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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 845 - 846

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Die Juden in Russland
Date
1906-12-01
Page
Seite 845 - 846 (sequence 2)
Language
German
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845 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Juden in Russland. 846 tiefgehenden Wirkung nur mit dem ruhmreichen Anklagebrief Zolas in der Dreyfusaffäre verglichen werden. Seit jener Stunde ist auch in Eussland die Wahrheit auf dem Marsch. Sie schreitet langsamer einher als in Frankreich, das Land ist grösser, das Volk schwerfälliger — aber nichts wird und kann sie aufhalten. Durch die Greuel in Siedlitz im September dieses Jahres wurde das Gewissen der Männer, die in sich ein Gefühl der Verantwortlichkeit für die Ehre Russlands verspüren, von neuem wachgerufen. Der Prozess gegen den Arbeiterdeputiertenrat in Petersburg gab erwünschten Anlass, um weiteres urkundliches Material über die geheime, von höchsten Kreisen begünstigte und direkt geleitete Pogrom-Organisation ans Licht zu ziehen. Seitdem der amtliche Bericht des Polizeidirektors Lopuchin an den Ministerpräsidenten Stotypin veröffentlicht ist, gibt es für die Pogromstifter, die mit auf der Bank der Herrschenden sitzen, keine Deckung mehr. Sollte bei einem neuen Ueberfall über eine zu neuen Opfern erkorene friedliche jüdische Gemeinde das amtliche Pressbureau wiederum wie im Falle von Siedlitz verkünden: „Revolutionäre haben auf die Truppen geschossen; die Häuser, aus denen die Schüsse fielen, wurden unter Feuer genommen; es soll nach unverbürgten Nachrichten ein Pogrom im Gange sein," — auf solche dreist-naive Mitteilung würde ein Hohngelächter aus allen Weltgegenden die Antwort geben. Man weiss nunmehr überall, dass eben die Leute, die derartige irreführende Depeschen aussenden lassen, auch jene berüchtigten Brandaufrufe verfasst, gedruckt und verteilt haben, mit deren Hilfe zahlreiche Vorgesetzte die ihnen anvertrauten Truppenteile — so die gesamte Garnison von Siedlitz — zu schamlosem Raaben und Morden angestachelt haben. Wenn Siedlitz durch einen Truppenkordon völlig abgeschlossen, wenn Artillerie herbeigeholt wurde, so war das ohne Vorwissen der Zentralbehörde nicht möglich. Ein einziger Soldat ist ums Leben gekommen — durch die fehlgehende Kugel eines Kameraden —, auf Seite der Juden verzeichnen die jüngsten zuverlässigen Meldungen an Opfern: 32 Tote, deren Leichen aufgefunden wurden, 20 dauernd erwerbsunfähige Krüppel, viele Verwundete, 21 Witwen und 64 Waisen der Gemordeten. Und für alle diese Greueltaten wird eine einzige greifbare Ursache angegeben: die Ermordung des Polizeimeisters von Siedlitz am 21. August, deren Urheber nicht entdeckt worden sind. Der Polizeimeister hatte, wie der von Bialystok, alle Sympathie der jüdischen Bevölkerung — um so weniger durfte man diese insgesamt für die Tat eines Einzelnen verantwortlich machen. Auch für die Notleidenden in Siedlitz waren die jüdischen Hilfsorganisationen in voller Einmütigkeit tätig. Aus der gemeinsamen Kasse in London wurden 60 000 Rubel an die Hilfskomitees am Ort und in Warschau überwiesen, in Russland selbst sind 50 000 Rubel aufgebracht worden. Da jedoch der Schaden auf ungefähr 450 000 Eubel berechnet wird, so werden noch erhebliche Mittel beschafft werden müssen, um die Not der Witwen und Waisen zu lindern und auch nur einigermassen den Geschädigten die Fortsetzung ihrer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Selbstverständlich kann jedoch durch diese Almosen keine dauernde Besserung der allgemeinen Lage auch nur in einer einzelnen jüdischen GemeindeRusslands erzielt werden. Vielmehr ist alles, aber auch alles lediglich von der so lange schon in Aussieht gestellten Reform der russischen Judengesetzgebung zu erwarten. Welches sind in dieser Hinsicht die wahren Absichten des gegenwärtig am Ruder befindlichen Ministerrats? Zwei Lesarten eines reformierenden Gesetzentwurfes sind seither bekannt geworden, beide erfüllen auch nicht die bescheidensten Hoffnungen. Der Krebsschaden liegt, wie allgemein zugegeben, darin, dass der bei weitem grösste Teil der russischen Juden in seinen Wohnrechten auf einen bestimmten Rayon, nämlich Polen und 15 altrussische Gouvernements, beschränkt ist und innerhalb dieses Rayons wiederum nur die Städte besiedeln darf. Der Entwurf, der übrigens dem Finanzmintster Kokowzew zugeschrieben wird, bessert wohl die Lage der Juden ausserhalb des Rayons, aber die Grenzen des Rayons selbst werden nicht geändert — wenn nicht etwa Pultawa gar noch den Juden im allgemeinen verschlossen werden soll —, dieselben Berufsklassen wie bisher bleiben also auf den Rayon angewiesen, und der Aufenthalt auf dem Lande innerhalb des Gebiets wird, wie es den Anschein hat, so vielen Kautelen unterworfen, dass auch hierin keine Erleichterung Platz greifen würde. Aber es ist fraglich, ob diese und ähnliche frühere Entwürfe überhaupt ernster Beachtung wert sind. Die Regierung trägt offenbar Bedenken, an die Lösung des Problems heranzugehen. Bald heisst es offiziös, dass die Judenfrage der künftigen Duma vorbehalten bleibe, bald wird ebenso feierlich angekündigt, dass das Gesetz vom 3. Mai 1882, das ja die unerträglichsten Bestimmungen geschaffen hat, unverzüglich mit einem Federzug aufgehoben werden soll. Die gleichen Widersprüche zeigen sicli in Einzel Verordnungen wegen Zulassung der Juden zu bestimmten Ortschaften oder bestimmten Lehrinstituten und dergl. Vielleicht will man mit diesem Hin und Her einen Druck auf die jüdischen Wähler ausüben, denen man ihr erstes „schlechtes" Votum besonders nachträgt. Aber wie dürften die Kandidaten einer solchen Regierung, die seit der ersten Dumawahl doch nur den Namen gewechselt hat, bei den Juden irgend welches Vertrauen beanspruchen!*) Die rechtliche Lage der Israeliten in Russland hat sich noch nicht im geringsten zum Guten gewandt. Ihr Leben, ihr Familienglück, ihre berufliche Existenz wird vielerorten stündlich bedroht, *) Kurz bevor unser Blatt in den Druck geht, Avird ein weiteres Reform pro jekt halbamtlich gemeldet, das die Aufhebung* der beschränkenden Polizeivorschriften im Ansiedelungsbezirk, gleichartige Bestimmungen für die Juden ausserhalb dieses Bezirks und Abschaffung der Handelsbehinderungen für die Juden in baldige Aussicht stellt!»

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