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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Das Laubhüttenfest in Mossul
Date
1910-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 1)
Language
German
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61 62 Die Alliance-Schulen in Beirut. Mittelkursus. I. and II. Jahrgang. DAS LAUBHUETTE Mossul (Mesopotamien), 17. Oktober 1909. Vor unserer Niederlassung in Mossul — das ist dem Central-Comite aus mehrfachen Berichten bekannt — waren unsere Glaubensgenossen hier vollständig unbeachtet. Die Eegierung und die übrige Bevölkerung wussten kaum etwas von ihnen. Was man von ihnen sah, waren nur einige Schuhflicker oder Stiefelputzer, die ihr dürftiges Brot dem äussersten Mitleid verdankten, das sie einflössten. Man schätzte ihre Zahl auf etwa fünfzig Familien, während tatsächlich über 3500 Seelen sich in dem jüdischen Viertel verbargen. Bei meinem ersten Besuch im französischen Konsulat fragte mich der Konsul mit einiger Ueberraschung, ob es viele Israeliten in Mossul gäbe. Der Vali war erstaunt, dass die Alliance sich „wegen einer Handvoll Juden" in Kosten stürzen wolle. Alle Behörden, zu denen ich kam, sagten mir, dass ihnen das von unsern Glaubensgenossen bewohnte Viertel unbekannt sei. Sie werden aus dem nachstehenden Bericht ersehen, dass dank unserer Anwesenheit in Mossul alle Welt jetzt das Viertel kennt und für seine arme, aber intelligente, arbeitsame und fortschrittsfreüdige Bevölkerung Interesse gewonnen hat. Dass unsere Glaubensgenossen während des neuhtägigen Laubhüttenfestes dem Bazar fernblieben, wurde früher gar nicht bemerkt. Die Israeliten verbringen das Fest herkömmlich in den Laub- <JFEST IN MOSSUL Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. hütten im Familienkreise, besuchen einander und beten die Psalmen. In diesem Jahr erhielt das Fest einen wesentlich anderen Charakter und erhöhten Glanz. Auf meine Veranlassung statteten die Ortsbehörden und die fremden Konsuln am ersten Feiertag den vornehmsten Israeliten Besuch ab. Dies Ereignis setzte das ganze Viertel in Erregung und erfüllte unsere Glaubensgenossen mit Freude. Denn noch niemals hatte ein hoher Beamter den Fuss in ein israelitisches Haus gesetzt. Dass die Herren jetzt eigens kamen, den armen, bisher verächtlich behandelten Israeliten frohes Fest zu wünschen, erkannten unsere Glaubensgenossen mit Genugtuung als einen grossen Fortschritt. Sie zogen daraus doppelten Gewinn: Ihr Ansehen bei der ganzen Bevölkerung wurde erhöht, das Gefühl persönlicher Würde erwachte neu in ihnen, nachdem es durch das Exil bei ihnen geschwunden war. In dem seitherigen Zustand der Bedrückung hatten sie ihr Aeusseres völlig "vernachlässigt. Sie kleideten sich in Lumpen, Hessen den Bart wild und unsauber wachsen, um das Mitleid der Moslim zu erregen und den räuberischen Beamten der früheren Eegierung zu beweisen, in wie kläglichen Verhältnissen sie lebten. Gerade das hatte uns hei unserer Ankunft den kläglichsten Eindruck gemacht. Heute fangen die meisten unserer Glaubensgenossen bereits an, Sorgfalt auf ihre Kleidung zu verwenden.

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