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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 369 - 370

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Martin Philippson
Date
1906-05-01
Page
Seite 369 - 370 (sequence 3)
Language
German
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369 Dr. Max Eschelbacher: Martin Philippson. 370 zu vernichten, und Philippson hat es selber oft ausgesprochen »Genies können wir nicht züchten". Aber von äusseren Schwierigkeiten hat er viele mit dauerndem Erfolg aus dem Wege geräumt. Es sind nicht ausgetretene Wege, auf denen er geht. Ihn treiben Gedanken, so modern, dass sie der Zustimmung unserer Tage oft vorauseilen. Aber der künftige Historiker des Judentums wird es ihm nicht vergessen, dass er es gewesen ist, der, als die antisemitische Flut stieg, einen Judentag forderte, und auch vor diesem Wort, das anderen Bedenken einflösste, nicht zurückschreckte.*) Sein Gedanke ist nicht ganz in der Form, die er geplant hatte, zur Ausführung gelangt, aber mit Dank haben wir alle es damals erfahren, wie Philippsons Mahnruf in die Erörterung der Judenfrage plötzlich einen Ton brachte, den wir von offizieller Seite bis dahin noch nicht vernommen hatten. Aber nicht für die Juden Deutschlands allein schafft er. Der Grösse des gesamten Judentums, wo immer es sei, gilt seine Sorge. Da er in Jerusalem weilt, kränkt es ihn, dass Baedecker von den Juden nichts zu berichten weiss, als »das schmutzige Judenquartier enthält nichts Bemerkenswertes," und all in dem Elend erhebt sich vor seiner Seele ein Zukunftsbild,**) »auf einem weithin sichtbaren Punkte der neuenJudenstadtjerusalemsmüsste sich eine grosse, prächtige und doch edle, eindrucksvolle Synagoge erheben als Wahrzeichen dafür, dass die jüdische Gemeinschaft noch heute in der allen heiligen Hauptstadt gleichberechtigt den Tochterreligionen zur Seite steht. So würde an diesem Mittelpunkte der religiösen Kulturwelt die ewige Lebensfähigkeit des israelitischen Stammes und seines Bekenntnisses augenfällig dargetan, so der jüdische Charakter unserer Stadt Jerusalem nachdrücklich erwiesen, so andererseits die einheimische jüdische Bevölkerung zum Bewusstsein ihrer Würde, ihres wirklichen Ranges unter der Gesamteinwohnerschaft und ihrer Bestimmung als Repräsentantin des früheren Nationalstaates erhoben werden." Nun, da er in voller Kraft in sein siebentes Jahrzehnt eintritt, wissen wir ihm nichts Besseres zu wünschen, als dass er schauen dürfe, wie seine Ideale lebendig werden. Möge es ihm vergönnt sein, an der Seite seiner treuen, gleich gestimmten Gattin noch lange rüstig fortzuarbeiten für die Gemeinschaft, deren Sorgen die seinen geworden sind. Viele Länder und Menschen hat er gesehen, in viele Zeiten mit empfänglicher Seele sich versenkt, immer aber ist er in guten und in bösen Tagen zum Judentum zurückgekehrt. Und darum ist sein Wirken und Schaffen uns Trost und Erhebung. Denn sein Leben offenbart die Macht, mit der das Judentum jeden ergreift, der mit Liebe ihm sich naht, und für das alte Trostwort, dass Israel nicht verwaist, ist Martin Philippson uns Zeuge und Eideshelfer geworden. EIN FRUEHLINO. Von Schalom Asch. Frei nachgedichtet von Theodor Zlocisti. Aus meinem Heim gejagt. Vom Blute rot war mein Weg; und der Lärm vor mir und wilde Rufe hinter mir waren meine Wegbegleiter. Milde und krank kam ich in die fremde Gegend. Unter fremdem Himmel, an einem fremden Teiche schlug ich mein Gezelt auf. Die Erde, die mein Fuss betrat, erkannte mich nicht. Weit über mir schwebte der Himmel fort; und Fremdheit und Gleichgültigkeit rings um mich. Meine Sprache verstand man nicht in jener Gegend. Wild erschien mein Gewand, und sie lachten bei meines Kindes Weinen. Weit, weit war mein Gott von mir. Wie konnte er da mein Gebet erhören! . . . In meines Mantels Falten lag noch des Todes Hauch, den ich aus meinem Heime mitgeschleppt. Nacht und Trauer schwebten mir noch vor dem Auge, und in meinen Träumen sah ich noch des Henkers Schwert über meinem Haupte hängen. Gräbergewein hallte in meinem Herzen, wie wenn ein Vater Kaddisch *) Siehe „Ost und West", Jg. II. No. 12, M. Philippson, „Bedürfen die deutschen Juden eine Gesamtorganisation". **) Siehe „Ost und West", Jg. V. No. 7/8, M. Philippson, „Jerusalem". Nadidruck verboten. sagt auf seines Kindes Grab. Und finster tobte noch der Wind um mich . . . Sei gegrüsst, Sonne! Wie süsser Sang bist du in mein Stübchen gedrungen! Und lachend wie ein Kind hast du mit den Schatten über meinem Haupte gespielt. Und wobst mich ganz in lichte Strahlen ein! . . . Mein müdes Haupt hast du geküsst und das Blut in meinen Adern jung gemacht. Dein liebes Licht hat meine Glieder geheilt. Und süsse Hoffnung gabst du mir ins Herz. . . In deinem Schosse lag mein krankes Haupt. Du aber machtest mich frei. Und Messest mich die freien Lütte atmen — deine Veilchenlüfte. . . Du hast mir die Tränen von der AVange gewischt und wie mit Mutterhänden mir das Haar gestreichelt. . . . Du hast mich in die Gasse gelockt. In Dämmerdunkel war die Welt gehüllt. Leichte Schatten schweben. Hoch oben am Himmel das Wallen der Wolken. Die Sonne hüllt sich in dichte Schleier ein. Und dann und wann sinkt durch einen Wolkenspalt

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