Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1910)
- Article
- Griechische Umtriebe
- Date
- 1910-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 6)
- Language
- German
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59 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Griechische Umtriebe. 60 ähnlich den Häusern Errera und Orosdi Back, deren griechische Angestellte sie übrigens wegengagierten. Sie versuchten auch, den Israeliten das Transportmonopol zu nehmen, und stifteten den sogenannten Kärrner-Zwischenfall an. Die Kärrner. — Die Kärrner von Saloniki sind alle Israeliten. Die Griechen fürchteten, dass ihre Waren von den jüdischen Kärrnern boykottiert werden würden, und wollten den zahlreichen Griechen aus dem Innern, die in Saloniki nach den .Juliereignissen zurückgeblieben waren, einen Erwerb schaffen. Sie Hessen deshalb einen Kärrner aus Athen kommen und kauften zehn Lastwagen. Die jüdischen Kärrner erklärten darauf den jüdischen Kaufleuten, aus ihren Magazinen nichts mehr zu befördern, wenn sie ihre Waren auf den den Griechen gehörenden Wagen verladen Hessen. Die jüdischen Händler stellten sich auf Seiten der jüdischen Kärrner. Die griechischen Notabein protestierten im Namen der Arbeitsfreiheit, doch die Juden blieben fest. Von der anderen Seite wurde überall der Boykott gegen die israelitischen Häuser gepredigt. Man intervenierte abermals, und. am 10. März war der Zwischenfall beseitigt. Ein Kompromiss wurde geschlossen. Die Griechen verpflichteten sich, die Zahl ihrer Karren nicht zu vermehren, die Israeliten wollten die vorhandenen griechischen Kärrner nicht mehr ausschliessen. Nun traten die Aprilereignisse ein: die Reaktion wurde unterdrückt, und die enttäuschten Griechen taten die „grosse Idee" wieder beiseite. Der Pressfeldzug. — Gegen Mitte Mai veröffentlichten gleichzeitig die beiden griechischen Journale von Saloniki, der „Pharos" (Licht) und die „Alithia" (Wahrheit) Feuilletons mit den alten Ritualmord-Verleumdungen. Ueberschrieben waren die Auslassungen „Der Teufel in der Türkei", und der Teufel in der Türkei war der Jude. Diese Feuilleton- Erzählungen waren nicht neu, sie waren bereits vor 45 Jahren geschrieben. Aber die gleichzeitige Veröffentlichung unter den derzeitigen Umständen war eine Herausforderung. Die Israeliten wurden besorgt. Der Gemeinderat beschloss, von den Behörden zu verlangen, dass sie Massnahmen zur Verhinderung dieses Vcrleumdungsl'eldzuges ergriffen. Man schrieb nach Konstantinopel, und den beiden Journalen wurde verboten, die Publikation fortzusetzen. Mittlerweile hatten die israelitischen Blätter gegen jene Provokation protestiert, hatten die griechischen Blätter die gehässigen Artikel wieder abgedruckt, hatten sich die vergeblichen Versuche eines Boykotts der israelitischen Händler und Arbeiter erneuert. Der Widerstand der Israeliten ging hauptsächlich von dem „Klub der Freunde" aus, den der rührigste Teil der israelitischen Jugend gebildet hatte, und dessen Wahrspruch der der Alliance israelite Universelle ist: „Ganz Israel bürgt für einander". Dieser im Jahre 1908 gegründete Klub sammelte alle jüdischen Arbeitskräfte von Saloniki, reorganisierte die Gewerkschaften und vereinigte sie. Was irgend die Israeliten von Saloniki angeht, nimmt der Klub in die Hand. Seine Mitglieder haben die Kärrner unterstützt und ermutigt; von diesem Klub sind alle jüdischen Kundgebungen zugunsten des ottomanischen Vaterlandes ausgegangen. Nebenbei sei bemerkt, dass die Mitglieder dieses Klubs vortreffliche Artikel über das Werk der Alliance veröffentlicht haben. Die griechischen Zeitungen beschuldigten den Klub, eine Geheimgesellschaft zu sein, die Zwietracht verbreite und gegen das Vaterland arbeite. Der Klub, der die Initiative ergriffen hatte, für die Opfer der Aprilereignisse ein Denkmal zu errichten, protestierte energisch und wollte Prozesse anstrengen. Da jedoch die Behörde die Presskampagne unterdrückt und die Israeliten gebeten hatte, im Interesse des Vaterlandes die vergangenen Dinge zu vergessen, so trat Ruhe wieder ein. Man konnte übrigens wahrnehmen, dass die wohlmeinenden Mitglieder der griechischen Gemeinde selbst diesen Pressefeldzug missbilligten. Um deutlich zu zeigen, dass sie jede Solidarität mit diesen Agitatoren ablehnten, kamen die Notabein der griechischen Gemeinde in grosser Zahl zu dem Fest, das wir zugunsten unserer Schulen veranstaltet hatten. Die Massen aber Hessen nicht locker. Als im Jahr 1909 die Kreter ihren Willen aussprachen, sich mit Griechenland zu vereinigen, und als die Israeliten sich ihren moslemitischen Mitbürgern anschlössen, um gegen diese Angriffe auf die Integrität der Türkei zu protestieren, erschienen aufs neue die erwähnten beleidigenden Artikel mit burlesken Karikaturen, und die Boykottversuche wiederholten sich. Die augenblickliche Lage. — Augenblicklich sind die Beziehungen zwischen Griechen und Israeliten gut. Bei dem geringsten Anlass aber, schon morgen, kann der Zusammenstoss sich erneuern, können die früheren Szenen sich wiederholen. Die Griechen haben sich nicht darein geschickt, die Israeliten als Herren des Handels von Saloniki und von Mazedonien zu sehen, und die Israeliten, die sich in ihren Interessen bedroht fühlen, organisieren sich; die Kaufleute, die die Gefahr spüren, haben sich vereinigt. Sie haben im Mai 1909 den Cercle commerciale israelite gegründet, der über die Interessen der israelitischen Kaufleute wacht. Man muss hoffen, dass dank der Wachsamkeit dieser beiden wichtigen Organisationen „Cercle commerciale israelite" und „Cercle des intimes" die Lage der Israeliten von Saloniki keine Verschlechterung erfahren wird. S c h 1 u s s. — Die Agitation hat keinen bedenklichen Charakter gehabt, aber tiefe Gründe politischer und wirtschaftlicher Art. Diese Gründe sind nicht verschwunden. Die Griechen arbeiten heimlich, um das wirtschaftliche Uebergewicht zu erlangen, und die Israeliten organisieren die Verteidigung. Es ist offenbar, dass die Israeliten einig sein müssen, an der Stärkung der Türkei zu arbeiten. An dem Tage, an dem die Türkei kräftig sein wird, werden1 die politischen Ursachen dieser Bewegung verschwinden, und mit ihnen die wirtschaftlichen Ursachen.