Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1906)
- Article
- Leopold Bernstamm
- Date
- 1906-10-01
- Page
- Seite 651 - 652 (sequence 2)
- Language
- German
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651 L. BERNSTAMM, PARIS. DER BOQENSCHUSS. (Erstes Werk des Künstlers.) Portraitist, mein Junge". Heute ist er Ehrenlegionär, der offizielle Bildhauer des Kaisers von Russland und der „consecrateur quasi-officiel" des französischen Geistesruhms. Man könnte Bernstamms Portraitwerke einfach aufzählen, und die Aufzählung wäre nicht banal. Neben den Männern des freien Geistes in Politik, Kunst und Wissenschaft fehlen auch Coppee, Lemaitre, Deroulede nicht; er hat Büsten des russischen Kaiserpaares und der Grossfürsten geschaffen, wie auch die Leos XIII., der Kardinäle Rampolla, Mathieu. Von seinen Denkmälern steht der Rubinstein im Konservatorium in Petersburg, Edouard Pailleron im Park Monceau in Paris, Berlioz in Monte-Carlo; sein Flaubert kommt nach Rouen, in dessen Museum bereits eine Büste Flauberts von ihm steht. Andere Werke, die Bernstamms Kunst entstammen, wie die Episoden aus dem Leben Peters des Grossen, gehören dem Hof von Petersburg an. 652 Viel sind die Werke. Voll tiefen Eifers schafft der 47 jährige Künstler weiter, fördert junge Talente und betätigt Treue. War es vormals jüdischen Eltern in Russland ein Schrecknis, wenn der Sohn Künstler werden wollte, so hört man heute Eltern zum Sohne sprechen: werde ein Bildhauer, vielleicht wirst du so wie Antokolski und Bernstamm. Welche Qualitäten hat Bernstamms Portraitkunst, die sie so beliebt machen? Da ist vor allem die lebensvolle Aehnlichkeit, die ja das Publikum liebt; nur ist es nicht die banale, billige und im tieferen Wesen unwahre Aehnlichkeit, sondern die künstlerisch nachdrückliche, mit momentanem Atemzug und momentaner Gedankenregung. Die Lebendigkeit des Individuellen regt sich von innen her und durchwirkt die Züge mit Spuren des Geistes. Jede Büste hat ihr eigenes Leben und ihre Eigenart, immer ist das Leben um die Form befragt, und immer ist sie Neuheit — wie Lebensgepräge. Der erste Eindruck ist eminente Fähigkeit. Ein weiteres kommt dazu: Die Portraits sind in sicherer Hast ergriffen, ein Zucken geht durch die Erscheinung, von jener Art, da ein Lebendiges in seinem Laufe eine Weile innehält, zu uns herüberblickt, uns ein Bild und ein Abbild zu geben, und doch Leben bleibt immerfort, ewig im Flusse, unaufhörlich im Wandel. In plötzlicher Synthese ist das Wesen gefasst und hat den ganzen Reiz des Widerspruches flüssigen und doch gesammelten Lebens. Die Persönlichkeit geht an uns vorüber, sie ist auf der Wanderung, wie Menschenwesen sind, und hat doch Mittelpunkt, hat Heimat. Das ist auf seinem Gebiete nicht leicht. Eine Büste hat ja etwas Degradierendes, sie setzt ein L. BERNSTAMM PARIS. COQUELIN DER AELTERE. Gerson: Leopold Bernstamm.