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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 175 - 176

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Der Schachwettkampf um die Weltmeisterschaft
Date
1910-03-01
Page
Seite 175 - 176 (sequence 3)
Language
German
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Dr. Emanuel Lasker: Der Sehachwettkampf um die Weltmeisterschaft. 176 dem nicht aus. Ich verteidigte mit der Sizilianischen Eröffnung, und Schlechter spielte voller Leidenschaft auf Angriff. Vermutlich sind da von ihm und mir in der Hitze des Kampfes ganz geringe Fehler begangen worden, die aber bei der Zeitbeschränkung von je 15 Zügen die Stunde auszunützen unsere Kräfte überstieg. Im Endspiel der 9. Partie erlangte ich Stellungsvorteil, beging aber im entscheidenden Augenblicke, wohl durch den schwierigen und aufregenden Kampf, bei dem jeder kleine Vorteil mühsam erobert werden mußte, über Gebühr ermüdet, einen offensichtlichen Irrtum und machte nur remis. In der 10. Partie war die Leidenschaftlichkeit der Spielführung auf beiden Seiten offenbar. Nicht ich allein, auch Schlechter spielte nach Möglichkeit auf Gewinn. Das ideal richtige Spiel im Schach ist aber nur in der Ruhe, bei vollkommenster Beherrschung aller geistigen Fähigkeiten zu erreichen. Sicherlich sind da dramatische, menschlich verzeihliche und verständliche Irrtümer begangen worden. Dies das Gesamtbild- Ich glaube, dass Schlechter und ich bei vollkommen normalem Zustand unserer Nerven vortreffliche Partien liefern müssen, von denen ein grosser Bruchteil, trotz, oder vielmehr wegen so viel aufgewendeter Kunst unentschieden enden. Allerdings werden wir gewisslich nie in der Lage sein, in dem schwierigen Wettstreit unsere Erregung ganz zu meistern. Auch ist der Mensch nicht dazu gemacht, die ihn froh oder niedergedrückt stimmenden Ereignisse eines Kampfes fühllos nur mit kaltem Verstand zu beobachten. Trotzalledem: die Grundsätze einer weisen, alle Möglichkeiten vorhersehenden und umfassenden Strategie so felsenfest in das Gehirn einzubauen, daß kein Sturm der Leidenschaft sie aus dem Gefüge bringen kann, wird die Größe dos Schachmeisters der Zukunft sein. ZUR GESCHICHTE DER SCHACHWETTKAEMPFE UM DIE MEISTERSCHAFT DER WELT. Yon Erich Cohn. Nachdruck Die Weltmeisterschaft im Schach als sportlicher Begriff existiert erst seit etwa 50 Jahren. Zwar hatten auch schon früher grosse Schachmeister durch die theoretische und praktische Bedeutung ihres Spiels wie durch die Besiegung aller Gegner die Stellung eines Weltmeisters innegehabt; sie galten als die stärksten Schachspieler ihrer Zeit und als grösste Autorität im Reiche der 64 Felder; aber erst Wilhelm Steinitz legte sich nach seinem Sieg über Anderssen im Jahr 1866 den Titel „Champion of the world" bei und erklärte sich bereit, diese Würde gegen jeden Spieler in einem Wettkampf zu verteidigen. Fast dreissig Jahre laDg hat er dann seine überragende Stellung behauptet, obwohl es ihm an Gegnern nicht gefehlt hat und er keinem Kampf ausgewichen ist. In den siebziger Jahren unternahm es der grosse englische Meister Blackburne zweimal, den Weltmeister vom Thron zu stossen: er gewann in beiden Wettkämpfen nicht eine einzige Partie. Nur wenig glücklicher war J. H. Zukertort, der 1872 ein Match mit 7 Verlusten, 1 Gewinnpartie und 4 Remisspielen verlor. Yon einer Rivalität zwischen beiden Meistern konnte zunächst nicht mehr die Rede sein. Das änderte sich aber im Lauf des nächsten •Jahrzehnts, als Zukertorts Genie sich mächtig entwickelte und er durch seine Siege in grossen internationalen Turnieren sich Weltruhm erwarb. Er gewann in Paris 1878, wo Steinitz nicht teilnahm und dann in besonders glänzender Weise in London 1883 den ersten Preis. Steinitz müsste sich mit 3 Points weniger mit dem zweiten Platz begnügen. In den nächsten Jahren verschärfte sich die nun wieder vorhandene Rivalität durch literarische Polemiker), und im Jahr 1886 kam es zum ersten grossen Weltmeisterschaftsmatch zwischen Steinitz und Zukertort. Der Kampf ging verboten. auf 10 Gewinnpartien; Remisspiele wurden nicht gezählt. Der Beginn des Matches gestaltete sich für den Champion unglücklich: er gewann in der ersten in New York absolvierten Etappe nur eine Partie, verlor 4 und machte eine unentschieden. Aber dann wandte sich das Blatt. Sei es, dass Steinitz nun erst seine volle Spielstärke einsetzte oder mag, wie es heisst, Zukertorts Gesundheit den Anstrengungen nicht mehr gewachsen gewesen sein: Steinitz siegte schliesslich mit 10 Gewinngegen 5 Verlustpartien bei 5 Remisspielen. Damit war auch dieser Gegner endgültig bezwungen; Zukertort konnte sich von diesem Schlage nicht wieder erholen. Er leistete nichts Erhebliches mehr und starb im Jahr 1888. Steinitz stand auf der Höhe seines Lebens und seines Ruhmes. Er hielt sich in den nächsten Jahren von ernsten Kämpfen fern und widmete sich literarischen und schachtheoretischen Arbeiten. Zu Beginn der neunziger Jahre gewann er dann zwei Wettkämpfe gegen den Russen Tschigorin und einen gegen "den englischen Meister Gunsberg. Dass Steinitz diese Matche zum Teil nur mit sehr geringem Vorsprung zu seinen Gunsten entscheiden konnte, lag weniger an der Gefährlichkeit seiner Gegner, als an dem Eigensinn, mit dem der alternde Weltmeister an gewissen ungesunden Theorien in der Behandlung der Eröffnungen festhielt. Wenn es notwendig war, gewann er schliesslich doch immer. Inzwischen war ihm aber ein gefährlicher Gegner in Emanuel Lasker erwachsen, der in England alle hervorragenden Spieler geschlagen hatte und nun nach Amerika herüberkam, um dem alten Steinitz das Schachzepter zu entreissen. Im Jahr 1894 wurde der erste Wettkampf zwischen Lasker und Steinitz gespielt; Lasker siegte mit 10 Gewinnpartien, 5 gewann Steinitz

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