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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 431 - 432

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Der Mützenhändler
Date
1906-05-01
Page
Seite 431 - 432 (sequence 2)
Language
German
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431 Ludmilla von Rehren: Der Mützenhändler. 432 befehlende Stimme und Pawel Gawrilowitsch Suwalki kam breit und ansehnlich hereingestampft. Er war ein sehr stattlich anzusehender Herr, noch ganz nach alter Art. Sein mächtiger Körper steckte in einem blauen Kaftan von feinstem Tuch, der mit einer roten Seidenschärpe gegürtet war und an den Füssen trug er hohe, glänzende Stiefel. Die Augen funkelten scharf unter buschigen Brauen und sein langer Bart fiel gleich unzähligen Fäden weisser Seide auf die Brust herab. Das Gesinde trat scheu zurück. Pawil Gawrilowitsch war sehr gefürchtet. Wenn seine Augen zornig aufflammten hob sich auch gar zu leicht die Hand mit der Kosackenpeitsche, die sie jetzt nur spielend hielt. „Der Mützenhändler ist da", wagte eine junge Magd zu antworten. Pawel Gawrilowitsch schien guter Laune zu sein. ,.Ach, der Abramke — was hast du denn Neues Jude:" sagte er, trat an den sich tief verneigenden heran und betrachtete belustigt die ausgebreiteten Waren. Das Gesinde stand da und wagte nicht mehr seinen Handel fortzusetzen. Pawel Gawrilowitsch schien sich aber gar nicht weiter lange aufhalten zu wollen. Er sagte noch ein paar ziemlich gnädige Worte und machte Miene, sich in die Herrschaftszimmer zurückzuziehen. In diesem Augenblicke kam ein hübscher Knabe aus der Tür gestürzt, die seitwärts in die Küche führte. Ihm folgten mit lautem Bellen zwei riesige junge Hunde, die einander in grossen Sprüngen in der Halle herumzuhetzen begannen und überall auf dem Fussboden die Spuren ihrer nassen Pfoten zurückliessen. Der Knabe lief auf Pawel Gawrilowitsch zu und rief mit klagender und zorniger Stimme: ,,Grossväterchen höre — ich komme eben mit Schulik und Schecko in die Küche und will ihnen heute selbst ihr Fleisch geben. Da hat es die Akulina gerade dem alten hässlichen Bettler gegeben, der immer her kommt. Ich habe ihnen aber befohlen gleich zu dir zu kommen. Sei recht böse zu ihnen Grossväterchen". Das hübsche Gesicht des Knaben war zornig und hochmütig verzerrt. Pawel Gawrilowitschens Brauen zuckten „Wo sind sie?" fragte er. Die Köchin und der Bettler traten scheu hinter der Tür hervor. ,,Was soll das heissen, Akulina?" fragte der Herr streng, während sein kleiner Enkel sich neben ihn stellte und mit einem neugierigen und befriedigten Gesicht zuhörte. ,,Ihr alle wisst, ich habe nichts dagegen, dass die Bettler reiche Gaben hier im Hause erhalten, ich gebe selbst jedem, der mich bittet reichlich und Gott segnet mich auch dafür. Aber meine Befehle will ich respecktiert sehen und was Peter Afanassjewitscb, mein lieber Enkel wünscht, soll geschehen, so habe ich befohlen. Nun, wie ist das, Akulina, he? Kannst wohl nicht antworten, du Närrin?" Die stattliche Köchin war jetzt ein Bild der Angst. Zitternd und unter Tränen brachte sie hervor: „Ich — ich habe es ihm nicht gegeben, er hat es selbst genommen . . ." Die Augen des alten Bettlers öffneten sich weit in einem hiltlosen Erstaunen, als jetzt der Herr ihn anfuhr: „So, also das ist der Dank für die vielen Wohltaten, die du hier erhalten hast? Du kommst her, um zu stehlen 1" Die Lippen des Alten zitterten und der Ausdruck ängstlicher Demut in seinem Gesichte trat noch deutlicher hervor. Aber er antwortete ziemlich ruhig, indem er sich dabei fast bis zur Erde verbeugte: „Wohltäter, sie weiss nicht, was sie spricht. Sie hat mir aus gutem Herzen das Fleisch gegeben, und sagte, es wäre zu gut für die Hunde, die könnten auch einmal etwas anderes bekommen. Ich habe noch nie gestohlen." „Wie er lügt, wie er lügt!" schrie die Köchin in ihrer Angst. ,,Er hat es genommen — als ich einige Augenblicke fortging, hat er es vom Tische genommen und in seinen Sack gesteckt." Sie schlug die Schürze vors Gesicht und brach in ein lautes Angstgeheul aus. Pawel Gawrilowitschens nicht allzu reichlich zugemessene Geduld war erschöpft. ,,Schweig," herrschte er Akulina an, die erschrocken zusammen fuhr und möglichst weit zurückwich. Pawel Gawrilowitsch sah aber auch zum fürchten aus mit seinen bösen Augen. „Ich will gar nicht wissen, wer schuld ist," schrie er. Du, Akulina, bekommst noch deine Strafe, und du, alter Narr — packe dich fort und komme mir nicht mehr unter die Augen." Und die Kosackenpeitsche erhebend, schlug er den Alten mehrmals über Kopf und Rücken. Die Dienerschaft stand zitternd. Einige hatten sich schon bereits verstohlen fortgeschlichen. Kein lauter Ton war in der weiten Halle zu hören. Josua Abramowski hatte viel Demütigungen und viel Leid in seinem Leben gesehen und hatte gelernt, das Schweigen in den meisten Fällen das beste ist. Aber jetzt wallte das heisse südliche Blut heftig in ihm empor. Auch seine Augen funkelten; er trat einige Schritte vor und mit einer Kühnheit, die ihm selbst unerklärlich war, sagte er laut: ,,Herr, das war Unrecht, das war schlecht..." Pawel Gawrilowitsch drehte sich erstaunt um und wusste augenscheinlich nicht gleich, was er sagen sollte. Die Dienerschaft stand wie erstarrt und erwartete jetzt irgend etwas schreckliches. Aber Pawel Gawrilowitsch blieb merkwürdig ruhig; vielleicht imponierte ihm auch im stillen das Auftreten des Händlers. ,,Es ist nicht deine Sache, fremde Kinder zu wiegen, Jude," sagte er nach einer Weile kalt." Sei froh, dass ich heute gnädig gelaunt bin, sonst . . . Aber mach, dass du fortkommst, es könnte mich vielleicht noch reuen." Dabei schlug er mit der Peitsche verächtlich unter die Mützen und warf ein paar auf den Fussboden, wo sie übereinander kugelten, worauf er stolz und stattlich sich in die Wohnzimmer begab.

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