Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Jules Adler
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 821 - 822 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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821 G. Ktitna: Jules Adler. 822 schlottern und die Nacken beugen sich. Und das will gar nicht enden. Oderer malt den „Streik" in Creusot, und wir sehen, wie alle stummen Palten mit einem Male von Erregung zittern, wie die plumpen Hände aus ihrer Starrheit auftauen und die Augen sich dem Lichte öffnen. Die ganze Menschheit sieht man wallen, vorwärtsdrängend in erwachter Sehnsucht, aus dunklem Schacht hervor. Jäh kommen sie daher, nachdem sie allzulange schon gewartet; sodass sich greise Menschen wild gebärden und Kinder schon verbittert sind. Das sehen wir und fürchten, indem wir hoffen. Jules Adler liebt es, in der Masse eine individuelle Erscheinung eigenartig zu betonen, die Lebendigkeit des Ganzen darin zu konzentrieren und die Bildwirkung nach einem Mittelpunkt hin zu verdichten. Das hat er besonders bei seinen Pariser Strassenbildern getan, und das gibt ja auch dem Pariser Strassenleben solch lebendige Keize, dass es kein stumpfes Einerlei hat, sondern inmitten der grossen Allgemeinheit eigenartige JULES ADLER Der Aufbruch. PARIS. . w,:iT' ■ »• 'r f 5*V ' •5. v ' /' ■ -v ■ 1 / ■ : / •■ ■ \ ' JULES ADLER Der Wächter der Nacht. PARIS. Erscheinungen des Mensehen Wesen in Neuheit offenbaren. Sprechende Silhouetten heben sich ab. Es ist „Morgen im Eaubourg", das Volk schiebt sich geschäftig vorwärts. Da geht in seligem Halbtraum ein Pärchen, verzückt in Zärtlichkeit und Hingabe; und wie Vogelgezwitscher tönt das aus der trüben Stimmung. Auf weitem Platze wogt es, Hauch und Atem weht, vorn steht „die Bank". Ein Elternpaar sitzt da, einsam im Getriebe, ungekannt, unberührt, auf trübem Eiland allein. Verlorene Weite im Blick, tastende ^Stille in den Händen und Bangigkeit allüberall. Ihres Daseins Sorgenblick berührt uns, und wir erkennen das Menschenlos. So ist's mit uns Menschen, wir sitzen auf der Barke, die weite See weiss nichts von uns, sie treibt uns eine Weile ans Licht und stürzt uns in lichtlose Nacht. Auch die „Mutter" und der „Wächter der Nacht" haben die Züge jener visionären, schauerlich geheimnisvollen Wirklichkeit des Pariser Lebens, voll dunkler Hintergründe, aus denen Wesen mahnend herausblicken. Jules Adler ist noch jung, (er ist im Jahre 1865 in Luxeuil, Hte. Saöne geboren), und doch ist seine Liebe so ausgereift und seine Lebensbetrachtung so voll von tiefstem Ernst. Und wenn er dem seinen Ruhm verdankt, so verdankt er ihn auch dem Judentum, dem er entstammt; denn er sagt selbst von sich: „Ich denke oft daran, dass da eine Art Beziehung sein muss, dass mich die Bilder der sozialen Leiden so anziehen, weil ich Jude bin, und meine Väter, in den vielen Generationen, so viel gelitten haben.1'