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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 409 - 410

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Bialystok - christliche Nächstenliebe?
Date
1906-05-01
Page
Seite 409 - 410 (sequence 2)
Language
German
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409 Dr. Julius Moses: Bialystok — Christliche Nächstenliebe. 410 Hat man denn in den Kreisen, die sich als die patentierten Hüter der Rel'gion, Sitte und Ordnung überall ausgeben, gar kein Gefühl mehr für diese grauenerregender Denkmäler der Kultur des 20. Jahrhunderts? Vor den Augen aller zivilisierten christlichen Nationen werden seit Jahrzehnten Hunderttausende von Menschen, von lebendigen, fühlenden und empfindenden Menschen durch eine Rotte von Bluthunden in Menschengestalt gehetzt und gepeinigt, — im stillen verurteilt man vielleicht diese Niedertracht, — aber die hohe Politik, die nationalen Interessen verbieten es, sich in die „inneren Angelegenheiten" eines fremden Staates zu mengen! — Seit 2 Jahrzehnten und darüber erleben wir es tagtäglich mit Schaudern, dass man au den Bahnhöfen in Wien und Breslau und Berlin und Hamburg die unglücklichen Opfer des Judenhasses, Männer, Frauen, Kinder, Greise, Jünglinge und Mädchen scharenweise kauern sieht, für ein paar Stunden Rast machend auf dem ungewissen Wege ins Exil! Auf der Scholle, auf der sie geboren sind und wo ihre Väter und Grossväter gelebt, werden sie nicht geduldet, grausame und heuchlerische Gesetze zählen sie zu den Fremden, denen jedes Recht und jede Möglichkeit des Lebensunterhaltes verkümmert, jede ehrliche Arbeit verwehrt wirdl Ihre einzige Zuflucht ist die Auswanderung, der blutende Verzicht auf Haus und Hof, auf die Erde, in der ihre Toten schlafen! Zu Tausenden und Abertausenden ziehen sie in die Ferne, aber an allen Grenzen der zivilisierten christlichen Nationen lässt man sie nur unter der Bedingung sein, dass sie weiter ziehen, immer weiter und weiter: Wie es im Uriel Acosta heisst: „Ein schüchtern Wild aus einem fernen Wald, Das zitternd stutzt bei jedem Christengruss, Ein Argwohn nur, ihr miisst von dannen ziehn, Des Ahasweros Söhne, müsst ihr wandern, Und wandern, wandern, wandern ruhelos!" Ja! immer weiter müssen sie wandein, hinüber über das grosse Meer und auch dort beginnt schon das Mitleid mit ihnen zusammenzuschrumpfen, angesichts der zahllosen Mengen von Armen und Unglücklichen, welche Zuflucht und Gastlichkeit dort drüben suchen! — Meine verehrten Anwesenden! Heimatlos zu sein, wo man geboren ist, gepeinigt und ausgestossen zu sein, wo man die Erinnerung an Eltern und Grosseltern zurücklässt: gibt es ein schrecklicheres Geschick, eine blutigere Verhöhnung der Menschlichkeit, der Zivilisation, der Gerechtigkeit, der christlichen Nächstenliebe? Hier handelt es sich weder um Politik, noch um Konfession, hier handelt es sich um die elementarsten Grundlagen jeder menschlichen Gesittung, die von den Völkern Europas mit Füssen getreten werden. — Von den tausenden und abertausenden Leidensgesichtern der auswandernden Juden, die vor dem furchtbaren Geschick flüchten: an der Stätte ihrer Geburt recht- und heimatlos zu sein, kann man es ablesen, was es mit der europäischen Zivilisation auf sich hatl Ein unauslöschlicher Makel ist der Physiognomie unserer Zeit angeheftet und Europa und die zivilisierte christliche Welt macht sich zum Mitschuldigen an diesem Makel. Mit Recht hat Herr Rabbiner Dr. Weisse darauf hingewiesen: wenn irgend wo in einem ferneren Erdteile, bei den Hottentotten oder Chinesen oder sonst wo zwei oder drei Missionare hingemordet werden, dann geht ein Schrei des Entsetzens durch die ganze zivilisierte Welt, dann wird im Namen der Kultur und Humanität nach Sühne verlangt, blutige Sühne, dann werden Truppen und Schiffe hinausgesandt in die fernen Weiten, um die Frevler ihrer gerechten Bestrafung entgegenzuführen! Wenn es sich aber um Juden handelt, nicht um zwei, nicht um drei, sondern um Tausende und Abertausende, die nichts weiter verbrochen, als dass eine jüdische Mutter sie unter ihrem Herzen getragen, als dass sie dem Volk und dem Stamm angehören, das der gesamten Welt die Kultur gegeben, die Lehren der Humanität, die Lehren der Nächstenliebe verkündet, der Nächstenliebe, die man uns absprechen will und die sie einzig und allein in Erbpacht genommen zu haben glauben, wenn es sich um Juden handelt, um russische Juden — dann geht kein Schrei der Entrüstung durch die zivilisierte Welt, dann rührt sich nicht da europäische Gewissen — man kann sich doch nicht in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates mischen?! Ja kann man da fragen: Ist das die Höhe Eurer Zivilisation? Eurer Kultur? Wo sind da die patentierten Hüter der christlichen Religion, Sitte und Ordnung? Wo bleibt da der Protestruf, den das gesamte Christentum, nicht das Judentum, sondern das Christentum einmütig ei heben müsste gegen die unchristlichen barbarischen Greuel, verübt an dem Stamm, aus dem der Stifter der christlichen Religion selbst hervorgegangen?! ,,Gam su letauwo!" „Auch das ist zum Guten!" So pflegten und pflegen unsere Frommen in Israel jedesmal auszurufen, wenn grosses Leid und schweres Schicksal sie betrafen! ,,Gam su letauwo!" Auch das wird vielleicht zum Guten ausschlagen! So können auch wir vielleicht angesichts der Gräuel ausrufen! Wir können zwar unschuldigen Kindern nicht ihre ermordeten Mütter und wahnsinnig herumirrenden Müttern nicht ihre grausam hingeschlachteten Kindlein wiedergeben; und wenn wir Millionen und Abermillionen sammeln würden, das Leid und das Elend und den grenzenlosen Jammer vermögen wir nicht zu stillen! Aber das wird vielleicht das ,,Gam su letauwo" sein: Dass unsere einflussreichen deutschen Juden endlich einmal aufgerüttelt werden aus ihrer Lethargie den russischen Stammesbrüdern gegenüber. Wir Juden sind ein Volk von Temperament. Bricht über die Juden irgendwo auf der Welt ein Elementarereighis herein, dann gerät plötzlich unser orientalisches Blut in siedende Wallung, unser gutes jüdisches Herz längt auf einmal an, das jüdische Elend tiefer zu fühlen, die allzeit bewährte jüdische Hand öffnet sich weit auf, um den verunglückten Brüdern Hille zu leisten! Sobald aber die ersten heissen, beunruhigenden Momente vorüber sind, so beruhigen auch wir uns gleich: Das tiefe aufrichtige Mitgefühl

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