Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1906)
- Article
- Die Kolonieen in Argentinien
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 445 - 446 (sequence 3)
- Language
- German
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445 Die Kolonieen in Argentinien. 446 Zahl der Familien absolut: in Prozenten: Nichts abgezahlt haben .... 624 54,5 Weniger als die jährliche Abzahlungsquote leisteten . . 340 29,5 Eine Jahresquote u. mehr leisteton 86 7,5 Zwei Jahresquoten u. .. .. 83 7,5 Drei „ ,, '„ 15_^0 Im Ganzen 1148 100,0 Die Kolonisten haben also die Beträge ihrer Schuldscheine um sehr wenig verringert. Nach einer Periode A'on 11 Jahren gibt es kaum einen Kolonisten, der eine viermalige Abzahlung geleistet, mit anderen Worten, den fünften Teil seiner Schulden abgetragen hätte. Zur Zeit ist die Situation nicht viel günstiger. Im Jahre 1904 hat die Abzahlung der Schulden die Summe von 97,366 Pesos erreicht, was dem fünften Teil der normalen jährlichen Abtragung entspricht. Die Kolonie Moisesville trug von der jährlichen Schuld. 15,5%, Clara*) 13,5 %, Lucieuville nur 9,25 °/0 ab. In der letzten Zeit jedoch — nach den Kopien der Briefe der argentinischen Administration zu schliessen, die an das Zentral-Komitee gelangen — werden energische Mittel angewendet, um geregelte Abzahlungen zu sichern. Angesichts der verhältnismässig günstigen Ernten fordert die Administration, dass die Kolonisten die Hälfte ihrer Ernte als Pfand für eine sichere Zahlung ihrer Schulden nach den Scheunen der lea bringen sollen. Es langen jedoch Nachrichten ein, dass diese Massregel unter den Kolonisten die grösste Erregung hervorgerufen hat, die in einigen Fällen sich zu Unruhen steigerte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir es hier in vielen "Fällen mit dem bösen Willen der Kolonisten zu tun haben, die sich noch nicht mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, dass sie ihren Verpflichtungen tatsächlich nachkommen müssen. Aber in den Briefen der Administration gibt es auch andere Hinweise. Die Kolonisten klagen, dass die Ernte als Pfand für ihre Verpflichtungen den örtlichen Krämern und Wucherern gegenüber diente. Wenn man ihnen das Recht nähme, über ihre Ernte zu verfügen, so würden sie auch jeden Kredit verlieren, und ohne Kredit könne ihre Wirtschaft nicht existieren. Und wirklich — man kann nicht behaupten, dass trotz der günstigen Ernten die Flucht aus den Kolonieen zum Stillstand gekommen ist. Wenn man die ökonomische Situation der Kolonisten und die Grösse ihrer Schulden in Betracht zieht, müssen die Hoffnungen auf deren Eintreibung als kaum realisierbar bezeichnet werden. Es bleibt nur übrig, entweder die Forderungen auf ein Minimum herabzusetzen oder auch das Wenige überhaupt zu vernichten, was in Argentinien bis jetzt geschehen ist. 6. Die moralische Situation der Kolonieen. Auch in Bezug auf die sittliche Verfassung der Kolonisten führt Herr Sonnenfeld in seinem Berichte *) Clara ist eine Kolonie im nördlichen Teil der Kolonie Entrc liios, Lucieuville im südlichen. Teil gelegen. ziemlich viel Ungünstiges an. Von Petersburg aus erweist es sich als schwierig, diese Frage allseitig zu beleuchten. Aber — was zugegeben werden muss, ist, dass vieles, was von kompetenten Stellen herrührt, darauf hinweist, dass ein bedeutender Teil der argentinischen Kolonisten allerdings nicht als dasjenige Arbeitselement angesehen werden kaun, von dessen Schaffung Baron Hirsch geträumt hat. 7. Die Administration der Kolonieen. In Verbindung mit der Frage der moralischen Verfassung der Kolonisten ist die der Selbstverwaltung und der Administration zu betrachten. Trotz aller Anstrengungen der Ica, nach Möglichkeit die Kosten der Administration zu verringern, sind diese sehr gross. Im Jahre 1902 wurden für die Administration 131 600 Pesos verausgabt, was 125 Pesos pro Kolonisten-Familie ausmacht. Das Abnormale dieser Situation ist zu offensichtlich, und so bestand eine der Aufgaben des Herrn Sonnenfeld darin, die Mittel zur Beseitigung dieses Zustandes ausfindig zu machen, vor allem nämlich die Selbsttätigkeit der Bevölkerung zu entwickeln und die Abschaffung der teuern und schädlichen Kontrolle herbeizuführen. Herr Sonnen leid musste jedoch zugeben, dass trotz einiger unwesentlicher Reformen eine gründliche Aenderung der tatsächlichen Verhältnisse iu Moisesville und Entre ßios bisher unausführbar war. Selbstverwaltung ist daselbst vorläufig unmöglich, und die Leitung der Administration unentbehrlich. Wenn wir die Anpassungsfähigkeit der Juden und ihre Eigenschaft, sich in neuen Verhältnissen leicht zurechtzufinden, in Betracht ziehen, so können wir uns diese Ansicht eines Mannes, der an Ort und Stelle seine Forschungen augestellt hat, nur aus besonderen Umständen erklären. Aus der Tatsache, dass die Administration dem Kolonisten eine fertige Wirtschaft übergeben würde, resultiert für sie eine ziemlich komplizierte Aufgabe. Aber auch mit der Ansiedlung des Kolonisten werden die Aufgaben nicht kleiner, da schwer zu entscheiden ist. wer ein grösseres Interesse an dem Intaktbleiben des kostspieligen Besitztums hat, der Kolonist, der in die Sache nichts hineingesteckt hat und jeden Moment bereit ist, sie im Stiche zu lassen, oder die Ica, auf deren Rechnung alles angekauft und angeschafft worden ist. 8. Die Bewegung der Bevölkerung in den argentinischen Kolonieen. Wir kommen jetzt zur Hauptfrage, der Bewertung der ganzen argentinischen Unternehmuug der Ica "Ob gut oder schlecht, ob teuer oder billig — immerhin, könnte mau sagen, die Ica macht alljährlich 60 jüdische Familien zu Ackerbauern und vergrössert damit die Zahl der unter den Juden so verschwindend kleinen landwirtschaftlichen Kategorie. Aber so erstaunlich es ist, auch dieses Ergebnis erreicht die Ica nicht. Ungeachtet