Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Der Graf von Charolais
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 551 - 552 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Viktor Klemperer: Der Graf von Charolais. 552 ein menschliches Verhältnis von allen Seiten beleuchten: die Beziehungen vom Vater zum Kind, vom Kind zum Vater. Beer-Hofmann hat die "brünstigste Liebesszene geschrieben. Was ist ihre G-lut gegen die Gewalt jenes andern Auftritts, da der rote Itzig, einer der unerbittlichen Gläubiger, dem Grafen erzählt, wie sein ketzerischer Vater den Scheiterhauten bestieg? Die Gewalt dieser Sohnesklage ist so ungeheuer, dass sie selbst dem Jargon, in dem sie hervorgestossen wird, alles Komische nimmt, ihn gleichsam von innen her in schlackenreinste Form umgiesst. Und hier tritt der Leitgedanke doch nur in der Nebenperson zutage. Er beherrscht die beiden Helden, den Gerichtspräsidenten, der für sein Kind bangt, und doch auch wiederum ein egoistischer Vater ist, und Charolais. (Die schwankende Desiree ist nicht Heldin; sie ist gleichsam nur das Objekt des Denkens und Fühlens der andern). Es ist wunderschön, wie der Gedanke in Charolais in seiner zweifachen Gestalt auftritt: im Anfang opfert der Sohn dem toten Vater seine Freiheit; später steht der junge Vater an der Wiege seines Erstgeborenen, hält ihm ernsthafte Reden und legt ihm gleichsam Rechnung ab, was Desiree sehr wundersam findet. Und Charolais erklärt ihr: . . . seit dies Kind kam, weiss ich, dass ich nur Verwalter war von allem, was in mir — Gut oder bös — als Vätererbe kreiste. Der letzte Glockenklang verhallte in der Höhe. Die grossen Seitentüren der Kirche taten sich auf und die Gäste begannen herauszuströmen. Damen und Herren blieben auf der breiten Treppe stehen und schüttelten einander die Hände. Bald wurde die Mittelpforte aufgerissen, auf der Schwelle erschienen zwei grosse Männergestalten und zwischen beiden die schlanke, fast noch jugendlich zarte Figur eines Dritten. Langsam und bedächtig schritten sie die Treppe herunter; die Anwesenden machten ehrerbietig Platz, und viele Hände streckten sich dem Mittleren glück wünschend entgegen. Es waren dies der Fürst Carlowsky und der Präsident der Akademie; sie führten ihr neugetauftes PathenkiDd wie einen Sieger in der Mitte. Dieser sah aber gar nicht siegerhaft aus. Schlotternd und wie im Traume wankte er dahin und musste von seinen Begleitern gestützt werden, so unsicher war sein Schritt. Aus dem totenbleichen verstörten Antlitz irrten die Augen trübe und unstet umher, wie die eines Verurteilten, der zur Richtstätte geführt wird. Unten auf dem Pflaster, wo eine lange Reihe eleganter Wagen wartete, ergriff der Fürst noch ein letztes Mal die Hand seines Pathen und redete leise und eindringlich auf ihn ein. Und noch einmal in rührend elender Art begegnen wir dein gleichen Verhältnis. Der kupplerische Wirt, der freilich auch zur technischen Führung der Handlung notwendig ist (notwendiger als der rote Itzig), und der auch sein Sprüchlein zur Schicksalsidee sagen muss — der Wirt gewinnt im gleichen Augenblick unsere Sympathie, wo er seinem blinden Vater allerhand Glück vorlügt: . . . seht: zu essen und zu trinken hat er ganz gut bei uns; doch weil ich sonst dem alten Mann doch gar nichts bieten kann . . . so lüg ich ihm von Zeit zu Zeit was vor. Bei Haupt- und Nebenpersonen — überall in den besten und grössten Momenten dies eine Thema: Vater und Kind, Kind und Vater. Ich nehme die Zerrissenheit des Dramas gern in Kauf, ich lasse den Dichter in seiner bedrückenden Schicksalsidee beharren, ich füge mich in die gebrochenen Charaktere und erfreue mich immer wieder an den herrlichen liebe- und weisheitsvollen Worten und Gedichten, die Beer-Hofmann für dieses Thema gefunden hat. Und ich glaube, wenn hier kein roter Itzig aufträte und dem christlichen Helden seinen Shylockhass mauschelnd ins Gesicht schleuderte — das Thema und die glühende Innigkeit der Behandlung würden dennoch manchen vermuten lassen, wess Stammes Kind Beer-Hofmann ist. Nachdruck verboten. Dieser hörte stumm, wie geistesabwesend zu. Dann nahm ihn der Präsident der Akademie beim Arm und wollte ihn sanft in seinen Wagen, dessen Schlag ein Diener geöffnet hielt, drängen. Er schlug es dankend mit einem Kopfnicken aus. Einen Augenblick später blickte er sich um: er war auf dem weiten, öden Platze allein. Wankenden Schrittes schlenderte er ziellos von dannen. Brennende Glut flammte auf seiner Stirn, bleierne Schwere lastete auf seinen Gliedern. Die Schläfen hämmerten, er hatte das Gefühl, als wäre sein innerstes Wesen wie durch einen Biss entzweigegangen. Willenlos überliess er sich den Füssen, die ihn mechanisch trugen, und sah sich plötzlich auf dem Wege, der hinaus ins Freie führte. Es war ein herrlicher, warmer Frühlingsabend. Am westlichen Himmelsrande hing die grosse, goldene Sonnenkugel und streckte ihre schrägen, langen Strahlen wie schillernde Bänder bis an den östlichen Horizont, wo sie das weite Gebüsch in einen goldigen Staubnebel hüllten. Es war still ringsum: kein Windhauch regte sieb, kein Blatt raschelte, Alles schwieg. Nur von der Ferne her drang das Getöse der Stadt wie ein verhallendes, mächtiges Flüstern. Dem eins amen Wanderer SCHULD UND SUEHNE. Von Benjamin Segel.