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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Bialystok - christliche Nächstenliebe?
Date
1906-05-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 3)
Language
German
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411 Dr. Julius Moses: Bialystok — Christliche Nächstenliebe. 412 kühlt sich ab, man vergisst das Unglück und — alles geht wieder seinen gewohnten alten Weg! •— So war es, als in den achtziger Jahren die grossen Judenverfolgungen begannen, so war es nach der grossen Austreibung Anfang der neunziger Jahre, so war es vor 3 Jahren nach Kischinew und Hornel, so war es <im vorigen Winter, und ich fürchte, so wird es auch diesmal sein! Wenn sich doch endlich einmal unsere einflussreichen Juden in Deutschland klar vor Augen stellen würden, dass mit Geldsammlungen bei Unglücksfällen allein gar nichts geschaffen ist. Glaubt denn jemand unter uns, dass diese Judenmetzelei in Russland die letzte gewesen ist? Sollen unsere russischen Brüder immer nur weiter hoffen und hoffen auf den Fortschritt der Zeit? Wir Juden hoffen ja schon seit zwei Jahrtausenden vergebens darauf. Wenn unsere einflussreichen Stammesbrüder doch zu den offenen Herzen und offenen Händen endlich einmal auch offene Augen bekommen würden! Gewiss, in diesem Augenblick müssen wir für die Witwen und Waisen unserer Opfer sorgen, aber noch höher als diese Sorge steht uns die Zukunft der russischen Brüder. Wir müssen uns aufs eifrigste mit der Judenfrage befassen, vorbeugend wirken, nicht erst in Aktion treten, wenn das Unglück da ist, sondern Mittel und Wege suchen, um solch gewaltigen Schicksalsschlägen vorzubeugen! Wenn das die Frucht dieser Judenmetzeleien sein sollte, dann wollen wir ,,Gam su letauwo" sprechen. Meine verehrten Anwesenden! Lassen Sie mich schliessen, indem ich noch einem Gedanken Ausdruck gebe! Immer, wenn uns Juden irgend ein Gegenstand von geringerer Bedeutung zur Diskussion gestellt wird, sucht man diese Diskussion zu untergraben unter Hinweis auf die Einigkeit, in solchen trüben Zeiten! Man meint mit dieser Einigkeit, dass die Gegner ihre Anschauung aufgeben und sich zu der bekehren sollen, die die Rufer nach Einigkeit als die allein seligmachende hinstellen! Ich hasse diesen fortwährenden Ruf nach Einigkeit und noch mehr diese Art von Einigkeit, wenn es sich um Dinge handelt, die eines geistigen Hinüber und Herüber bedürfen und die zumeist nur einem räumlich begrenzten Bruchteil unseres jüdischen Volkes dient. Nur in einem einzigen Punkt darf und soll der Ruf nach Einigkeit in alle jüdische Herzen dringen: Wenn es sich um die Ehre, den Stolz und die Zukunft des gesamten jüdischen Volkes handelt! Hier wollen, hier müssen wir einig sein! Und so wie wir am heutigen Abend uns in voller Einmütigkeit zu einem einmütigen Protest zusammengefunden, gleichgültig ob wir Zionisten oder nicht zionistisch gesinnt sind, wollen wir auch unsern hartgeprüften russischen Brüdern in dieser schweren Zeit zurufen: „Seid einig, einig, einig!" So wie Eure Vertreter in der Duma, Zionisten und Antizionisten sich einmütig um das jüdische Banner geschart, so sollt auch ihr in diesen schweren Zeiten alle Gegensätze vergessen und nur das eine Grosse, Gesamte im Auge behalten: Die Zukunft des jüdischen Volkes! Euch alle, ob ihr jüdisch-national gesinnt seid oder nicht, ob Anhänger oder Gegner des sozialistischen Bundes, ob orthodox oder liberal, arm oder reich, hoch oder niedrig, männlich oder weiblich, Euch alle hält, — um mit den Worten eines Dichters zu schliessen — : „Euch hält zusammen die gleiche Not Voll Mühen und Gefahren. Ihr müsstet, von Feinden rings bedroht Die jüdische Freiheit wahren! Für sie den Kampf bis zum letzten Hauch 1 Und naht dann das Verderben, Dann sollet mutig, nach Väter Brauch Ihr für die Freiheit sterben!" ftf Hm Jordan. ncidjbrucfc verboten. Die Sonne fank im ^Heften. 6rofs und rot Lag fic verblutend auf den fernen Rohen* 6in fahles Leuchten noch, das fttll verloht. — Nun ftarrt das "Cal verödet, grau und tot» Mattfcbimmernd nur die Camartsken ftehen. Und klingend zieht der Jordan feine Bahn Und raufcht ein Lied aus längftverfcbollnen Tragen. 6tn Lied von Glaubensftolz und irrem 3Hahn, Ton hehrer Pracht und manchem blut'gen Span, Ton 'Jubelhymnen und von "Codeshlagen. Hm Strom hielt wandermiid' ein ftiller ]Mann, Sah OTcir um 3Helle raunend niedergleiten Und laufebte ftumm dem Lied und fann und fann. Reifs eine "Grane in den Bart ihm rann, Hls er fich langfam wandt' zum Cdeiterfcbreiten. Berlin. Siegbert Satter. *?\

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