Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 433 - 434

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Der Mützenhändler
Date
1906-05-01
Page
Seite 433 - 434 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593529--06257-2593653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

433 Ludmilla von Rehren: Der Mützenhändler. 434 Der Mützenhändler bückte sich mit blassem Gesichte und begann seine Ware einzupacken. Aber die jungen Hunde schienen die herumkollernden runden Dinger für etwas anzusehen, das ihnen zum Spielen hingeworfen worden war. Mit grossem Freudengebell stürzten sie sich darauf, warfen die Kartons um, zerstreuten die Mützen überall hin und balgten sich um sie, während ihr kleiner Herr, der in der Halle geblieben war, vergnügt lachend zusah und die Hunde authetzte, wenn sie aufhören wollten. Vom Gesinde wagte niemand zu helfen. Einige lachten, andere sahen schweigend zu, wie der Mützenhändler sein beschmutztes und zerknittertes Eigentum den Hunden zu entreissen bemüht war. Endlich war es ihm doch gelungen. Wieder hob er die Last auf den Rücken und schritt langsam aus der Halle von Narodowo. — Der Bettler war schon längst verschwunden. Aber als Josua Abramowski nur wenige Schritte aus dem Hofe war, sah er ihn auf einem Steine sitzen. „Ich wollte dir danken, X" sagte der Alte und erhob sich. „Aber besser wäre es gewesen, du hättest nichts gesagt." Josua Abramowski erwiderte nichts darauf. Schweigend gingen sie eine Weile neben einander her. — Es hatte zu schneien begonnen. Grosse nasse Flocken legten sich feucht auf ihre Bärte und Kleider und das Gehen war noch erschwerter wie vordem. Die Luft war dick von Feuchtigkeit und machte den Atem schwer. ,,Gehst du jetzt nach Hause:" fragte der Mützenhändler den Alten. „Ich bin nirgend zu Hause," erwiederte dieser ergeben. Ich wandere und wandere — durch die Steppe bin ich gewandert und das grosse Mütterchen Wolga entlang und wo man mir ein Stück Brot gab und einen Platz zum Sitzen, da war ich für eine Stunde zu Hause. ,,Ich gehe jetzt ins Dorf -- " er deutete auf einige Lichter, die fern schimmerten — ,,dort wird wohl ein christlicher Mensch mich irgendwo in seinem Hause schlafen lassen." „Ja komm lass uns rasch her gehen," sagte der andere. ,,Es ist kalt und der müde Leib sehnt sich nach Wärme und das Haupt nach dem Kissen. —" Und wieder gingen sie schweigend. Wirbelnd stoben die Flocken um sie her in der Dunkelheit, aber vor ihnen waren die fernen Lichter. Stumpf und gedankenlos ging der Alte. Aber der Mützenhändler träumte mit halb geschlossenen Augen schauernd in der feuchten Kälte. Er träumte von seinem stillen Hause und von seinem jungen Weibe. Er wusste, sie sass schweigsam und traurig, wenn er fort war, denn noch hatten die Wände kein Kinderlachen oder Weinen gehört. Und er musste wandern, wandern wie jener alte Bettler neben ihm. Er hatte ein Haus und war dennoch ein Sturmgetriebener. Aber wanderte nicht sein ganzes Volk schon Jahrtausende lang ruhelos und suchend durch das Leben wie durch eine weite öde Heide, über die der Wind mit Klagesängen fuhr? — Heftiger bliess der Sturm und schlug ihm eine nasse Handvoll Schnee in die Augen. Er fuhr auf und griff unwillkürlich nach der Hand des Alten. ■„Ja," sagte er vor sich hin, ,,ja — wir Heimatlosen. ..." „BRUDER!" Ein Erlebnis von Neudatschnikoff. Aus dem Russischen übertragen von Dr. S. Rubinstein. Nachdem ich mich einige Herbsttage in H. aufgehalten hatte, begab ich mich zum Dampfer, um nach Kiew zu reisen. Es gelang mir auch in der Kajüte ein ziemlich gemütliches Eckchen zu erwischen. Ausser mir waren in der Kajüte noch zwei Passagiere anwesend. Einer von ihnen, ein Mann von ungefähr dreissig Jahren, mit einem schwarzen Bärtchen ä la Boulauger war glücklicher Besitzer des anderen Eckplatzes in der Kajüte. Neben ihm sass ein brünetter, ziemlich hübscher junger Mann mit rosigen Wangen und ewig lächelndem Mund. Die Beiden tranken Tee und unterhielten sich. Aus ihrem ganzen Benehmen war zu ersehen, dass sie erst auf dem Dampfer miteinander bekannt geworden waren. Als der zweite Sigualpfiff ertönte, kamen noch zwei Passagiere in die Kajüte: ein Student und ein Jude in langem Rock. Der Jude belegte einen Platz mitten in der Kajüte und stellte seinen Korb, der ziemlich respekteinflössende Dimensionen besass, unter den grossen, der allgemeinen Benutzung überlassenen Tisch. Er setzte sich auch daselbst Nachdruck verboten. mitten in der Kajüte auf einen Stuhl und begann dann seinen langen Bart zu kämmen. Nachdem er diese Prozedur erledigt hatte, holte er ein mit Papieren gefülltes, schwarzgebundenes Taschenbuch hervor, und begann Notizen zu machen. Währenddessen wurden auf dem Deck Balken verladen, unter deren Gewicht jeden Augenblick die Decke der Kajüte erzitterte. Bei jedem derartigen Geräusch erhob der Jude seine Augen vom Notizbuch zur Decke und wiegte zweifellos den Kopf hin und her, als ob er fürchtete, dass die Decke über uns einstürzen könnte. Endlich war oben alles ruhig. Der Jude hatte seine Notizen beendet, erhob sich vom Stuhl und begann in der Kajüte auf und ab zu schreiten, wobei er bald an dem einen, bald an dem andern Fenster stehen blieb. Das dritte Signal ertönte und der Dampfer setzte sich in Bewegung. Ich ging aufs Deck, um mir die malerisch gelegenen Ufer genauer anzusehen. Gleich nach mir kam auch der Herr mit dem Bärtchen aufs Deck. "Wir stellten uns

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.