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Ost und West · 1906-12-01 · Heft 12 (Dezember 1906) · p. Seite 819 - 820

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 12 (Dezember 1906)
Article
Jules Adler
Date
1906-12-01
Page
Seite 819 - 820 (sequence 2)
Language
German
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819 G. Kutna: Jules Adler. 820 JULES ADLER PARIS. Der Feierabend. (Im Petit Palais) etwas, das wir Menschenkinder Güte nennen. Ein solcher Unterton ist der Kern seiner Kunst. Man hat den Geldgewaltigen gesagt, es komme bei der Darstellung dieser Dinge nur auf die eigenartige Erscheinungsform an, auf die Muskulatur, die Silhouette, die ausdrucksvolle Bewegung. Dies alles ist nur Formgepräge, und ihr könnt ruhig schlafen. Das hat man den Geldberrschern gesagt, diese banale Lüge. Wohl ist es kunstgemässer Ausdruck und künstlerischer "Reiz, der Sinnenwirkung unentbehrlich. Doch dass sich das Niedrige zur Grösse auswächst, dass sich der Lebenswille vor uns läutert und der Mensch weiträumig wird und tragefähig, dazu reichen jene Dinge nicht. Dazu bedarf es erlösender Kräfte, die in dem Künstler wohnen, dass er allem die Liebe seiner Seele leiht, allem Herz opfert und Herzhlut. „Das Werk ist die Biographie des Menschen", sagt Jules Adler, „Freude oder Trauer, Ehrfurcht oder Gram, die meine Seele füllen, die sehe ich in der "Welt, alle Dinge werden mir deren Bild, alle reden deren Sprache." Nicht der Artist sucht interessante Motive, sondarn das ergriffene Herz sucht seiner Wehmut klärende Formung. So geht er durch die Faubourgs, durch die Arbeits viertel, durch die Stätten der Armut. Und trägt Herzhaftigkeit mit sich, bringt Brüderlichkeit, Fürbitte und Läuterung, für all die Scharen Lebensmut. Sie kommen ihm entgegen, er schaut der Masse ins Antlitz und ist der Poet ihrer Mattigkeit und ihrer dunklen Leiden. So entstehen seine Werke, und seine Kunst hat jene Schönheit, der man in stillen Gelöbnissen lange -nachsinnt. Viel Dämmerung ist in seinen Werken, die Landschaft ist von nebligen Luftschichten umzogen, Flüsse und Wege ziehen durch die verhüllte Weite und wecken wehmütige Wanderstimmung des Herbsttags. Als sei alles auf der Wanderschaft, die er selber so liebt; als ziehe alles einer Lichtung entgegen, nach der er für seine leidenden Menschenbrüder ausschaut. Die Landschaft ist charakterisiert, als wüsste sie, dass Menschen sich in ihr mühen; und die Menschen gehen der Arbeit nach, gehorsam der Natur, der sie Untertan sind. Derart sind seine „Sch if fs sc hl e p per" im Luxembourg. In Nebel und Schwermut getaucht, ziehen sie ihre Last, gemeinsam niedergebeugt von Fron und Notwendigkeit. Derart ist der „Wanderer" im Luxembourg, der durch die stille Landschaft arbeitsuchend seinen Weg geht. Der „Feierabend41 im Petit Palais ist freiheitlicher in der Stimmung und mehr unmittelbar künstlerisch in der Absicht; es spricht daraus Kraft und Stolz der Arbeit, und das Bildhafte entfaltet ungebunden seine Reize. Seiner Anteilnahme an den sozialen Kämpfen und Nöten der Gegenwart hat Jules Adler in Bildern von ergreifender Wirkung Ausdruck gegeben. Während bei den Sehiffsschleppern die umgebende Natur einen Hauch um alles breitet, der die Tragik zur Wehmut wandelt, sind seine Bilder aus den Industriebezirken vollgetränkt von Dumpfheit und Seufzern und stummer Wehklage. Man sieht die Masse niedergehalten, trüb und elend, umklammert von Zwang, Enge und Hörigkeit; man sieht „die latente Tragik ihres Alltagslebens'1. Und so getreu er der Natur nachgeht,' diese Bilder haben etwas Allgemeingiltiges; und man hat zutreffend gesagt, er „erkenne und grüsse in diesen erniedrigten Wesen den Menschen und seinen ewigen Kampf, immer verzichtend und fügsam, in wechselndem Kleide unwandelbar derselbe." Er malt etwa den „Aufbruch" in Charleroi. Trübes Halbdunkel lagert im Raum, unförmige Gestalten bewegen sich vorwärts; Schlote versperren den Horizont, um die Oefen schwelt der Rauch. Und wie sie da hinziehen, da ists, als wären sie gefangen und dräue jemand hinter ihnen her und strecke etwas die Krallen nach ihnen aus, um sie zu haschen, um sie zu knechten. Stumpf ist die Bewegung, automatisch der Schritt, und ein Joch liegt auf ihnen; der ganze Mensch ist wie ein Bündel Zeug, im Ungefähr zusammengerafft. Der Morgen graut — Avas wissen sie von Morgenlicht! der Abend dämmert — was wissen sie von Sternen! Sie gehen und gehen, von Arbeit zur Müdigkeit, von Müdigkeit zur Arbeit. Alle Seufzer sind längst erstickt", alle Hoffnung längst erblindet. Nun tappen sie im Dasein hin; der Nebel umfängt sie, die Beine

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