Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 509 - 510 (sequence 2)
- Language
- German
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509 Dr. Freund, Ostrowo: Die sozialistische Strömung in der Volksliteratur der russischen Juden. 510 kann man Auffassungen begegnen, die über die tapferen Kämpfer für Freiheit und menschenwürdiges Los grausam den Stab brechen; denen die ganze grosse Armee der Freiheitshelden nichts ist als eine Bande von Charakter- und gewissenlosen Subjekten, die Führer einer Schar von rücksichtslosen Volksverführern und Demagogen. Wir geben gern zu, dass jene Bewegung auch manche Auswüchse gezeitigt hat, und bedauern sie aufs tiefste — aber über diesen den idealen Gehalt und die heldenhafte Begeisterung übersehen, die in ihr zum Ausdruck kommen, das beweist einen bedauernswerten Mangel anpolitischer Einsicht, und verrät einen engen und kurzen Sinn, der über die Mauern des eigenen Häuschens nicht hinausschaut und bar ist jeden Einblicks in die menschliche Entwicklung und das Wesen der Dinge. Gewiss! Russland steht an einem entscheidenden Wendepunkt seiner Geschichte: die Geburtswehen einer neuen Zeit lassen seinen Körper erzittern, und von der politischen Einsicht der Machthaber, wird es abhängen, ob das Mass der Freiheit, das ein mündiges Volk zu seiner gedeihlichen Entwicklung so nötig braucht, wie das tägliche Brot, in friedlicher Entwicklung erreicht werden Wird, oder im blutigen Kampf; ob der rötliche Schein, der das Standbild der Freiheitsgöttin umstrahlen wird, von den verklärenden. Strahlen der belebenden Sonne herrührt, oder der Widerschein ist von dem Strome vergossenen Blutes. Und auch die Juden stehen dort mit in der Reihe derer, die um die Freiheit und das Völkerglück kämpfen, sie gehören in ihrer grossen Mehrzahl — gestehen wir es ruhig zu! — zu den Förderern oder Freunden der „Revolution". Aber ist das etwas, was sie besonders charakterisiert, von andern Schichten des Volkes irgendwie unteischeidet? Nehmet die wenigen aus, die satt sind an Besitz oder an Macht — und sie sind auch unter den Juden zu finden —; wo ist denn ein Stand oder eine Klasse, in der nicht die Ueberzeugung lebt, dass es so nicht weiter gehen kann, dass es von Grund aus anders werden muss! Man lese die Schilderungen des finnischen Professors Konni Zilliacus, den niemand einer Hinneigung zum Judentum beschuldigen wird, oder auch die Essays des Berliner Professors Schiemann, der als Kreuzzeitungsritter gewiss über den Verdacht erhaben ist, zugunsten der Juden Geschichte zu fälschen, und man wird sehen, wie das revolutionäre „Gift" alle Stände ergriffen hat. Bisweilen erhellt ein Blitz in finsterer Nacht das Dunkel der Landschaft: der Feuerstrahl schwindet, aber das Bild, das der grelle Schein eine Sekunde lang dem Auge geboten, bleibt in der Erinnerung haften. So erscheint ein Dekret, das einen Grossfürsten in die Verbannung weist, oder die Verurteilung einer jungen Dame, die gegen den eigenen Onkel, einen Fürsten oder General, ein Attentat verübt hat, wie ein Blitz, der für Sekunden die tiefe Unzufriedenheit und Gärung enthüllt, die auch in den höchsten Regionen der Gesellschaft die Gemüter mit der gleichen Bitterkeit erfüllt, wie in allen anderen Ständen und Schichten des Staates. Und schliesslich hat die Regierung ja mit der Eröffnung der Duma selbst die Berechtigung dieser „revolutionären* Bestrebungen anerkannt, und zugestanden, dass die Fortdauer der Selbstherrschaft ein Unheil für das Land sei, und dass nur aus einer freieren, den Willen des Volkes berücksichtigenden Regierungsform eine gedeihliche Entwicklung und eine glückliche Zukunft erblühen könne. Und da sollten die Juden allein eine Ausnahme machen! Da sollten sie, die systematisch verfolgt und bis aufs Blut gepeinigt wurden, die einzigen Zufriedenen sein! Da sollten sie ihren Mund zu nichts anderem gebrauchen als nur um die Rute zu küssen, die sie schlägt und verwundet! Ich gestehe es gern: nicht alle Gesetze und Verordnungen im heiligen Russland, die sich mit den Juden befassen, sind ungerecht und grausam; die zahlreichen Urkunden und Zeugnisse russischer Behörden und Autoritäten, die August Scholz (Berlin 1900) in deutscher Uebersetzung herausgegeben hat, liefern den tröstlichen Beweis, dass auch dort die Stimmen der Gerechtigkeit niemals verstummt sind, dass auch dort Menschenhirne vernünftig denken und Menschenherzen menschlich schlagen. Aber die gewissenlose Beamtenschaft, die trübes Wasser braucht, um darin fischen zu können, verstand es, alle die Saaten des Guten im Keime zu ersticken, alle Ansätze zur Besserung in das Gegenteil zu verkehren, bis dem Juden jede menschenwürdige Existenz geraubt ward. Und da will man es ihnen verdenken, wenn auch sie nach Licht und Freiheit sich sehnen; wenn sie ihr bischen Leben und Wohlergehn erbitten, und es nötigenfalls, vereint mit den anderen, sich erkämpfen wollen! Wir Westeuropäer haben es leicht, uns der staatlichen Ordnung zu freuen, in der wir leben und jede Ausgestaltung und Verwirklichung unserer Rechte auf dem Boden der bestehenden Gesetze, im Rabmen der beschworenen Verfassung zu erstreben. Aber hüten wir uns, engherzig Steine auf die zu werfen, denen all das noch fehlt, was auch uns nur allmählich, mühevoll, nach heftigen Kämpfen zuteil geworden ist! Hüten wir uns auch, sie sogleich zu verdammen, wenn sie bisweilen über das Ziel hinausschiessen, wenn sie bei einem edlen und erhabenen Zwecke sich zuweilen in den Mitteln vergreifen, wenn sie ihrer Sehnsucht nach Aenderung der unhaltbaren Zustände lauteren Ausdruck verleihen, als es zartbesaitete Naturen schicklich rinden, wenn sie ihre freiheitdürstende Gesinnung schärfer betonen, als es nicht nur unseren Gegnern, sondern auch uns selbst als angemessen und erlaubt erscheint. Wenn irgendwo, so möge auch hier das Wort Anerkennung finden, tout comprendre c'est tout pardonner. — — II. Und zu dem comprendre sollen auch diese Zeilen einiges beitragen: sie sollen hineinleuchten in eine Welt, die für die meisten unserer deutschen Glaubensgenossen in völligem Dunkel liegt. Wenn der Vesuv seine Schrecken und Vernichtung bringende Lava über blühende Landschaften ausstreut, dann ist die Menschheit überrascht und