Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Article
- Die Juden von Jemen
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 165 - 166 (sequence 4)
- Language
- German
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165 Prof. Dr. Bacher: Die Juden von Jemen. 166 ihrer ursprünglichen Besitzer erkennen kann, die sich der bis dahin wohlgehüteten Schriften entäusserten. Die Armut und der starke Druck, unter dem sie lebten, veranlasste dann auch zahlreiche Juden Jemens, ihre Heimat zu verlassen und — von den besseren Verkehrsverhältnissen begünstigt — besonders das heilige Land, das alte Ziel ihrer Sehnsucht, aufzusuchen. Zu den verschiedenen jüdischen Kolonien Jerusalems gesellte sich eine jemenische, deren ^Mitglieder vor der härtesten und unliebsamsten Arbeit nicht zurückschrecken, um ihr Dasein zu fristen. Die Nachlichten über die Not dieser jemenischen Kolonie in Jerusalem und die hier und da in den Tagesblättern mit den Mitteilungen von den jemenischen Aufständen erscheinenden Nachrichten über die jemenischen Juden lenken in neuester Zeit immer wieder die Aufmerksamkeit auf diesen merkwürdigen Zweig des jüdischen Stammes, dem vielleicht mit der fortschreitenden Besserung der Zustände des Türkenreiches eine Besserung seines Loses in nicht zu ferner Zeit beschieden sein wird. Für die unter englischer Herrschaft in Aden lebenden jemenitischen Juden ist eine solche Besserung bereits eingetreten. Zum Schluss seien noch die Nachrichten über die Juden Südarabiens erwähnt, die wir dem Ende 1909 in Jemen ermordeten jüdischen Reisenden Hermann Burchardt verdanken. WILHELM BACHER. Von A. Hebräus. Ein gediegener, vielseitiger jüdischer Gelehrter, eine Zierde des jüdischen Volkes, hat am 12. Januar d. J. in bescheidener Stille sein sechzigstes Lebensjahr vollendet. Wenn man von Wilhelm Bacher spricht, der auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft des Judentums seit vierzig Jahren erfolgreich tätig ist, fällt es schwer, anzugeben, welches eigentlich das Hauptarbeitsgebiet dieses Forschers sei; er hat sich überall, wo er der Wissenschaft gedient hat', als Meister bewährt. Als solcher findet er Anerkennung nicht nur unter jüdischen Fachgelehrten, sondern auch unter christlichen Theologen und Orientalisten, die sich nur schwer und äußerst selten entschließen, Forschungen jüdischer Gelehrter als vollwertig gelten zu lassen. Bacher ist ein vorzüglicher Kenner des Judentums, der jüdischen Theologie, der hebräischen Sprachwissensehaft und der Agacia. Außerdem beherrscht er das Arabische und Persische. Seit dem Jahr 1877, seit der Begründung der Landesrabbinerschule in Budapest, übt er an dieser Anstalt eine segensreiche Lehrtätigkeit aus. Im jugendlichen Alter von siebenundzwanzig Jahren war Bacher in der Gelehrtenwelt bereits rühmlich bekannt, so daß er damals die ehrenvolle Berufung an das theologische Institut erhielt. Seine Lehrtätigkeit, die er mit Eifer und Hingebung ausübt, hat seinen wissenschaftlichen Arbeiten gar keinen Abbruch getan. Er hat im Gegenteil seitdem Werke geschaffen, die in der Wissenschaft des Judentums zu den wertvollsten gehören. Ich werde am Schluß meiner kurzen Skizze ein Verzeichnis der größeren und selbständigen Arbeiten Bachers geben; die zahlreichen Abhandlungen, die er in den angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hat, lassen sich kaum übersehen. Wer nicht zum Fach gehört, wird vielleicht dieses Verzeichnis ohne Überraschung durchblicken. In Wahrheit aber ist es geradezu erstaunlich, wie ein und der- Nachdruck verboten. selbe Gelehrte verschiedene Zweige der Wissenschaft, die in gewissem * Sinne einander ausschließen, mit gleicher Vollkommenheit beherrscht. Bacher ist ein hervorragender Sprachforscher. Er hat insbesondere die hebräische Sprache lexikalisch, grammatikalisch und nach ihrer geschichtlichen Entwicklung wie selten einer erforscht. Und was sogar heutzutage bei jüdischen Gelehrten eine grosse Seltenheit ist: er handhabt die hebräische Sprache literarisch, was er in der schönen Einleitung der hebräischen Uebersetzung des arabisch geschriebenen \A orterbuches Abulwalids Ibn oanäh's, die er aus Handschriften herausgegeben hat, zur Genüge bekundet. Ich möchte nur nebenbei hervorheben, dass diese Publikation mit grosser Sachkenntnis und Akribie bewerkstelligt, sehr verdienstvoll ist. Das Buch enthält mehr, als man auf den ersten Blick hin anzunehmen geneigt ist. Man sollte nun meinen, dass wir es mit einem Sprachforscher und Grammatiker zu tun haben, dem die Sprachformen alles bedeuten. Aber derselbe Bacher hat ein klassisches mehrbändiges Werk über unsere herrliche Volkspoesie, über die Agada, mit tiefem Verständnis für Volksdichtung und für die Volksseele geschrieben. Es ist dies ein streng wissenschaftliches Buch, das als solches ungeteilte Anerkennung gefunden hat. Es 'bekundet aber zugleich eine dichterische Feinfühligkeit, die dem Werk besonderen Wert verleiht. Vielleicht ist diese Eigenschaft das Erbe, das Bacher von seinem Vater (Simon Bacher) übernommen hat. Sein Vater war nämlich ein bedeutender hebräischer Dichter, der unter anderm auch Lessings „Nathan der Weise" in die Sprache der Bibel übersetzt hat. Und wiederum auf einem anderen Gebiet hat Bacher Vorzügliches geleistet, auf diesem nahezu bahnbrechend. Er beherrscht, wie bereits erwähnt, mit vollkommener Prof. W. Bacher-Budapest. Gründlichkeit die persische Sprache,