Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Leopold Bernstamm
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 3)
- Language
- German
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653 Gerson Leopold Bernstamm. C54 Postament voraus; damit eigene "Würde darin sei, muss alle Pose weg. Dann hat man den Eindruck, der Mann ist uns plötzlich ins Sehfeld gerückt, er nimmt nicht Haltung an und gibt sich nicht feierlich, er lebt nur, lebt schlechthin, und aus dem Ohngefähr gesehen, hat er Würde und Höhe. Das ist ein Verdienst Bernstamm's, dass er ungesucht die Persönlichkeit aufbaut, kein Heroentum arrangiert und keine distinguierten Accente hineinschmuggelt. Der Mensch ist auf sich selbst gestellt, und Lehen gibt es nicht. Wohl vermeidet er auch die Pose nicht, doch ist's jene, die sich der Haltung und dem Wesen eingeprägt hat und unveräusserlich geworden ist, wie man es bei Franzosen häufig findet. Diese Pose steigert die Wahrscheinlichkeit des Abbildes und scheint wie von der Natur selber diktiert. Das Aussehen der Wirklichkeit bleibt unberührt, der Eindruck der Persönlichkeit beruht in ihrer Lebensfülle und in ihrer geistvollen Beweglichkeit. Die Standbilder haben etwas Vorwärtsschreitendes, sie tun einen Schritt herüber, zu uns her. Und durch diese äussere Bewegung sind Erscheinung und Wesen gesteigert; man sieht, dass sie von der Höhe kommen, dass sie zur Berührung niedersteigen. Und auch die Büsten, so ähnlich sie sind, so unmittelbar und nahe unserer Begegnis, sie schauen doch herüber, zu uns herüber aus dem Reiche ihrer Meditation; in der realen Gewandung birgt doch der Mensch festliche Hintergründe. Auch das ist kein Schritt über die Wirklichkeit hinaus, man muss nur wissen, wie feierlich die Wirklichkeit ist. Zuweilen siösst man auf Büsten, die so heimlich wahr und tiefgewurzelt sind, dass man alle so L. BERNSTAMM PARIS. ROSTAND. L. BERNSTAMM, PARIS. EDOUARD PA1LLERON. (Park Mouceau, Paris.) wünschte, so voll von leisem Atemzug der Seele. Dann könnte man das Vielbeschäftigtsein des Künstlers bedauern. Sieht man dann wieder die anderen, so sprechend frisch und herzhaft frei, dann gibt man sich gefangen und hält's mit der unmittelbaren Lebendigkeit. Man erkennt, wie zaubervoll doch die Individualität ist. Als Bernstamm die Büste Renan's modellierte, die heute in Versailles steht, schrieb ihm der berühmte Gelehrte: „Sie haben mich ähnlicher dargestellt, als es von irgend einer Seite geschehen ist. Ihre Büste ist lebend, ich fühle mich in ihr so, wie in meinen besten Augenblicken." Das ist das schönste Lob, das man einem Portraitkünstler aussprechen kann. Gerson.