Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Die Kolonieen in Argentinien
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 451 - 452 (sequence 6)
- Language
- German
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451 Die Kolonieen in Argentinien. 452 die Kolonieen eine genügende Anzahl von energischen uud fleissigen Elementen stellen. Und wenn die Mehrzahl der argentinischen Kolonisten mehr Prätentionen als Fleiss zur Schau tragen, so ist das aus hesonderen Ursachen zu erklären, von denen im Weiteren die Rede sein wird. Ein wesentlicher Fehler bei den jüdischen Immigranten liegt darin, dass sie ihrer überwiegenden Zahl nach keine Ackerbauer sind. Gerade aber in den Gruppen, die nach Argentinien gehen, findet sich eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Ackerbauern. Ausserdem ist in Betracht zu ziehen, dass die Anwendung von Maschinen fürs Pflügen, Eggen, Dreschen, Säen usw. dem früheren Stadtbewohner die Angewöhnung an die Landarbeit bedeutend erleichtert. Auf diese Weise könnten — ebenso wie die Einwohner der englischen Städte als Kolonisten nach Kauada gehen — die Juden ein geeignetes Element für die Kolonisation Argentiniens liefern — und dies umsomehr, als in einigen Schichten des jüdischen Volkes die Idee der landwirtschaftlichen Arbeit sehr viel Popularität gefunden hat. Des Weiteren ist zu bemerken, dass die Technik des argentinischen Ackerbaues sich solchermassen von der der europäischen Landwirtschaft unterscheidet, dass der europäische Ackerbauer wenig Nutzen aus seiner Erfahrung in der alten Welt ziehen kann. 15. Das angewendete System derKolonisation. Also weder das Land noch das zu koloniesierende Element tragen die Schuld an dem Mis*- erfolg der argentinischen Unternehmung. Die Ursache des Misserfolges muss man einzig und allein in dem zur Anwendung gelangten System der Kolonisation suchen. Die Erfahrung des letzten Jahres ausser Betracht lassend, muss man das System der Kolonisation, das die Ica in Argentinien anwendet, als ein Wohltätigkeitssystem bezeichnen. Die Juden, die nach den Vereinigten Staaten ziehen, installieren sich dort so, wie sie es selbst wünschen, nach Argentinien aber transportiert man die Kolonisten und installiert sie so, wie die Ica es für gut hält. Eine Selbsttätigkeit der Immigranten fehlt vollständig. Die ganze Sache wird auf Eechnung der Ica geführt, auf ihr Risiko, nach ihren Plänen, und was vielleicht am schlimmsten ist, auf ihre moralische Verantwortung. Ein solches System — so hoch es auch zu stehen kommt, tötet schliesslich alle Initiative der Ansiedler. Der sittliche Niedergang der Immigranten beginnt schon bei ihrer ersten Berührung mit der Ica. Der Immigrant wird schon in dem Augenblick demoralisiert, wo er, statt sich mutig auf den Weg zu machen, eine Bittschrift an das Zentralkomitee der Ica richtet, damit es ihn „aus dem Lande der Aegypter nach Kanaan" bringe. Auf die reiche Hilfe der lea hoffend, denkt sich der Bittsteller nicht genügend in die Frage ein, ob es für ihn tatsächlich notwendig ist, Russland zu verlassen und sein Glück jenseits des Ozeans zu suchen Bekommt der Emigrant einmal die Etiquette „Geeignet", so fühlt er sich schon geborgen im Schoosse der Ica. Die Ica hat beschlossen, dass die Emigranten die Ueberfahrt auf eigene Rechnung vollziehen. In Wirklichkeit aber wird dieser Beschluss nicht durchgeführt. Nach der Ankunft in Argentinien wird dem vermögenslosen Einwanderer ein Besitztum von 100 und in der letzten Zeit sogar von 150 Hektar zur Bewirtschaftung übergeben. Er bekommt ein Haus mit reichem Inventar. Vom Boden ganz abgesehen, berechnet Herr Sonnenfeld den Wert des Inventars, das den Händen des Ansiedlers anvertraut wird, mit 3000 Pesos. Ueber den Einfiuss eines solchen Systems gibt Sonnenfeld auf Grund seiner Beobachtungen folgendes Urteil ab: „Da der neuangekommene Kolonist in den meisten Fällen früher ein sehr bescheidenes Vermögen besass, so muss ihn das neue bedeutende Besitztum aus dem ruhisen Gleichmut bringen, und nur selten vermag er sich mit richtigem Verständnis in die neue Situation zu finden. Er kennt auch Land und Leute, den hiesigen Ackerbau und die hiesige Viehzucht nicht und macht alle Erfahrungen auf Kosten der Gesellschaft". Der Umstand, dass der Kolonist in das ganze Unternehmen nichts oder fast nichts hineingesteckt hat, dass seine Arbeit fast gar keine Rolle bei der Errichtung seines Haushaltes gespielt hat, trägt eine Demoralisation in die ganze Sache. Der Kolonist legt keinen grossen Wert auf seine Wirtschaft und ist bereit, jeden Augenblick sie zu verkaufen und nach der Stadt zu eilen. Nolens, volens muss man sich mit der Wahrung des bedeutenden Besitztums, das sich in fremden, unverlässlichen Händen befindet, abgeben. Und so führt dieses System zu einer unaufhörlichen Besorgnis um das Wohlergehen des Kolonisten und seiner Familie. Man muss ihn vor Misserfolgen bewahren, man versorgt seine Söhne und Töchter mit neuen Wirtschaften. Die Verantwortlichkeit der Vormünder wächst immer weiter, während die Verantwortlichkeit der Bevormundeten ganz verschwindet. Die Administration wächst ins Ungeheure und lässt sich nicht verkleinern. Die natürlichen Impulse zur Selbsttätigkeit bei den „beschützten" Kolonisten verschwinden vollständig, und die Administration beginnt nach neuen Mitteln zu suchen, um in ihnen das Streben nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu entwickeln. (SHiluss folgt.)