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Ost und West · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 157 - 158

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Article
Ludwig August Frankl
Date
1910-03-01
Page
Seite 157 - 158 (sequence 4)
Language
German
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157 Max Schacherl: Ludwig August Frankl. 158 Zeit und könnten einmal Professor werden." Und Frankl erwidert: „Das würde mich als mein schönstes Ziel beglücken. Aber in Oesterreich kann ein Jude nicht Professor werden." — „Ah so!" — meint der Kronprinz nachdenklich, „so studieren S' halt Medizin weiter und wenn Sie wieder was Schön's gedieht haben, so bringen S' mir's . . In Frankls Aufzeichnungen ersteht uns wieder das Bild dieser bewegten Tage, werden uns die feinen Wiener Geister wieder vertrauter. Die schöngeistige Elite, das Volk, das leichtlebige und gemütliche, dem ein Umsturz nicht im Traum zuzutrauen und das über den Wandel der Märztage vermutlich selbst erstaunt war. Und dann die erleuchteten Geister, die Führer dieser allzeit lebensfrohen Masse, in der vormärzlichen Concordia vereinigt: Grillparzer, Staudigl, Holtei, Ludwig Löwe, Caetelli, Nestroy, Bery, Fischhof, und in ihrer Mitte Ludwig August Frankl. Die Exilierten arbeiteten im Reich draussen; daheim ein verborgener, aber schaffender Kreis. Bis der Märzmonat des Jahres 1848 kam, Metternich fiel, die verblödete Zensur unter sich begrub, und der Freiheitsjubel über die österreichischen Lande dahinflog. Das erste zensurfreie Gedicht („Die Universität") erschien von L. A. Frankl. Schon 1838, ein Jahr nachdem er in Padua zum Doktor der Medizin promoviert war, trat Frankl in die Dienste der Wiener Kultusgemeinde, als deren Sekretär er sich unvergängliche Verdienste um die Wohlfahrtspflege in der Gemeinde und um die kommunale Rechtstellung ihrer Glieder erworben hat. Unter seiner Aegide entstand das Blindeninstitut auf der Hohen Warte, diese humane Schöpfung grossen Stils. In der Chronik des Wiener Gemeindearchivs ist sein reiches Wirken verzeichnet, dessen Einzelzüge für die adelige Gesinnung des Mannes sprechen, der zu der Neubildung des schwankenden Oesterreich sein sichtbares Teil gegeben. Als 1867 in Wien das von ihm inaugurierte Schillerdenkmal enthüllt wurde, verlieh ihm der Kaiser das Adelsprädikat: Ritter von Hochwart. Vor hundert Jahren, am 3. Februar 1810, wurde er zu Chrast geboren; sechzehn Jahre ist er nun tot. Fassen wir diese hundert Jahre zusammen und sehen wir, wie sich die Geschichte von Volk und Reich gewandelt, die Ludwig August Frankl mitgelebt. Sein deutsch-österreichisches Ideal hat im Wandel der Zeiten viel gelitten und die Momente nationaler Zerklüftung, von denen seine „Erinnerungen" noch wenig zu sagen wissen, bestimmen heute das Leben seines Vaterlandes. Scheu und furchtsam fristet der organisierte Fortschritt sein Dasein, und die wenigen übriggebliebenen Achtundvierziger werden als politische Mumien verehrt, die man nicht gern aus dem Schlaf weckt. Weil sie irrtümlich klagen gönnten: „Freiheit, die ich meinte . . Die Lage der Juden in Oesterreich ist eine Frage, die keine Antwort findet. Wehmütig gedenken sie des Glaubens der Achtundvierziger, von dem ihnen in der Zeiten Not ein karger Rest geblieben. Es ist anders geworden im Vaterland. Anders als es Frankl, als es die mit und um ihn geträumt, gehofft und gesehen. Manches ist geblieben, vieles zerborsten. Und wenn die Achtundvierziger auch als politische Reliquien pietätvoll verehrt werden, so erscheint die Göttin der Freiheit doch immer wieder mit der vormärzlichen Frage: „Darf ich so frei sein frei zu sein?" ... Nein, Verehrte, Sie dürfen nicht! Die alten Ideale, sie sind nicht mehr. .. . Und doch, noch leben sie! Nicht im Lärm des Tages, aber an den Grenzen gegenwärtiger politischer Weichbilder werden sie dereinst wieder erblühen. Denn was in der neuen Donaustadt Mittelpunkt ist, war im alten Wien Peripherie. Nicht die Ideale, nicht die Männer, die sie uns gaben, können vergessen sein. Ludwig August Frankl ist uns geblieben und lebt fort in der Erinnerung der Nachfahren, als einer der das Erbe seiner Vorfahren heilighielt. Gleichviel: ob im heutigen Oesterreich der jüdische Deutschösterreicher gleiches Gefallen findet, ob die Moderne den Dichter gläubig hinnehmen will — seines Wirkens Spuren reichen in fernere Zeiten hinüber. Er hat sein Leben als Mensch und Dichter mit den Besten gelebt. Er sah in Lenaus leiddurchfurchtes Antlitz und war ein Freund des edlen Anastasius Grün. Besass die Zuneigung Grillparzers, Uhlands, und was seine Zeit an Schöpferischem gab, dem hat er sich in Liebe genähert. Der stete Tropfen neuen Geschehens vermag den Stein der Erinnerung nicht zu höhlen, auf dem der Name Ludwig August Frankls leuchtet. Und dieses mag als markantestes Zeichen seines Lebens fortdauernd gelten: man kann die Geschichte seines Vaterlandes nicht schreiben und seiner vergessen; und kann die Besten seinerzeit nicht nennen, ohne seiner zu gedenken.

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