Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Die Kolonieen in Argentinien
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 449 - 450 (sequence 5)
- Language
- German
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440 Die Kolonieen in Argentinien. 450 12. Die Faktoren, die das Gelingen von kolonisatorischen Unternehmungen begründen. Um den Weg zu zeigen, den man in Zukunft bei der Kolonisationstätigkeit beschreiten muss, ist es notwendig, die Ursachen der Misserfolge, die die Ica in Argentinien erlitten hat, aufzudecken. Der Erfolg einer kolonisatorischen Tätigkeit hängt stets von drei Faktoren ab: 1. Yom Charakter des zu kolonisierenden Landes, 2. vom Charakter des für die Kolonisation bestimmten Elementes, 3. vom System der Kolonisation. 13. Die natürlichen Verhältnisse und ökonomischen Bedingungen Argentiniens. Was den Charakter des Landes betrifft, so muss man Argentinien als ziemlich günstig für die Kolonisation betrachten und zwar sowohl vom Standpunkt der natürlichen Verhältnisse als auch der wirtschaftlichen Bedingungen. Der Boden braucht hier keine Düngung und liefert Ernten schon bei einer ganz oberflächlichen Bearbeitung. Dank dem milden Klima hält die Arbeits-Periode ziemlich lange an, und das gibt die Möglichkeit, beträchtliche Bodenflächen zu bearbeiten und sogar zwei Ernten im Jahre von einem Ackerboden zu erhalten. Das Vieh braucht keine warmen Ställe und findet das ganze Jahr hindurch Grasfutter. Die ebenmässige Oberfläche des Landes gestattet es Maschinen anzuwenden, was die Produktivität der Arbeit in einem Masse erhöht, von dem man sich in Europa kaum eine Vorstellung machen kann. Einem italienischen Ansiedler, der allerdings durch seine Arbeitseifrigkeit sich sogar vor dem Deutschen auszeichnet, gelingt es, mit Hilfe seiner Familie und eines Arbeiters bis zu 125 Hektar zu bestellen. Die schwachen Seiten der argentinischen Landwirtschaft bilden die Ungleichmässigkeit der Niederschläge und die Plage der Heuschreckenschwärme. Aber infolge der langen Ausdehnung der Bestellungs- Periode leiden nicht alle Getreidearten in gleicher Weise unter diesen Uebeln. Eine noch grössere Garantie gegen diese Uebel bietet die Mannigfaltigkeit der Kulturen und der Wirtschaftszweige. Als durchschnittliches Ernte-Ergebnis in der Provinz Santa Fe wurden 12 Quintal pro Quadre berechnet (4:7 Pud für eine Dessjatine), für Entre Eios 9,5 (oder 37 Pud pro Dessjatine)*). Zum Vergleich weisen wir darauf hin, dass in den Cherson'schen Kolonieen das durchschnittliche Ernte-Ergebnis nur 35 Pud pro Dessjatine ausmacht. Man kann also — wenn man den extensiven Charakter der argentinischen Landwirtschaft in Betracht zieht, die Ernten als befriedigend bezeichnen. Dabei muss man aber feststellen, dass der Umfang der Ernten starken Schwankungen unterworfen ist, was der Wirtschaft einen spekulativen Charakter verleiht und wodurch eine Steigerung des Kapitals notwendig wird, das zur Installierung einer soliden Wirtschaft verwendet werden muss. Was die ökonomischen *) Karl Kaerger: Landwirtschaft und Kolonisation im spanischen Amerika, 1. Band, S. 129 und 433. Bedingungen der Entwicklung der argentinischen Landwirtschaft anbelangt, so sind sie gleichfalls günstig. Der gewöhnliche Preis des Bodens ist im Weizengebiet noch immer 30 Pesos pro Hektar, d. h. um 8 mal weniger als in dem entsprechenden Gebiet des Ansiedlungs-Rayons. Die Transport-Bedingungen in Argentinien kann man gut nennen, — abgesehen von einem dichten Netz von Eisenbahnen ist das Weizengebiet von schiffbarenFlüssen,wieParana, Uruguay, durchzogen. Sogar in der viel entfernteren Provinz Santa Fe beträgt der durchschnittliche Abstand einer Oertlichkeit von der Eisenbahnlinie 12 km und die absolut längste Entfernung eines Ortes von der Eisenbahnstation 50 km. ' In Hinsicht auf den Transport befindet sich das Weizengebiet Argentiniensinbesseren Verhältnissen als der entsprechende Rayon der nordamerikanischen Staaten und vielleicht auch in besseren als das Weizengebiet Russlands. Als Endergebnis eines so günstigen Zusammentreffens von äusseren Bedingungen entwickelt sich die Landwirtschaft von Argentinien ziemlich erfolgreich, wovon die nachfolgenden Angaben Zeugnis ablegen: *) Die bear- B earbeite to r, „1 . beitete , , ni.. , Zuwachs 7.-11.., 1 , Landll ache JH lache P rovinz : i n 1000 H e k t a r b i 1 d c t % Jahr Jahr 3n absod. ganzen 1888 1895 lnt.Zahl. in % Bodens: Santa Fe 599 163G 1086 181,5 12,8 Buenos Aires 951 1395 444 46,6" 5,8 Cordova 234 660 426 181,6 4,5 Nach dem Jahre 1895 ist das Wachstum der argentinischen Landwirtschaft nicht zum Stillstand gekommen, was die folgenden Zahlen beweisen: Bestellte Fläch en in 1000 Hektar Jahr 1895 Jahr 1902 Weizen.......... 2050 3600 Mais............ 1244 2500 Leinsamen......... 387 1300 Wenu also die argentinischen Unternehmungen der Ica derart misslungen sind, so kann man die Ursachen dieses Misserfolges durchaus nicht aus dem Charakter des Landes ableiten. 14. Der Charakter des anzusiedelnden Elementes. Gehen wir nunmehr zum zweiten Faktor über, zum Charakter des für die Ansiedlung bestimmten Elementes. Das Beispiel der jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten beweist, dass sie sich durch grossen Fleiss und grosse Energie auszeichnen. Ungeachtet der äusserst schweren Bedingungen der jüdischen Wanderung, die unsystematisch, ohne jede Leitung, ohne anderweitige Hilfe erfolgt, sind Hunderttausende von Juden über den Ozean gefahren und haben sich durch schwere Arbeit einen verhältnismässigen Wohlstand erworben. Auf solche Weise könnte die jüdische Masse auch für *) ibidem. S. 889.