Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Martin Philippson
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 2)
- Language
- German
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367 Dr. Max Eschelbacher: Martin Philippson. 368 erweitern sich zugleich zu Gemälden ganzer Epochen. Sein „Leben Forckenbecks" ist in Wahrheit die parlamentarische Geschichte Deutschlands im Zeitalter Wilhelms I. und sein Leben Kaiser Friedrichs gibt ein Gesamtbild der Jahre 1840—1888. Zu einem grossen Teil unserer Historiker steht er dabei in scharfem Gegensatz. Wer den Gang des IQ. Jahrhunderts kennen lernen will, erhält von jenen oft eine Brille mit nationalistisch gefärbten Gläsern. Er sieht dann vieles einseitig und falsch. Wenig nur fehlt daran, dass Friedrich Wilhelm III. von Treitschke zum Heros gestempelt wird, und immer erscheinen dort die Juden als die Werkzeuge des Teufels. Es ist demgegenüber ein Hauptverdienst Philippsons, dass er immer und immer wieder das verzerrte und schiefe Bild, das so entstanden ist, korrigiert hat. Zu seiner Darstellung wird darum immer wieder zurückkehren, wer nicht willenlos von der Strömung sich treiben lassen möchte, die bei der Beurteilung der neuen Zeit gerade die herrschende ist. Philippson hat die akademische Laufbahn in Deutschland aufgegeben, weil er seine Ueberzeugung nicht dem Moloch der Karriere zum Opfer bringen wollte. Doch es hat noch mehr Leute gegeben, denen ihr Judentum es schwer machte, auf der Leiter zum Erfolg emporzuklettern, und die ihm dennoch treu geblieben sind. Aber die Dankbarkeit, die wir ihnen schulden, haben sie oft selber beeinträchtigt. Denn nicht selten ist all ihr Reden nur noch der Ausdruck ihrer Verbitterung gegen das Judentum, das ihnen zum Schaden geworden. Sie sind nicht ins andere Lager ausgerissen, aber sie haben in den Schmollwinkel sich zurückgezogen. Im Gegensatz zu ihnen ist es der Ruhm von Philippson, dass er nie mitgesungen hat im Chorus der Verbitterten. Er hat stets mit aufrichtiger Liebe Anteil genommen am Lebendes Judentums. Seit seinen frühesten Tagen steht er ihm nahe. Das bekundet auch seine literarische Tätigkeit. Nach dem Tode seines Vaters hat er dessen gesammelte Schriften, Zierden der jüdischen Belletristik herausgegeben. Die Biographie, mit der er die Sammlung einleitet, gibt ein packendes Bild vom Leben seines Vaters. Ueber viele brennende Zeitfragen hat er publizistisch sich geäussert.*) Seit langem schildert er in den Jahrbüchern der Vereine für jüdische Geschichte" und Literatur regelmässig in grossen Zügen, was das abgelaufene Jahr an Gutem und an Schlimmem uns brachte, und die jüngste seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist eine Untersuchung über den Anteil der Juden an den Befreiungskriegen. Doch die wissenschaftliche Tätigkeit ist nicht das einzige Feld, auf dem der Mensch Nachruhm erntet. Ein grosser, der neue Bahnen uns gewiesen, schrieb in hohem Alter am Eingang seines letzten Werkes: »Dieses Werk soll nicht meiner *) Nicht zum wenigsten in den Bänden dieser Zeitschrift. Arbeit ein dauerndes Gedächtnis stiften. Denn dieses Buch wird, wie alle meine Schreibereien, über kurz oder lang aus den Händen und von den Tischen der Studierenden verschwunden sein und über anderen vergessen werden." Aber unvergessen bleibt, wer menschlich der Menschen sich annimmt, und das hat Philippson getan. Denn wichtiger noch als seine wissenschaftliche, ist seine praktische Tätigkeit als Leiter grosser jüdischer Institutionen. Seit zehn Jahren steht Philippson an der Spitze des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, der grössten innerjüdischen Vereinigung Deutschlands. Das ist ein wichtiger Posten. Wer einmal Philippsons Wirken so beschreiben wollte, wie er selber das Leben Forkenbecks geschildert hat, der würde damit zugleich einen guten Teil der Gesamtgeschichte des deutschen Judentums während der Zeit seiner Präsidentschaft geben müssen, denn mit vielem, was da geschehen ist, bleibt Philippsons Name verbunden. In der Zeit seiner Leitung hat der Gemeindebund den Kreis seiner Aufgaben weit ausgedehnt. Provinzialverbände sind geschaffen, Bezirksrabbinate errichtet worden,Siechenhäuser und Handwerkervereinigungen, Anstalten für Geistesschwache und Arbeiterkolonien sind entstanden, soziale Anstalten, wie sie die frühere Zeit nicht gekannt hatte. Als vor sechs Jahren das preussische Fürsorgegesetz in Kraft trat, das eine neue Art von Hilfetätigkeit schuf, da fand es auch die preussische Judenheit auf dem Plan; es wurde die Kolonie in Repzin begründet von dem unvergesslichen Eugen Rosenstiel, während der Gemeindebund unter Leitung von Philippson stand; heute schon hat die Tätigkeit des Gemeindebundes einen Umfang, wie ein Ministerium in einem Kleinstaat, nach dem Ausdruck eines Mitarbeiters von Philippson. Schwierige Aufgaben, namentlich die Zentralisation der jüdischen Gemeinden, sind in Angriff genommen. Dankbar erkennen dabei alle es an, wie gern Philippson auf jede Anregungeingeht. Und alle dievielen schwebenden Unternehmungen schreiten dabei flott vorwärts. Von Waldeck-Rousseau hat einmal jemand gesagt, er habe eine eiserne Faust in einem sammeten Handschuh. So sieht auch hier der teilnehmende Zuschauer oft mit stillem Ergötzen, wie Philippson in der urbansten, liebenswürdigsten Form doch zugleich mit der zähesten Energie dafür sorgt, dass, was einmal angefangen ist, nicht im Sumpfe stecken bleibe. Dabei hütet er sich aber doch vor kleinlichem Eingreifen in das Detail, so dass der Fortgang des Werks gesichert ist und doch alle Beteiligten das Bewusstsein haben, aus eigener Kraft frei zu wirken. Neben dem Gemeindebund leitet Philippson seit ihrer Begründung die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, auch darin seinem Vater ähnlich, der einst das »Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" ins Leben gerufen hatte. Die Blüte der jüdischen Wissenschaft droht mancher Frost