Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 681 - 682 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583952-2593948--06515-2594076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6S1 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 6S2 Und es war ein sehr schönes Mädchen, ihr Gesicht war blass, und die Augen leuchteten. Man gab ihr Erfrischung und brachte sie zu Bett. Am Morgen sagte die Wirtin zu ihr: „Kind, ich weiss nicht, wer du bist, und woher du bist, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter ist, aber ein jüdisch Kind bist du, bleibe bei mir, ich werde Dich halten wie ein eigen Kind." Das Mädchen blieb bei der Wirtin. Diese war krank, und starb bald darauf. Vor dem Tode rief sie den Mann zum Lager und sagte ihm: ,,Du bist noch jung, heirate deshalb das fremdeMädchen; ich habe an ihr gut gehandelt, so wird sie auch an meinen Kindern gut handeln." Nach dem Schloschim (30 Trauertage) heiratete der Witwer das Mädchen. Unterdessen zog des Mädchens Vater, der Schach, von Wald zu Wald, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und suchte überall seine Tochter. Er blieb in keiner Stadt länger als einen Tag, er hat nur immer gesucht und gehorcht; er dachte, ich werde nur immer suchen, mein ganzes Leben werde ich suchen die Tochter bis ich sterbe. Er ging und ging, bis er in die Stadt kam, wo seine Tochter wohnte. Er kam in das Haus seiner Tochter und fragte: ,,Werde ich Sabbath halten können?" Sagt die Wirtin: ,,0 warum denn nicht?" Sagt der Rabbi: „Ich brauche ein besonderes Zimmer zum lernen und zum beten." Sagt sie: „Ja!" Sie hört ihn lernen; sagt sie zu sich: „Ei, das kann nur mein Vater sein, die Stimmme ist so ähnlich!" Sie hört ihn beten: Punkt (genau) wie mein Vater! Er hielt Sabbath: „Seine Aufführung ist Punkt die meines Vaters!" Sonntag früh will der Gast fortgehen, so lässt ihn die Wirtin nicht fort und sagt: „Bleib hier noch einige Tage, ihr könnt bei mir noch sein sogar acht Tage, ich behalte euch gern." Sagt er: „Ich darf nicht sitzen, ich muss weiter gehen." Sagt sie: „Was ist's?" Sagt er: „Was könnt Ihr mir helfen, selbst wenn ich es Euch erzähle; ich hatte eine einzige Tochter, die hat man mir gestohlen; die suche ich nun schon 20 Jahre, und ich werde sie suchen bis ich sterbe." „Mein süsser Vater", sagte sie, „mein Vater, herziger, bist du der Schach?! Ich bin deine TochterI" Sie erzählte ihm, was ihr geschehen war, dass beim Herrn ihr die Mutter die Speisen zu vertauschen pflegte, damit sie nicht Trefoth esse, und wie sie dann geheiratet hat. Der alte Rabbi blieb nun bei seiner Tochter und war sehr glücklich. Anmerkung. Der „Schach« ist R. Sabathai Kohen (Mitte des 17. Jahrhunderts), Verfasser des berühmten Kommentars zum Schulchau—Aruch. Die Legende spielt während des Kosakenaufstandes in Volhynien unter Chmielnicki, dem etwa eine halbe Million Juden zum Opfer gefallen sein sollen. R. Sabbathai Kohen starb bekanntlich als Rabiner von Holeschan in Mähren. Die Sage, die gewiss ein Körnchen Warheit enthält, ist auch in Chroniken verzeichnet, jedoch in etwas abweichender Fassung. Sie wurde vor etwa 30 fahren zu einem langweiligen Roman verwässert. * * * Zwei Volkssagen über Kaiser,-Franz Josef. Bei den Juden des Königreiches Galizien, welches Kaiser Franz Josef oftmals besucht, ist er beinahe zu einer legendäien Gestalt geworden, umgeben von einer ganzen Anzahl sehr poetischer Sagen, welche bezeichnend sind für die Art, wie die Persönlichkeit des Kaisers und mancher seiner. hochherzigen Züge sich in der Phantasie des jüdischen Volkes spiegelt. Zwei solcher Sagen in der Form, wie sie mir im Herbst 1894 auf einer Reise von Halicz nach Lemberg von einem alten Juden, einem gedienten Soldaten, erzählt worden sind, mögen hier mitgeteilt werden: „Was unser Kaiser für ein Mensch ist und was er für ein Herz hat, das lässt sich garnicht erzählen. Schon als Jüngling war er so. Als ich Soldat war und einmal am Jom-Kippur mit anderen jüdischen Soldaten frei bekam, erzählte uns ein Alter, der viel in der Welt herumgekommen war, folgende Geschichte, die dem Kaiser in seiner Jugend passiert ist. Damals wusste unser Kaiser noch nicht, dass er einmal Kaiser seih würde, denn er war ja nur ein Prinz, nicht der Sohn des früheren Kaisers, sondern sein Onkel war Kaiser. Einmal also im Winter, draussen war gerade starker Frost, da Hess der Prinz einspannen und fuhr mit seinem Kutscher im Schlitten hinaus, weit in die Berge, um Jagd zu halten, wie die grossen Herren das ja öfters zu tun pflegen. Es war, wie gesagt, starker Frost, aber plötzlich erhob sich ein Sturmwind, und es wurde ein furchtbares Schneegestöber. Im Winter ist der Tag kurz, und so wurde es gleich dunkel, so dass unsere Reisenden den Weg verloren und im Walde herumirrte und wussten nicht ein noch aus. Der Kutscher trieb die Pferde an, um nur schnell irgendwo herauszukommen. Auf einmal schaut sich der Prinz um und sieht ein kleines zusammen gekrümmtes Männchen stehen, das hatte einen Stock in der Hand, auf den Schultern ein Bündel und trug einen fadenscheinigen Mantel und zitterte vor Kälte am ganzen Leib, dass es mit den Zähnen klapperte. Der Kaiser ruft „halt!" fragt nicht viel, sondern springt aus dem Schlitten, zieht seinen Pelz aus und wirft ihn dem alten kleinen Männchen um und schreit: „Steig ein zu mir, sonst erfrierst Du!" Und wie er so spricht, sieht er plötzlich vor sich einen hohen alten Mann mit langem weissen Bart, ganz weiss gekleidet und in der Hand hält er einen Stock mit Silberknopf. Was ist das? denkt sich der Kaiser, denn er war sehr erstaunt. Jener aber sagte: „Weisst du, ich bin Elia der Prophet, ich bin gekommen, dich zu versuchen. Denn es wurde im Himmel beschlossen, dass du dereinst Kaiser werden solLt. Da kam ich herunter, um mich zu überzeugen, was für ein Herz du hast, denn du wirst über viele, viele Menschen zu befehlen haben. Weil ich gesehen habe, dass du so barmherzig bist, verspreche ich dir, dich vor Allen 2U beschützen, die dir nach dem Leben trachten werden." Dann setzte er sich zu ihm in den Schlitten, wies ihm den richtigen Weg und verschwand. Und Elia der Prophet hielt Wort. Es kam vor, dass ein Feind des Kaisers — ein jeder Kaiser hat ja viele Feinde — sich von hinten an ihn heranschlich, um ihm das Leben zu nehmen, aber Elia der Prophet war dabei und verhütete unsichtbar das Unglück."