war nämlich eine durch und durch religiöse Natur, zugleich hing er mit allen Fasern seines Lebens am jüdischen Volk, das er so innig liebte und dessen Leiden sein Herz bekümmerten. Er ging damals von der Ueberzeugung aus, dass der Rabbinismus, der an sich in der Zeit seiner Entstehung berechtigt war, in der Gegenwart unter den osteuropäischen Juden auf das geistige und wirtschaftliche Leben ungünstigen Einfluss ausgeübt habe. Was damals schon viele seiner Volksgenossen taten, dass sie sich nämlich einfach über das jüdische Zeremonialgesetz hinwegsetzten, erschien ihm höchst frivol. Im Geist und im Sinne des Talmuds sollte das talmudische Judentum reformiert und dem Leben angepasst werden. Seine freisinnigen Ansichten wurden in Wil- Jkomir ruchbar, und bald war dort seines Bleibens nicht mehr. Er ging nach Odessa, wo er in der ersten Zeit bittere Not litt und ein Leben voller Entbehrungen führte. Es sindherzzerreissendeBriefe, die er zu jener Zeit an seinen Freund, den Dichter J. L. Gordön, gerichtet hat. Bezeichnend aber für die edle Persönlichkeit Lilienblums ist der Umstand, dass auch, in jenen Tagen ihn die Sorge um das jüdische Volk und das Judentum mehr beschäftigte, als seine eigenen Nahrungssorgen. Sein Hauptgedanke blieb, die osteuropäischen Juden müssen aus der mittelalterlichen Abgeschlossenheit herausgerissen werden, ohne dass dadurch der Fortbestand des jüdischen Volkes und des Judentums gefährdet würde. Vorerst allerdings eröffnete er den Kampf gegen den religiösen Fanatismus und gegen den Aberglauben, gegen die kulturelle Rückständigkeit unserer osteuropäischen Volksgenossen. In diesem Sinne schrieb er seine „Methode des Talmuds", die ein ungeheures Aufsehen erregt hat. Die jüdische Intelligenz begrüsste diese Schrift, die in einer angesehenen Zeitschrift erschienen war, mit grossem Beifall. Die damals in jenen Kreisen vorherrschenden Bestrebungen erhielten durch Lilienblum kräftigen Ausdruck. Sein umfangreiches und gediegenes talmudisches Wissen bewährte sich hier glänzend: Natürlich regte sich auch dagegen der heftigste Widerspruch unter den orthodoxen Juden. In dem Kampf gegen die Orthodoxie stand bald Lilienblum in der vordersten Reihe. Aber die religiöse Reform war ihm ja nicht Selbstzweck. Ich bin fest davon überzeugt, dass Lilienblum zu dieser Frage sich ganz anders gestellt haben würde, wenn er die Orthodoxie unter den westeuropäischen Juden gekannt hätte. Er bekämpfte den Rabbinismus, weil er auf ihn die kulturelle Rückständigkeit der osteuropäischen Juden zurückführte, in erster Reihe die wirtschaftliche Notlage. Er sah vor sich die Menge der Juden, die ein Opfer der einseitigen Erziehung wurden, die mitten in Europa im 19. Jahrhundert ein Leben führten, das mit unserer Zeit kaum eine Berührung hatte. Musste er doch sein eigenes trauriges Schicksal als die Folge einer verkehrten Erziehung betrachten. Er hat sich damals vergeblich abgemüht, sich eine bescheidene unabhängige Existenz zu gründen. Aus dieser Stimmung heraus schrieb er anfangs der siebziger Jahre die autobiographische Schrift „Jugendsünden", ein Buch, das einzig in seiner Art ist und zu den wertvollsten Dokumenten der Kulturgeschichte gehört. Wenn von einem Buch gesagt werden kann, dass es mit dem Herzensblut und dem Nervensaft des Verfassers geschrieben wurde, so gilt dies gewiss von Lilienblums Autobiographie. Die jüdische

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