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Ost und West · 1910-01-01 · Heft 1 (Januar 1910) · p. Seite 11 - 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 1 (Januar 1910)
Article
Alfred Graetzer
Date
1910-01-01
Page
Seite 11 - 12 (sequence 2)
Language
German
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11 Karl Schwarz: Alfred Graetzer. 12 meisterin gefunden, die ihn auch immer nach dem Ringen und Suchen in den Kunstzentren, dem Arbeiten in Ateliers und Akademien auf den rechten Pfad wies. Ihr ist er stets treu geblieben; so oft er ■zu ihr zurückkehrte, hat er bei ihr die Stoffe und Anregung zu seinen Werken gefunden. Sie hob ihn über die Enttäuschungen hinweg, die ihm nach jahrelangem Suchen wurden, als er, beinahe verzweifelnd anginer erfolgreichen Zukunft und an der künstlerischen Berechtigung des Erstrebten und bereits Erreichten, wieder mit dem akademisch trockenen Akt- und Anatomiezeichn n begann. Und als er dann endlich sich selbst gefunden zu haben glaubte und nun die langersehnte Anerkennung zu finden hoffte, da sah er sich von allen unverstanden und verlassen und musste als stiller Wanderer einsam seine Strasse weiterziehen. Aber der Glaube an seine Kunst und die Liebe zum Sein, die allumfassende Liebe zur Natur und das frohe Locken der Sonne halfen ihm weiter über Enttäuschungen und Sorgen, Kummer und Leid. Ja, seine Kunst und sein ehrliches Streben erhob ihn sogar in dem Augenblick, da andere dem tragischen Geschicke zu unterliegen drohen, es gab ihm frische Kraft und löste in seiner Brust neue, erhabene Töne und gewaltige Akkorde, die in seinen Werken fortklingen und sein Schaffen zu dem Abbild des reichbelebten Auf- und Niederwallens des menschlichen Schicksals gestalten, vom Jauchzen und Singen des Kindes, dem stillen Glück und ruhigen Geniessen der jungen Kraft bis zum gewaltigen Tosen der entfesselten Gewalt. — Die Technik der Lithographie feiert erst in unseren Zeiten den Triumph künstlerischer Ausgestaltung. Während sie bisher nur zu Illustrationen diente und der Radierung als Tochterkunst des Kupferstichs ALFRED GRAETZER. . Ernte. (Angekauft vom Kgl. Kupferstichkabin' t Berlin), die führende Stelle in der Graphik zufiel, wird jetzt immer mehr die weichere, malerische Technik des Steindrucks zur Lösung künstlerischer Probleme verwendet. Graetzer müsste bei seinen Bestrebungen die Lithographie wählen, die ihm die Möglichkeit gewährte, mit dem Strich allein schon die mannigfaltigsten Abstufungen zum Ausdruck zu bringen. Von der Federzeichnung mit ihrem ausgesprochen linearen Charakter, dem feinen Bleistiftstrich bis zum weich zerfliessenden Kreide- und Kohleton, der ganze Flächen hebt und in verschiedene Wellenlagen zergliedert, konnte er nun der reichen Skala seiner Stimmungen auch technisch gerecht werden und somit die Wirkung des Bildmässigen bis zu ungeahnter ,Kraft in Schwarz und Weiss wiedergeben. — Die hier reproduzierten v.: Blätter geben in > guten Beispielen die Beweise für die seelisch wie technisch in so reichem Masse dem Künstler zu Gebote stehenden Ausdrucksmöglichkoi - ten. Eine Erklärung der^einzelnen Werke erübrigt sich nach dem Vorhergesagten: vom Herzen kommend sind sie zu H erzen gehend und sprechen somit für sich selbst. Alfred Graetzer, der heute in der Mitte der-(Dreissig steht, findet jetzt immer mehr die verdiente Beachtung des Publikums. Seine graphischen Dichtungen und Träuaereien— so könnte man sein Schaffen bezeichnen — gewinnen ihm, der erst vor kurzem an die Oeffentlichkeit getreten ist, rasch neue Freunde und Verehrer, deren Kreis sich hoffentlich bald zu einer stattlichen\ Schar erweitern wird. Das Ziel, das sich der Künstler gesteckt und dem er in allen seinen Werken zustrebt, hat er selbst in den Worten, mit denen wir hier von ihm Abschied nehmen wollen, ausgesprochen: „Meine Form das Strömen des Lichtes,, mein Inhalt das unendliche Strömen des Lebens." BRESLAU.

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