Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 511 - 512 (sequence 3)
- Language
- German
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511 Dr. Freund, Ostrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 512 bestürzt: aber im Innern des Berges hat es schon lange gegrollt und geglüht, da haben sich die unheilschwangeren Gase gesammelt, die gewaltsam Ausbruch verlangten. Als der Sturm auf die Bastille den französischen Königsthron ins Wanken brachte; da erschien das als der Beginn der Revolution, aber gedüngt war der Boden schon Jahrzehnte vorher: durch die Schriften der Enzyklopädisten, durch die Ideen eines Voltaire und Rousseau, waren die Saaten gepflanzt, die nun zu Früchten reiften. Und wenn heut Russland von revolutionären Krämpfen geschüttelt wird, und auch die Juden, die trotz allem, was die Gegner behaupten, fast immer feste Säulen der staatlichen Ordnung sind, sich den Kreisen der Regierungsgegner anschliessen, so ging auch hier eine Saat auf, die Jahre und Jahrzehnte lang durch eine im geheimen, aber darum um so wirkungsvoller verbreitete Literatur ausgestreut worden war. Diese Literatur ist uns deutschen Juden fremd: ich selbst, der ich seit Jahren in der Nähe der russischen Grenze lebe, in mündlichen und schriftlichen Verkehr mit manchen Glaubensgenossen jenseits der Grenze getreten war, habe eigentlich durch Zufall einen tieferen Einblick in diese Literatur erlangt. Es waren mehrmals an der Grenze Ballen von jüdischen Schriften beschlagnahmt worden, die zum Hinüberschmuggeln nach Russland bestimmt waren und die den Verdacht der Gendarmen erregten. Da die Staatsanwaltschaft vor der Hand nichts damit anzufangen wusste, übersandte sie mir die Schriften zur Prüfung und Begutachtung, und so erhielt ich das eine Mal einen beträchtlichen Teil der gesamten Agitationsliteratur der P. P. S. („Partei polnischer Sozialisten"), und das andere Mal, als ob die Parität gewahrt werden sollte, Schriften vom „allgemeinen jüdischen Arbeiterbund in Litauen, Polen und Russland" (dem „Bund").*) Es ist ja über diese Parteien schon manches veröffentlicht worden (ich nenne nur die Schriften von Konni Zilliacus oder Sara Rabinowitsch, „Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Russland"); ich will auch hier nicht auf ihre Charakteristik und Unterscheidung eingehen; darin stimmen sie ja beide überein, dass sie der sozialistischen, aber nicht, wie wohl aus Böswilligkeit oder Unkenntnis bisweilen behauptet wird, der anarchistischen Propaganda dienen. Wenn wir nun den Inhalt dieser Schriften, die wegen der russischen Zensurverhältnisse im Auslande gedruckt werden, betrachten, so sehen wir das sozialistische Programm, teils in seiner Gesamtheit, teils in einzelnen Punkten, in mannigfachster Form zur Darstellung gebracht, teils in periodischen Zeitschriften (der Arbeiter, Arbeiterstimme, proletarische Welt u. a. m.), teils in Broschüren oder in kleinen belletristischen Schriften. (Schluss folgt.) *) Die gerichtliche Verhandlung, die vor der hiesigen Strafkammer unter Ausschluss der Oeffentlichkeit stattfand, endete mit Freisprechung, weil für unsere deutschen Verhältnisse diesen Schriften jede aufreizende Wirkung abgesprochen wurde. TOMOR. Butter spielt bekanntlich in jedem besseren Haushalt zum Essen auf Brot, zum Kochen, Braten und Backen, sowie als Sauce, eine grosse Rolle und weiss wohl jeder das herrliche Aroma und den feinen Geschmack eines mit Naturbutter gebackenen Kuchens oder Fisches zu schätzen. Der jüdischen Küche ist aber durch das Religionsgesetz der Gebrauch von Naturbutter bei Fleischspeisen versagt und stehen derselben nur noch Rinderfett und harte, schon bei einigem Erkalten der Speisen bald erstarrende Pflanzenfette, zur Verfügung, die jedoch den Speisen auch nicht einmal annähernd etwas vom Aroma der Naturbutter verleihen. — Wie oft hat der rituell lebende Israelit schon mit Verlangen nach den nichtjüdischen Tischen hinübergeschaut, von wo der liebliche" Duft eines mit Butter gebratenen Beefsteaks verlockend zu ihm drang. Gar erst, wenn ihn eine Magenkrankheit heimsucht, wo ihm von ärzilicher Seite der Genuss von Fleischspeisen in Butter empfohlen wird, was ihm aber das israelitische Speisegesetz auf's Strengste untersagt. Wieviel Energie und Ueberzeugungstreue muss man da besitzen, um in solchem Streit der Pflichten den rechten Weg zu finden! In welch' grosse Verlegenheit wird auch die jüdische Hausfrau versetzt, wenn sie bei einem fleischigen Diner Fische servieren lassen soll und darauf verzichten muss, dieselben in Buttersauce, die doch dem Gericht erst den feinen Wohlgeschmack verleiht, auf den Tisch zu bringen. - Es lag daher der Gedanke nahe, der jüdischen Küche einen Ersatz für Naturbutter zu schaffen, der die gleichen Eigenschaften derselben in Bezug auf Geschmack, Geruch und Streichbarkeit besitzt, dabei aber zu Fleisch- und Milchspeisen Verwendung finden kann, und so für die oben erwähnten Uebelstände Abhülfe schafft. — Dies ist der „Sana"-Gesellschaft m.b. H. in Cleve (Rheinland) nach längeren, umfangreichen Versuchen gelungen, — Das Produkt, welches unter dem Namen „Tomor" in den Handel kommt, ist eine Zusammensetzung feinster Pflanzenfette, Pflanzenöle und Pflanzenmilch, und kann in jeder Hinsicht als vollkommen koscher und minnich bezeichnet werden. - „Toraor" besitzt alle Eigenschaften bester Naturbutter, bräunt, schäumt und duftet wie solche und hat vor ihr noch den Vorzug, dass man auch Fleischspeisen darin bereiten kann. — Dazu kommt noch der nicht zu unterschätzende Vorteil, dass Jomor« gut J/3 billiger wie Naturbutter ist. - Auch in hygienischer Beziehung ist „Tomor" selbst der Naturbutter vorzuziehen, wie von ersten Kapacitäten der Wissenschaft wiederholt durch eingehende Untersuchungen festgestellt wurde. — Da „Tom o r" der Naturbutter in Geschmack, Aussehen und Konsistenz vollkommen gleich ist, ist das Produkt, um beim Verkauf Verwechselungen unmöglich zu machen, unter das Margarine-Gesetz gestellt und muss folglich mit der Bezeichnung „Pflanzen-Margarine" versehen werden. — Gegen Margarine herrscht nun bekannterweise"im Allgemeinen eine gewisse, manchmal "nicht unberechtigte Abneigung, doch braucht man sich beim Verkauf bezw. Gebrauch von „Tomor" nichts zu vergeben, weil „Tomor" im allgemeinen Sinn keine Margarine ist, da sie weder tierische Fette noch Tiermilch enthält. - Die Bezeichnung ist, wie erwähnt lediglich vom Buchstaben des Gesetzes vorgeschrieben, um beim Verkauf Verwechselungen mit Naturbutter tinmöglich zu machen. - Die Fabrikation geschieht unter ständiger Anwesenheit eines streng religiösen Aufsichtsbeamten, von Sr. Ehrwürden, Herrn Rabbiner Dr. Wolf in Cöln, inspiziert, sodass für streng koschere Herstellung garantiert wird. - Kostenlose Proben von „Tomor« stellt die „Sana"-Gesellschaft m.b.H. in Cleve (Rheinland) allen Interessenten zur Verfügung. - Jede Hausfrau, welche das Produkt einmal versucht, wird es in der Küche bestimmt nicht wieder ausgehen lassen, denn nachdem sie einmal die grossen Vorzüge desselben erkannt, wird esjhr unentbehrlich werden. - Iiwratenannabme nur clurcb BaasctlSteilt $ Uogkr JL 6. in Berlin und deren Jilialen. Abonnementspreis für das Jahr in Deutschland und Oesterreich Mark 7,— (Luxusausgabe Mark 14,—), für das Ausland Mark 8—, (Luxusausgabe Mark 16). für Russland ganzjährlich 4 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. .___,_____^ Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen _ _-^_- Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. '--'-"- Anzeigen 75 Pfg. die viergespaltene Nonpareillezeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise. Adresse für die geschäftliche Korrespondenz: Verlag „Ost und West", Berlin W. 8, Leipzigerstr. 31-32. Redaktion: Berlin NW. 23, Altonaerstr. 36. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. - Verlag Ost und West, Berlin W. S. Druck von Haasenstein & Vogler A. G., Berlin S. 42, Wasserthorstr. 50.