Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Die jüdische Religion und die Juden des Ostens
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 829 - 830 (sequence 2)
- Language
- German
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829 M. J. B.: Die jüdische Religion und die Juden des Ostens. 830 JULES ADLER Sekte gleich. Ihre Halacha ist dieselbe gehlieben, wie sie vor drei Jahrhunderten zum Abschluss gebracht worden ist - Die russischen, polnischen und litauischen Juden bilden den beweglichen Teil der östlichen Juden. Sie sind es, denen diese Schilderungen gewidmet sind. Vier Dinge waren es, die diesem Teil der Juden die Möglichkeit zu eigenem geistigen Deben gegeben haben: ihre Sprache, ihr sozialer Stand, ihre Verwaltung nach eigenem Eecht, und schliesslich die Zusammenschmelzung ihrer Wohnländer zu einem Weltreich. Die Sprache dieser Juden ist ein deutscher Dialekt, der im lebendigen Wort ihr eigen geworden ist. Indem sie auf fremdem Boden von der einheimischen Bevölkerung sprachlich getrennt blieben, konnten sie ihre Eigenart bewahren. Ebenso trug dazu der Umstand hei, dass sie alle einen festen sozialen Stand bildeten, eine Art Mittelstand, der weder vom Bauer seinen Anfang nahm noch zum höheren Stand steigen konnte. Der dortige Jude ist, wenn auch unfreiwillig, fast ausschliesslich Städter geblieben. In dem Masse aber, wie diesem Stand Gleichberechtigung verweigert und er nicht in das Gefüge des Staates hineingegliedert wurde, konnte sich seine eigene kommunale Verwaltung ausdehnen und das eigene Eecht auf alle Gebiete des Lebens erstrecken. I )as Vorwärtsschreiten der Küssen und die Tendenz, die in dieser Macht lag, haben schliesslich dazu geführt, dass die Juden, obwohl Insassen getrennter Länder, zu einer Einheit zusammengeschlossen -wurden. Russland, Polen, Litauen und die Ukraine, auf dem Wege, ein Reich zu werden, wurden den dortigen Juden in geistiger Beziehung ein zweites Babj^lon. Im litauischen Lande hatte der Rabbinismus durch das Auftreten des Wilnaer Gaon Elia seine Wiedergeburt erlebt. Das Judentum hat in seiner Geschichte viele Fromme und Geistesgrössen aufzuweisen. Dagegen fehlt es hier an Einzelnen, an einem Einzigen, der, von Gott gesandt, allen Geschlechtern das Heil zu verkünden hätte. Und nun war einer erschienen, zu dem man wie einst zu Mose emporblickte, einer, dessen blosser Name wie eine Institution wirkte. Hier konnte sich das Geschick des Judentums zum Teil entscheiden. Der Mann aber, dessen Macht auf die Massen so gross war, hat nicht mehr gewollt, als den alten Verordnungen neu zu dienen, sie tausendlach zu erforschen und den Zaun des Gesetzes, an dem Die Bank. PARIS. man Jahrhunderte gebaut hatte, noch mehr zu befestigen. Die Vorsehung, die Geschlechter auf Geschlechter vergehen lässt, bis der Auserwählte kommt, hat mit der Sendung des Gaons nicht mehr erreicht, als dass ein Schritt, der von vielen bereits getan war, von einem grossen Manne nochmals getan wurde. Mit dem Chassidismus erst, der in der Ukraine seinen Anfang nahm, kam das ersehnte Neue. Er hatte dem Judentum ein grosses Stück Welt zugetührt, sein Wesen erweitert und ihm neue, mächtige, über den Geist der Ueberliefenmg hinausragende Ideen eingepflanzt. Mit der Lehre des Chassidismus kam die Idee von Schuld und Sühne. So viel über die Religion der Extremen, die ihren Platz in der Geschichte hat. Beim Durchschnittsjuden hat sich eine Religion herausgebildet, die wohl Beziehungen zu den erwähnten Richtungen hat, aber aus einer anderen Quelle fliesst. Die Religion des bürgerlichen Ostjuden besteht, wenn man von Nebenerscheinungen absieht, nicht allein im Glauben oder in der Ausübung der Gebote. Der Glaube an Gott, den Lenker alles Geschehens, ist bei ihm kein Glaube mehr, sondern ein Wissen, ein Wissen wie vom Wetter und von den Jahreszeiten. Das Befolgen der religiösen Vorschriften und der strengen Zeremonien sind durch ihre Stabilität nicht mehr Sache der Frömmigkeit, sondern Lebensgewohnheit. Man wäscht sich die Hände vor dem Essen und man spricht den Segen, wie man mit seinem Nachbar einen Gruss austauscht, und das lange Nuchtischgebet ist gleichsam ein letztes Gericht. Was aber hei diesen Juden wirkt und ihren frommen Sinn erhöht, ist die Wehmut, von der die Liturgie und