Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Article
- Benedictus Spinoza
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 11)
- Language
- German
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99 Ernst Altkirch: Benedictas Spinoz: 100 Die Kirchstrasse in Voorburg. Wohnung sein Auskommen nicht hatte, sah er sich nach einer anderen Behausung um und fand sie in nächster Nähe auf der Paviljoensgracht 32 bei dem Maler Hendrik van der Spyck. In den oberen Räumen des Hauses wohnte und starb er. Das Haus ist leider völlig umgebaut und hat deshalb für uns an Bedeutung verloren. Am Giebel befindet sich eine Tafel mit der Inschrift: „Hier woonde Spinoza van 1671 tot zyn Dood 1677". Begraben wurde Spinoza in der neuen protestantischen Kirche auf dem Spuy. Ihr Inneres ist sehenswert, da sie ohne Pfeiler gebaut ist. Auch sind die Holzschnitzereien der Kanzel und eines Gestühls von grosser Schönheit. Des Küsters jüdische Magd führte uns. Sie behauptete, dass Spinoza unter der Kanzel begraben läge. Dies trifft indessen nicht zu. Er liegt rechts von der Kanzel unter der Grabplatte B162; da es jedoch ein Mietsgrab war, das nach etlicher Zeit für andere Tote wieder geräumt wurde, so kann von einer eigentlichen Grabstätte Spinozas kaum noch, gesprochen werden. Ein Denkstein ist nicht vorhanden. In dieser Kirche wurde auch Spinozas treuester Freund und Gönner Jan de Witt begraben. Neben der lutherischen Kirche ist auf der Paviljoensgracht noch das Haus erhalten, in dem das Beratungszimmer der Kirchenältesten sich befand. An der Wand sind die Namen aufgezeichnet, unter denen sich auch der van der Spycks befindet. Nach der Predigt kamen hier die Aeltesten mit dem Geistlichen zusammen, rauchten eine Pfeife und tranken eine Schale Kaffee. Golerus wird sich bei diesen Zusammenkünften mit van der Spyck des öfteren über Spinoza unterhalten haben und hierbei den Gedanken einer Lebensbeschreibung des Philosophen gefasst haben. Nicht weit von dem Sterbehaus Spinozas erhebt sich auf der Paviljoensgracht sein Denkmal. Es wurde 1880 gesetzt, und bis vor etlichen Jahren muss es dort in einer schönen Umgebung gestanden haben. Auch diese Strasse war von einer stillen Gracht durchflössen, an der alte Lindenbäume standen. Gegenüberliegen die Häuser eines Hospitals. Heute ist auch diese Gracht zugeschüttet worden, und um dem Denkmal wenigstens einen würdigen Hintergrund von schönen, schattigen Linden zu geben, musste es umgedreht werden. Die Umgebung ist mitsamt einem mächtigen Telegraphengestänge erschreckend reizlos, und sie ist eins jener hässlichen Beispiele, wie das schöne Alte vom nüchternen Neuen unterdrückt und weggefegt wird. Das Bronzestandbüd rührt von F. Hexamer, einem Franzosen, her und trägt auf dem granitenen Sockel die schlichte Inschrift: Spinoza. Der Philosoph sitzt auf einem geschnitzten Stuhl mit Lederbezug, Kissen und Fransen, wie er ihn zu seinen Lebzeiten schwerlich benutzt haben wird, in der rechten Hand eine Feder haltend, in Gedanken versunken. Der Kopf ist nach dem van der Spyckschen Miniaturbildnis geschaffen worden. Dass auf des Denkers Schoss, "zu seinen Füssen und innerhalb des Gitters faustgrosse Ziegelsteine lagen, will ich nur nebenher erwähnen. Sie geben dem Denkmal einen seltsamen Schmuck und erinnern uns daran, dass Spinoza einer aDas Siegel der Gekreuzigten und Gesteinigten war. Spinozas.