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Ost und West · 1906-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1906) · p. Seite 687 - 688

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
Article
Der Wunderrabbi von Sadagora
Date
1906-10-01
Page
Seite 687 - 688 (sequence 3)
Language
German
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687 Max Consor, Lemberg: Der Wunderrabbi von Sadagöra. 688 Erbe in Sadagöra an, während der ältere Bruder grollend nach Bojan ging und dort das Wundergeschäft auf eigene Rechnung fortsetzte. Die Brüder versöhnten sich später, die beiderseitigen Anhänger taten es nicht. Den Wunderrabbis allen fehlte der soziale Sinn vollständig. Während sie selbst beinahe ärgerlichen Pomp entfalteten und nach ihrem Eeichtum entfalten konnten, herrschte rings um sie, in ihrer eigenen Stadt, bitteres Elend. Ihr Ueberfluss hätte ausgereicht, aus ihrer Nähe die Armut zu bannen; dass sie von der Möglichkeit nicht Gebrauch gemacht haben, gereicht ihnen zu unauslöschlichem Vorwurf. Sie betrachteten ihren Eeichtum als den ihnen gebührenden Tribut, und stellten ihn ohne Bescheidenheit zur Schau, sobald sich irgend eine Gelegenheit bot. Ihre Familienfeste wurden zum Schaugepränge für die ganze Gegend. Eine Hochzeit im Hause des Wunderrabbi bot Vorreiter, Banderien, Strassensänger, Holnarren, förmliche Fastnachtsumzüge auf. Wenn Eeb Srolke der Jüngere der letzte „Baal Schern" in Sadagöra gewesen sein sollte, es wäre kein Schade. Es ist ein Glück, dass die Anhängerschaft sich gelichtet hat. Eeb Srolke hat das wohl beobachtet und als ein kluger Hausvater dafür gesorgt, dass seine Kinder die „Tradition" um des Ertrages willen nicht fortzusetzen brauchen. Das wohlerzogene und wohlunterrichtete jüngere Geschlecht wird vielleicht ganz gern bereit sein, die Residenz Sadagöra zu verlassen und mit einem anderen Aufenthalt zu vertauschen. Aber möglich ist es, dass der „Hof" von Sadagöra. der ohne „Baal Schern" nicht leben kann, sich einen Nachfolger sucht und einsetzt. Der Nachkommen des ersten Israel Baal Schein tob gibt es ja genug. ORIENTALISCHE SPAGNOLEN. Von Dr. Samuel Krauss. Nachdruck verboten Ich habe die spagnolischen Glaubensbrüder, die sogenannten Sephardim, immer für einen edleren Zweig des alten jüdischen Stammes gehalten, als es die Deutschen oder Aschkenasim sind. Nicht nur ihre glänzende Geschichte in Spanien und Portugal, ihre heldenmütige Ausdauer als Maranos, ihre Bewahrung der alten Sprache in allen Ländern der neuen Ansiedlung, nicht nur, wie man sagt, die reinere Easse machten mir die Spagnolen teuer und lieb, sondern das, was an ihnen jetzt noch zu schätzen ist: ihre Aussprache des Hebräischen, die uns ein altes Erbstück zu sein scheint, ihre Synagogenordnung, ihre Melodieen, kurz alles, was sie von den Aschkenasim unterscheidet und trennt, machte mir sie lieb, und mit Stolz verwies ich auf die Sephardim als auf den echten Kern Israels, wenn die Unsitten der Aschkenasim, ihre Verkehrtheit, ihr gedrückter Habitus allzusehr in die Augen fielen. Ist es die Neigung zum Fremden, der Hang zum Exotischen und Ausserordentlichen, die meinen Blick, den Blick eines Aschkenasen, in die Ferne schweifen Hess? Möglich ist es, immerhin aber bleibt die Tatsache, dass ich den Spagnolen ein aufrichtiger Freund und Bewunderer war. Daran änderte auch das nichts, dass ich diese Spagnolen sehr oft in würdeloser Stellung sah, z. B. als Ausgesandte von Zion, bettelhaft abgerissen, wohl auch schmutzig. Das, dachte ich mir, ist eine Ausnahme; der Yolksstamm selbst ist aller Achtung und Liebe wert. So nahm ich also jede Gelegenheit wahr, um die spagnolischen Brüder kennen zu lernen. Zwar gibt es in meinem Wohnorte, in Budapest, eine kleine Anzahl von ihnen, die einen besonderen Bet-Verein bilden, aber ich hielt sie nicht für echt, auch waren sie mir zu unbedeutend, als dass ich ihnen ein Studium widmen sollte. Der grösste Spagnole, wenn auch nicht nach Geburt, so doch nach Wissen, Dr. M. K ay s e r 1 i n g, lebte auch bis vor kurzem in Budapest, und der Verkehr mit ihm liess mich auch immer meinem diesbezüglichen Hange nachgehen. Die zu Wien, also auch in der Nähe, die die sogenannte türkische Gemeinde bilden, schienen mir auch nicht die wahren Spagnolen zu sein, und es wäre von ihnen höchstens ihre schmucke Synagoge zu verzeichnen. Wie freute ich mich also, als ich im Sommer des Jahres 1902, als Mitglied des orientalischen Kongresses in Hamburg, meine lieben Spagnolen auf einem historischen Punkte ihrer Wanderung beobachten konnte! AJtona und Hamburg — das sind ja zwei wichtige Etappen in der Wanderung der armen Vertriebenen aus Spanien und Portugal; welche Fülle der kommerziellen Klugheit, der tiefen Gelehrsamkeit und der Betätigung des Lebens hat sich hier auf deutschem Boden zusammengedrängt! Im Geiste konstruiert man sich sofort die Fäden, die von Amsterdam aus, „der Stadt und Mutter in Israel", teilweise hierher, teilweise nach London geführt haben; zudem konnte ich gerade hier auf dem Kongresse, den Chacham der Londoner Sephardim, Rev. M. G a s t e r , der dann auch ihr Geschichtsschreiber wurde, kennen lernen. Also ging ich auf die Suche nach den Sephardim. Ja, inmitten der mächtigen Judenschaft von Hamburg muss man die Spagnolen sozusagen mit der Lampe suchen. Noch steht zwar ihre Synagoge im ehemaligen Judenviertel, aber bei meiner Anwesenheit verstellte ein grosses Gerüst den Eingang des in Renovierung befindlichen Gebäudes, und der Kabbalath-Shabbath- Gottesdienst, wie er im Nebenraum gehalten wurde, konnte meinen ästhetischen Anforderungen durchaus nicht genügen. Der hübsche kleine Tempel in Altona ist leider gänzlich geschlossen, und nur noch der portugistsche Friedhof auf der Königsstrasse erzählt von der einstigen Grösse und Bedeutung dieser Gemeinde. Vor zwei Jahren, 1904, besuchte ich abermals die Hamburger Portugiesen-Synagoge; es war an einem Sabbath zu Mussaph; aber die kleine zusammengeschmolzene Versammlung vermag keinen erhebenden Gottesdienst mehr zu veranstalten. Der ohnedies kleine Raum schien bei Anwasenheit von etlichen zwölf Männern — Frauen fehlten ganz — mehr einer Betstube als einer Synagoge zu gleichen; wo sollte da die erhebende Macht des Gesanges, die Harmonie eines Chores herstammen? Dennoch war der Gottesdienst der

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