Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1906)
- Article
- Der Graf von Charolais
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 549 - 550 (sequence 2)
- Language
- German
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549 G. Kutna: Paul Roger-Bloche. 550 .seine Söldner sollten nicht hungern, und der Staat knauserte. Nun Rommen die (J laubiger — und Charolais' Sohn ist mittellos. Der liebte seinen Vater aufsheisseste; er kann es nicht ertragen, dass die Leiche am offenen Tage modern soll, will selbst an ihrer Statt im Kerker liegen. Da springt der Präsident des Gerichtshofes, vor dem die Sache zum Austrag kommt, für Charolais ein. Der Greis, der einen edlen (lefährten für seine einzige Tochter sucht, ist hingerissen von der (Gewalt solcher Sohnesliebe. Er likt den toten Feldherrn aus, er beschenkt Charolais mit all seinen Gütern und der Hand seiner Tochter. Ein entzückendes Spiel in klingenden Versen voll unsäglicher Schönheiten, deren grösste noch zu nennen sein werden, hat hiermit seinen Abschluss erreicht. Nicht so das Drama. Seiner Quelle folgend zeigt Beer- Hofmann in den letzten beiden Akten den Zusammenbruch des Glückes, das Charolais nur kurze Zeit gemessen darf. Seine Gattin Desiree erliegt ganz plötzlich der Verführung eines schamlosen Gecken; Charolais überrascht die Ehebrecher, tötet den Mann und lässt seine Gattin in einer aufs äusserste gespannten PAUL ROGER-BLOCHE. DAS KIND. PAUL ROGER-BLOCHE. DIE KÄLTE. Szene durch ihren eignen Vater für schuldig und todverfallen erklären. 1)esiree endet durch Selbstmord; Charolais wandert arm und einsam in die AVclt. Sein Schicksal hat es so gefügt, ..es" trieb ihn in all diese Schrecknis. Da mangelt es denn nicht an Fragen. AVo ist die Einheit des Stückes geblieben, und hatte der Dichter ein Recht sie so zu verletzen? Ist dieses „es", dies blinde Schicksalswalten am Platz im Drama, wirkt es nicht lähmend? Sind der edle Charolais des ersten Aktes und die Bestie des letzten wirklich die gleiche Person? Kann die reine Desiree wahrhaftig so eilig und hilflos fallen? Der Fragen ist kein Ende. Und trotz alledem: wer das Stück liesst oder hört, der wendet sich ihm mit Liebe zu. So manches er daran auszusetzen hat, er kann sich nicht der Poesie vieler Szenen verschliessen. Es ist seltsam: all jene Fragen sind hundertmal behandelt worden; aber die eigentliche Einheit des Stückes, die all seine sonst zerflatternden Schönheiten gedanklich verbindet, die dem Drama seine tiefe "Wirkung sichert — die Kernidee, habe ich noch nirgends behandelt gefunden. Wenigstens wurde sie nirgends mit dem gehörigen Nachdruck als Kernidee hervorgehoben. Da hiess es immer: das Schicksal, das blinde Schicksal ist die Hauptsache. Charolais der Edle wird ins G lück hineingestossen und wieder aus dem Sonnenkreis des G-lücks verjagt — alles durch das blinde Schicksal, und das ist die Hauptsache. Durchaus nicht! Predigte Beer- Hofmann nur dies Fatum, so Hesse sein Stück sehr kalt. Aber dies Stück enthält eine ganze Heine Szenen, und das gerade sind die Meisterszenen, die alle mit der grössten Schärfe und dem hinreissendsten Pathos