Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Der Wunderrabbi von Sadagora
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 685 - 686 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583952-2593949--06519-2594078- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
685 Max Censor, Lemberg: Der Wunderrabbi von Sadagöra. 686 heilen, das Unglück der Kinderlosigkeit abwenden, in allen Nöten und Fährnissen des Lebens unfehlbaren Eat erteilen. Vermutlich ist Rabbi Israel Friedmann, der erste Baal Schern, so klug wie fromm gewesen, so dass sein Rat sich oft bewährte. Bei der vorhandenen Neigung zu Mystik und Aber^ glauben reichte das vollständig aus, die verehrungsvolle Scheu vor dem Wunderräbbi so zu befestigen, dass. das Wort des Rabbi in den Augen seiner Anhänger unbedingte Geltung behielt, selbst widersprechenden Tatsachen gegenüber. Die vorhandene Wundersehnsucht überhob den Rabbi jeder Versuchung, Wunder vorzutäuschen. Was immer er tat, galt als Wundertat; was immer er sagte, wurde von den Getreuen als Offenbarung aufgenommen. Nur wenn er seine eigene Wunderkraft in Abrede stellte, beharrte die Gemeinde darauf, das einzig als Ausdruck demütiger Bescheidenheit aufzufassen, die nicht einmal für Gottes Gefäss und Werkzeug gelten wollte. Der „Baal Schern" residierte in Russland fast anderthalb Jahrhunderte lang. Fünf Generationen in direkter Folge hatten dort gewirkt. I)ie Dankbarkeit der Gläubigen, die es an Opfern nicht fehlen Hessen, schuf dem Hause Friedmann grossenReichtum, und der Reichtum schuf ihm einen förmlichen Hofstaat. Möglicherweise ist es der Reichtum gewesen, der gegen die Friedmanns - nicht in ihrem chassidischen Lager, sondern in der national-russischen Umgebung — begehrliche Feinde schuf. Auf beiden Seiten wurde mit landesüblicher Wahllosigkeit hinsichtlich der Mittel gekämpft. Das Ende war, dass der Grossvater des jetzt verstorbenen „Baal Schern" nach Sadagöra übersiedelte. Nicht zu seinem Schaden. Was jenseits der russischen Grenzpfähle verloren gegangen war, das fand schnellen und reichen Ersatz. Der Wunderrabbi konnte für sich und seine Familie Prunkbauten in Sadagöra errichten, sich mit allem Luxus umgeben, und durch sein persönliches Ansehen wie durch seinen Reichtum einen Einfluss gewinnen, der erstaunlich war und zuweilen in Dingen sich geltend machte, die zum mindesten etwas abseits lagen von frommen und überhaupt religiösen Fragen, Rabbi Israel Baal Schern, der Grossvater, war, wie erzählt wird, unterrichtlich etwas vernachwas aber weder seiner Klugheit noch seinem Ansehen Eintrag . tat. Er war einmal der Träger einer Ueberlieferung, an der schon nicht mehr gerüttelt werden durfte, weil die Zahl der Interr essenten an ihrer Erhaltung sehr gewachsen, war. Aus der Umgebung Rabbi „Srolkes" selbst wagte Einer, den Wunderrabbi auf das Unschickliche aufmerksam zu machen, das darin liege, dass der „Rebbe" nicht lesen noch schreiben könne. Beb Srolke hörte den Tadel mit gleichmütiger Ruhe, imd mit gleichmütiger Ruhe wehrte er ihn ab: „Wer lernt lesen? AVer lernt schreiben? — ein Jünglich! Der Rebbe aber ist nie ein Jünglich gewesen!'' Schlagfertigkeit also hat Reb Srolke besessen, wenngleich er ein Analphabet war. — Im übrigen soll nicht verschwiegen bleiben, dass die hier wiedergegebene Erzählung ebensogut von einem anderen Friedmann gelten, dass sie auch von einem Wunderleugner herrühren und völlig erfunden sein kann. In jedem Falle wäre sie gut erfunden, zeichnete sie das geistige Wunderrabbi-Milieu mit Schärfe und Treue. Die jiüigere Generation der Wunderrabbis ist „gebildet". Sie hat Erzieher in so grosser Zahl gehabt, wie irgend ein heranwachsendes Fürstengeschlecht. Und das wird sie untauglich machen, in die „Tradition" einzutreten. Es kann wohl sein, dass der Verstorbene das vorausgesehen hat. Denn der war wirklich ein kluger Mann. Nicht blos, dass er sich dagegen verwahrte, als glaube er an eine ihm innewohnende Wunderkraft. Das hätte schon berechnende Schlauheit ihm eingeben können. Er hatte in der Tat Witz, und wer ihn in die Enge treiben, ihn fangen wollte, der bemühte sich vergeblich. Der Versuch wurde sehr, oft von Besuchern aus dem Westen, von Trägern moderner Kultur und Bildung gemacht, und er scheiterte immer. Reb Srolke der jüngere war ein Meister in der Kunst der ausweichenden, delphischen Rede, des mehrdeutigen Ausdrucks. Man wusste nie, ob heilige Einfalt oder überlegener Spott aus ihm sprach, und war in jedem Falle geschlagen. Er hatte beim Tode seines Vaters das Unglück gehabt, sich mit seinem älteren Bruder zu entzweien. Dieser hätte eigentlich als Erstgeborener die Nachfolge Rabbi Abraham Jacobs übernehmen sollen. Aus Gründen, die im wesentlichen ein Hausimnis geblieben sind, trat Reb Srolke das Strasse in Sadagöra. (Spezialaufnahme vom k. k. Finanzkommissär L. Weinreb.)