Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Ein "Fall Hilsner" in Russland vor 80 Jahren
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 661 - 662 (sequence 1)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
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661 662 EIN „FALL HILSNER" IN RUSSLAND VOR 80 JAHREN. Von S. DubllOW (Willia). Nachdruckverboten. ■ - Der Blutprozess von Welisch (Gouvern. Witebsk), der sich von 1823 bis 1835, also nahezu zwölf Jahre hinzog, gehört zu den fürchterlichsten und folgenschwersten seiner Art. Aeltere Leute aus den nördlichen Gegenden des „Ansiedelungsrayons" erinnern sich noch heute der Einzelheiten dieser Gerichtsprozedur, die selbst in jener Schreckenszeit, da man an allerlei Verfolgungen und Bedrückungen härtester Art gewöhnt war, unter den Juden Russlands Furcht und Aufregung hervorrief. Neun Jahre hindurch waren in der genannten Stadt über fünfzig Familien unter der Anklage wegen Kindermord im Gefängnisse. Einen ausführlichen Bericht über diese Vorgänge findet man in dem amtlichen „Protokoll über die Blutbeschuldigung von Welisch", das auf Veranlassung der Regierung in wenigen Exemplaren gedruckt und den höchsten Staatsbeamten sowie den Mitgliedern des Senats zugestellt wurde. Dieses umfangreiche Buch enthält alle Verhandlungen, Zeugenaussagen, Dokumente und Untersuchungen; die Judenfeinde, die an der Aufrechterhaltung der Anklage grosses Interesse hatten, schürten nach Kräften das Feuer und trachteten von allen Seiten »Beweismaterial" herbeizuschaffen. Auch die Blutbeschuldigung von Babowno (Gouv. Minsk) sollte eine willkommene Handhabe zur Bekräftigung der erhobenen Anschuldigung bieten. Diese Episode L. BERNSTAMM, PARIS. BERLIOZ, MONTE CARLO. M L. BERNSTAMM, PARIS. BERTHELOT. aus dem grossen Welischer Prozesse mag hier nach zeitgemässen Dokumenten erzählt werden; zum richtigen Verständnis ist es jedoch nötig, in kuzen Zügen den Verlauf des Hauptprozesses zu schildern. Am ersten griechischen Osterfeiertag 1823 wurde in Welisch ein kleiner Christenknabe, Sohn eines ausgedienten Soldaten, namens Iwanow, vermisst. Sofort wurde das Gerücht geschäftig verbreitet, dass die Juden das Kind »zu rituellen Zwecken" gestohlen haben. Ein verrufenes Weib aus den niedrigsten Schichten der Landbevölkerung, namens Terutiowa, sagte aus, dass der Knabe im Keller eines gewissen Juden versteckt liege und bald geschlachtet werden würde: Ein »Zauberweib" aus der Umgegend »weissagte" in demselben Sinne. Zehn Tage später fand man die Leiche des Knaben in einem Sumpf ausserhalb der Stadt; der Arzt konstatierte an den zahlreichen Wunden, dass das Kind nach schrecklichen Martern und Qualen getötet worden sei. Nun wurden einige der ältesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde unter der Bezichtigung, den »Ritualmord" ausgeführt oder veranlasst zu haben, mitsamt ihren Familien inden Kerker geworfen. Die genannten Weiber hielten nicht nur ihr „ Zeugnis". aufrecht, sondern schmückten es noch mit allerlei gruseligen Erdichtungen aus.