Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Die Knabenschule der Alliance in Teheran
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 851 - 852 (sequence 3)
- Language
- German
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851 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Knabenschule der Alliance in Teheran. 852 wir singestehen, dass wir nicht erreichen werden, die lebensweise unserer Juden zu ändern. Dazu sind Not und Elend bei ihnen zu gross. Mit hygienischen Ratschlägen ist den Aermsten nicht geholfen, denn die Mittel zu ihrer Befolgung fehlen. Darum mussten wir unser Hauptarbeitsfeld auf die Schule beschränken, mussten unseren Kindern den unermesslichen Wert der Sauberkeit klar machen, ihnen die notwendigsten hygienischen Vorschriften einprägen und ihnen beweisen, dass Reinlichkeit und Ordnung nicht allein die Gesundheit der Juden kräftigen, sondern auch ihr Ansehen bei den Mohammedanern bedeutend heben würde. Hier haben wir gute Erfolge zu verzeichnen. Die Schüler haben sich an die Pflege des Körpers gewöhnt, wir haben in der Schule keine Kopiausschläge und keine Augenkrankheiten mehr, und die Fieber finden unter den sauberer gehaltenen Kindern nicht mehr so grosse Verbreitung. Gleichzeitig ist auch die Kleidung unserer Schüler anständiger geworden. Sie tragen keine Tunika mehr, die Lumpen und.Schmutz so gut zudeckte, sondern die gleichen kurzen Hosen und geschlossenen Jacken wie unsere Schüler im Orient. Die moralischen Fortschritte haben uns wohl am meisten zu schaffen gemacht. Unsere Schüler hatten die bedauerlichste Neigung zum Lügen *) und haben alle Findigkeit ihres frühreifen Geistes zur Bemäntelung ihrer moralischen Fehler angewendet. Hier mussten wir erst viel Unkraut ausrotten und sie dann mit überzeugenden Worten und guten Ratschlägen zu ändern versuchen. Wir mussten das Misstrauen aus ihrer Seele reissen und kameradschaftliches Vertrauen zwischen den Mitschülern herstellen, wir mussten ihnen beweisen, dass ohne gegenseitiges Vertrauen ihr Leben, ebenso wie es bei ihren Eltern gewesen, in immerwährender Sorge dahingehen würde. Unsere Bemühungen gingen langsam, aber sicher; allmählich gewinnen die Gefühle für Ehrlichkeit und Gerechtigkeit auf dem Umweg über unsere Schule Eingang in die jüdischen Familien. Ferner mussten wir versuchen, das Benehmen unserer Schüler in den Synagogen zu bessern und auch hierdurch auf weitere Kreise erziehlich zu wirken. Die vielen Verfolgungen haben bei unseren *) Diese ^Neigung zur Unwahrhaftigkcit, die völllige Verkennung des Wesens der Wahrhaftigkeit ist altpersische Ueb erliefe rung, die von Herodot (I. Iii. 72) bezeugt wird. An der bezeichneten Stelle werden dem König Darius folgende 'Worte in den Mund gelegt: „Denn wo du lügen musst, da lüge: denn dasselbe Ziel haben beide vor Augen: der da lügt und der die Wahrheit sagt. Nämlich der eine lügt dann, wenn er durch seine Lüge etwas einreden und Vorteil daraus ziehen will, der andere sagt die Wahrheit darum, dass er durch die Wahrheit Vorteil gewinnen und die Leute um so mehr an sich ziehen will. Also wiewohl auf verschiedenen Wegen trachten sie beide nach demselben Ziel. Sollten sie keinen Vorteil davon haben, so könnten sie gleichergestalt beides, der Wahrhaftige ein Lügner und der Lügner wahrhaftig sein." — Unsere persischen Glaubensgenossen sind zu der schlimmen Untugend auf dem Wege der Assimilation gekommen. (Anm. der Redaktion.) Glaubensgenossen in Persien die Anhänglichkeit an ihren Glauben zwar befestigt, die Religion selbst aber jeder Poesie entkleidet und ihre Ausübung zu blossem Formelwesen erniedrigt. Eine Folge davon ist das unglaubliche Verhalten der Beter in den meist aus nackten Mauern bestehenden Synagogen. Der Lärm der betenden, schwatzenden oder lachenden Stimmen ist oft betäubend; auf den seine Litanei eintönig herunterleiernden Vorbeter wird keine Rücksicht genommen; Ruhe tritt nur ein, wenn ein mit besonders kräftiger Stimme Begabter sich erhebt, um eine Geschichte zu erzählen. Danach gehen Lärm und Gottesdienst weiter. Um unseren Glaubensgenossen wieder den Respekt vor dem Gotteshaus beizubringen, mussten wir bei unserer Schuljugend anfangen. Wir haben hier schon so günstig gewirkt, dass in allen Schichten der Bevölkerung die Juden sich ihrer Würde bewusst werden. Das Resume unserer Tätigkeit im Schuljahr 1905 1906 ist demnach ausser dem Unterricht und der Erziehung der uns anvertrauten Kinder noch das Bestreben, sie an Arbeit und Reinlichkeit, an Wahrhaftigkeit und Würde zu gewöhnen. Der Einfluss der Schulen hat sich natürlich nur durch unsere Schüler geltend machen können; aber bisher ist unsere Schülerzahl im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung von Teheran zu gering gewesen, als dass die Wirkung ihrer Erziehung schon bei den grossen Massenhätte Eingang finden und ihre Lebensweise ändern können. Eine Vermehrung unseres Schülerbestandes wird auch eine Erweiterung unseres günstigen Einflusses zur Folge haben. Sehr zufrieden dürfen wir mit der Wandlung sein, die das äussere materielle Leben der Juden Teherans erfahren hat. Dank der gelegentlichen und moralischen Unterstützung der Alliance-Vertreter haben unsere Glaubensbrüder ihre Aengstlichkeit und ihr Misstrauen abgelegt, besinnen sich auf ihre Kräfte und Fähigkeiten und verlassen das Ghetto, um in anderen Stadtteilen ihren Geschäften nachzugehen und sich eventuell dort niederzulassen. Streitigkeiten zwischen Mohammedanern und Juden kommen nur noch selten vor, und niemals aus religiösem Anlass. Die jüdische Gemeinde Teherans hat bisher auf ziemlich niedrigem Niveau gestanden, weil die meisten Juden sich nur mit dem Trödel und mit Kolportage beschäftigt hatten. Wir haben uns mit Erfolg bemüht, die uns unterstellten Schüier dieser seitherigen Beschäftigung zu entreissen und sie für ein Handwerk zu interessieren. Ausser den Lehrlingen, die eine Subvention von der Alliance bekommen, üben hier eine ganze Anzahl junger Leute ein Handwerk aus; wir haben Schneider, Schuhmacher, Setzer, Goldarbeiter, Tischler, Tapezierer, Hutmacher, Zimmerleute, Schmiede, Bronzegiesser und andere. Freilich müssen diese Handwerker sehr hart arbeiten, um ihre Familien zu ernähren, aber sie kommen doch in gesunden, angesehenen Handwerken vorwärts, und dafür können sie der Alliance nicht genug dankbar sein.