Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Josef Gabowicz
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 459 - 460 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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459 J. GABOWICZ. MUTTERLIEBE. Erscheinungen des Lebens. Diese aber verstellt er auf so interessante und reizende Weise zu packen, sie so natürlich darzustellen und ihnen Geist und Stimmung derart abzugewinnen, dass der Zuschauer sich von seinen Bildwerken nicht trennen kann, da sie ihn stets von neuem zur Vertiefung anreizen. Betrachten wir z. B. sein Werk „Die Selbstverteidigung des Urmenschen." Die giftige Schlange droht ihm mit unvermeidlichem Untergang. Zu Tode erschrocken, greift er nach einem Stein und unter Anspannung aller seiner Muskeln bemüht er sich, ihn aufzuheben, nach der Schlange zu werfen und ihren Kopf zu zermalmen. Wird ihm das gelingen? Das ist der dramatische Moment, der das höchste Interesse des Zuschauers erregt. Beim Anblick dieses stummen und doch so beredsamen Kampfes um Leben und Tod empfindet der Zuschauer das ganze Kraftaufgebot des angestrengten Kampfes und fühlt sich in die angstvolle Situation hineinversetzt. Ohne Uebertreibung, ohne künstliche Mittel, allein nur durch die Darstellung des natürlichen Vorganges in aller Einfachheit und Lebens- 460 Wahrheit ruft der Künstler die grösste Wirkung hervor. Oder betrachten wir eine andere Gruppe von kleineren Dimensionen: „Nachrichten aus derFerne". Ein alter Bauer sitzt und lauscht aufmerksam dem kleinen Mädchen, welches ihm einen Brief aus der Ferne, wahrscheinlich aus Brasilien, vorliest Auch hier ist das Thema einfach, aber wie herzlich spricht den Beschauer die sinnende Miene des Bauern an, der an sich und die Seinigen in der Ferne denkt. Uud daneben dieses kleine Mädchen, welches ganz von der Lektüre in Anspruch genommen ist, wie packt es uns durch seine Schlichtheit, welch einen feinen Kontrast bildet seine kindliche Ruhe mit dem sorgenvollen Ausdruck im Gesichte des Alten! Alles ist hier schlicht nachgebildet, wie es im Leben vorkommt, aber diesen einfachen, natürlichen Vorgang hat der Künstler so tief nachempfunden, und seine Empfindung so vorzüglich darzustellen verstanden, dass sie sich der Seele des Beschauers mitteilt. „Der letzte Tropfen" zeigt uns einen Arbeiter, der den Rest der Nahrung aus einem Topfe leert. Das ist alles. Wie viele Arbeiter tuen das alle Tage, und wie viele Menschen schauen darauf gedankenlos! Hätte der Künstler eine Photographie solch eines Arbeiters hergestellt, sie würde gewiss kein tieferes Interesse erregt haben, denn der seelische Vorgang hätte darin keinen Ausdruck gefunden. Aber ein wahrer Künstler lebt das Leben seines Gegenstandes nach und stellt nicht nur die äusserlichen Züge, sondern die Seelenstimmung dar. Die äusserlichen Züge derart zu potenzieren, dass sie zum Ausdruck der Seele, der J. GABOWICZ. ANGENEHMER TRAUM. Prof. Dr. Henryk von Struve, Warschau: Josef Gabowicz.