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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 831 - 832

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Die jüdische Religion und die Juden des Ostens
Date
1906-12-01
Page
Seite 831 - 832 (sequence 3)
Language
German
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831 M. J. B.: Die jüdische Religion und die Juden des Osten. 832 die Gebete durchdrungen sind, ist die Gewissheit der Einzigartigkeit des Judentums und von seinem engen Zusammenhang mit dem Geschick der ganzen Welt. Wir haben hier drei Elemente der jüdischen Eeligiou im Osten aufgezählt, den Talmud, die Mystik und das nationale Prinzip, ohne dabei von der Bibel, der eigentlichen Quelle, auszugehen. In der Tat bildet sie hier nicht mehr die Grundlage der Eeligiou und nimmt nicht mehr die Stellung ein, die ihr zugewiesen war. Dieser Prozess der Ausschaltung des biblischen Schrifttums aus dem religiösen Bewusstsein der Juden ist übrigens alt und hat sich vollzogen noch bevor die Juden diesen Boden betreten haben. Sonderbar: als ein kleiner Teil der Juden im Osten zum Studium der Bibel zurückkehrte und die Bibel wieder hervorgeholt wurde, war die Wirkung des erneuten Studiums beinahe antireligiös. Das darauf entstandene neuhebräische Schrifttum, das auf durchaus weltlichen, zuweilen geradezu antireligiösen Motiven beruhte, sog seine Kräfte aus der Bibel, aus der Sprache der Bibel. Und nun kommen wir zur Schlussbetrachtung über das östliche Judentum. Die jüdische Eeligiou als Eeligion der Diaspora stützt sich in all ihren Wandlungen auf die Tradition, auf eine zum grossen Teil geschriebene Tradition. Um zu ihr zu gelangen, bedarf es aber umfassender Kenntnisse, eines durch Studium erworbenen Wissens. So ist es gekommen, dass zwischen dem einfachen Volk, das immer dem Wissen fern geblieben ist, und den Trägern der religiösen Ueberlieferung von jeher ein gewisser Antagonismus herrscht. Schon im Talmud zeigt sich eine Kluft zwischen dem Chaber und dem Am-Haarez, zwischen dem Gelehrten und dem Mann der Scholle, und diese Kluft besteht in gewissem Sinne noch heute. Darauf ist es auch zurückzuführen, dass das jüdische arbeitende Volk im Osten in der letzten Zeit sich so viel der Revolution zugewendet hat, womit eine Absage an die Stammesreligion verbunden ist. Die geistig Vernachlässigten und immer von den religiösen Trägern sich abhängig Fühlenden glauben damit einen Weg gefunden zu haben, auf dem sie die Herren werden können. Religion trennt nicht, sondern vereinigt, sie muss einheitlich wirken und als Ganzes sich manifestieren. Nur iui Ganzen liegt die Gewähr der Unversiegbarkeit und des Bestehen-Könnens.

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