Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1906)
- Article
- Salomon Munk
- Date
- 1906-12-01
- Page
- Seite 803 - 804 (sequence 10)
- Language
- German
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803 A. Benesra: Salomon Münk. 804 er sich hierbei nur des Tastsinnes bedienen konnte und, was die genaue Form der Schriftzeichen anbetrifft, auf die Beihilfe anderer angewiesen war, so fanden doch seine Erklärungen den Beifall der Farhgenossen. Im Jahre 1865 wurde er als Nachfolger Ernest Eenans an das College de France zum Professor der semitischen Sprachen berufen, und in dieser Stellung verblieb er bis zu seinem Tode* Heber seine ersten Vorlesungen, zu denen sich ein zahlreiches Elitepublikum versammelte, schrieb er an seine Schwester, er wecke wahrscheinlich „nur als Nachfolger des grossen Mannes" (Kmans) so viel Neugierde und Interesse. Um dieselbe Zi-it richtete er an einen seiner Verwandten in Glogau einen Brief, der so ergreifend und zugleich für Münks Wesen so bezeichnend ist, dass er es verdient, hier zitiert zu werden. Jener Verwandte hatte in einem Glogauer Lesevereiu einen Vortrag über Münk gehalten und diesem hierüber berichtet. Münk daukte mit fulgenden Worten: „Es hat mich tief gerührt, nach so vielen Jahren gleichsam wie ein längst verschollener Schatten in der Heimat zu erscheinen, deren ich mich noch immer mit wahrer, aber wehmütiger Anhänglichkeit erinnere, wo, wie Sie sagen, mein väterliches Haus längst veifallen ist, I. Draussen herrschte eine feuchte, durchdringende Kälte. Dichte Schneeflocken gingen nieder und breiteten über die Erde eine weisse, fleckenlose Decke, die aber sofort in einen grünlichen schmutzigen Brei verwandelt wurde. Der Wind pfiff und heulte und schleuderte Schneehaufen in die Gesichter der Vorübergehenden. Ich lief mit aller Kraft gegen diesen wfallenden Anprall des Windes nach dem Het hamidrasch. Damals zählte ich sieben Jahre, ich war nicht besonders kräftig, und der Wind stiess mich unbarmherzig nach rückwärts Der Schnee schnitt mir ins Gesicht und drang mir durch die fadenscheinigen Kleider. Von meinem Schuhwerk will ich lieber ganz schweigen, da dies noch von meinem seligen Vater herrührte. Die Dämmerung senkte sich auf die Erde nieder und ich ging üher einen öden, weiten Platz, an dessen äusserstem Ende hie und da ein Lichtlein schimmerte. Ich besann mich, dass ich nicht ins Cheder, sondern ins Bet hamidrasch ging, und dieser Gedanke erfüllte mich mit unbeschreiblicher Wonne. Heute war ja Donnerstag, der furchtbare Tag, da derSchiur und die Sidra endgiltig repetiert wurden; wehe dem, der die Prüfung schlecht bestand! Aber heute sollte ich nicht bis 8 Uhr im Cheder eingekerkert bleiben, sondern den Abend mit der Mutter und den Geschwistern zubringen. Heute war Chanukka. wo die Welt, mit der ich lebte, fast ganz verschwunden; und wo nur sehr wenige Altersgenossen sich vielleicht duukel meiner erinnern. Ihre Worte haben eine Welt von Erinnerungen, in mir auftauchen lassen, gemischt von Liebe und Schmerz ... Es liegt für mich ein unbei-clireiblicher Reiz in diesen Erinnerungen, und sie haben einen viel höheren Wert für mich, als die Worte des Lobes . . . Auf den eitlen Prunk meiner jetzigen Würde hin ich weniger stolz, als ich es ehemals aut den Beifall war, welchen ich in meiner frühesten Jugend in der damals existierenden Synagoge der Chebra Malbische Arumim nicht selten erntete, wo ich als Vorleser der Tliora fuuktiouirte, und manchmal auch als Dilettant die Rolle des Vorbeters übernahm. Die Wissensehaft war zwar jener Gesellschaft fremd und auch mir. aber es war eine gemütvolle Welt, in welcher ich mich behaglich fühlte . . . Vielleicht gewährt mir die Vorsehung das Glück, wieder einmal die alten Stätten der Jugend zu betreten ..." Doch die Vorsehung wollte ihm dieses Glück nicht gewähren. Am 5. Eebruar 1867 schloss Salomon Münk seine blinden und doch so hellsehenden Augen für immer. Nachdruck verboten. Ich öffnete die Tür des Bet hamidrasch und erblickte meinen älteren Bruder, der betend zwischen Tür und Ofen stand. „Süsje, Süsje, die Mutter kocht heute Nudeln," brachte ich mit lauter Stimme und in einem Atem hervor. Wie oft hatte mich die Mutter ermahnt, ihm dies ganz leise mitzuteilen. Schon als ich draussen war, eilte sie mir nach und schärfte es mir noch einmal ein. Gott ist mein Zeuge, dass ich nicht aas Mutwillen dem Befehl zuwiderhandelte; nur weil ich es eilig hatte, meinem Bruder die fiohe Botschaft zu hinterbringen, vergass ich alles, was man mir eingeschärft hatte. Zum Unglück herrschte in Bet hamidrasch tiefe Stille, da alle gerade bei der leisen Schemone-esre waren. Die Betenden sahen sich bei meinem Ausruf erstaunt um, einige Knaben lachten sogar gedämpft. Mein Bruder bedeckte sich vor Scham das Gesicht mit beiden Händen, und als er mit dem stillen Gebet zu Ende war, murmelte er leise und rasch das Olenu und entfernte sich eilig. „Narr!" herrschte er micli zornig an, als wir draussen waren, und fasste mich beim Arm. „Wer hat Dich um die Gnade gebeten, mir die glückliche Nachricht zu verkünden? Wer wird in einem Gotteshause so laut schreien?" Ich wusste keine Antwort und brach in Tränen aus. Es tat mir leid, meinen Bruder BEIM ERSTEN LICHTLEIN. Chanukka - Erinnerungen von Ben-Ami